Übergewichtige Eltern: Warum sie sich als besonders gute Mütter und Väter beweisen müssen
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 09:03 Uhr | dpa, AD HOC NEWSJolyn Muijsers kennt den Druck, als Mutter mit hohem Körpergewicht besonders genau beobachtet zu werden: In ihren schwersten Zeiten wog die 44-Jährige 140 Kilogramm und fragte sich häufig, ob andere ihr die Kontrolle über ihre Kinder absprechen.
Erlebnisse im Familienalltag
Eine Achterbahnfahrt endete für Muijsers, als der Sicherheitsbügel nicht zuging und sie mit ihrem protestierenden Kind wieder aussteigen musste. Strandtage ließ sie ausfallen, weil sie sich nicht im Badeanzug zeigen wollte. Zugleich betont sie, dass Pausenbrote und Geburtstagskuchen in ihrer Familie nicht weniger gesund gewesen seien als anderswo.
Muijsers lebt in Flensburg, arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte einer Hochschule und hat zwei Söhne im Alter von 15 und 17 Jahren. Ihr Mann und die beiden Kinder seien groß und schlank. Nach Angaben der Mutter nahm sie früh stark zu; als einen Auslöser nennt sie ein traumatisches Erlebnis in ihrer Kindheit.
Forschung zu Gewichtsstigmatisierung
Die Frankfurter Wissenschaftlerin Judith Pape-Greif von der Frankfurt University of Applied Sciences forscht zu Eltern mit hohem Körpergewicht. Für ihre Dissertation im Fachbereich Soziale Arbeit interviewte sie sechs Mütter und vier Väter. Muijsers war eine der Befragten.
Pape-Greif wollte mit den Betroffenen sprechen, statt nur über sie zu forschen. In den Gesprächen erkannte sie ein breites Spektrum individueller Erfahrungen, zugleich aber viele gemeinsame Berichte über Ausgrenzung und Rechtfertigungsdruck.
Vorurteile über Erziehung und Fürsorge
Nach Darstellung der Forscherin stehen Eltern mit hohem Körpergewicht unter besonderer Beobachtung. Ihre Erziehungs- und Fürsorgekompetenz werde wegen ihres Körpergewichts häufig infrage gestellt. Dadurch entstehe der Druck, gesellschaftliche und moralische Vorstellungen guter Elternschaft besonders deutlich erfüllen zu müssen.
Muijsers berichtet, sie habe immer eine besonders gute Mutter sein wollen. Bei Elternabenden habe sie sich gefragt, ob ihre Söhne sich für sie schämten. Im Alltag schränke ihr Gewicht sie unter anderem bei Fahrradtouren und Wanderungen ein.
Erfahrungen in der Arztpraxis
Besonders belastend sei für sie der Blick anderer auf ihr Gewicht. Sie kritisiert die Gleichsetzung von Übergewicht mit sozialer Herkunft. Bei einem Kinderarzt habe sie zudem das Gefühl gehabt, für das Gewicht ihrer Kinder besonders verantwortlich gemacht zu werden. Ein Scherz über Süßigkeiten habe sie verletzt, auch wenn er nicht so gemeint gewesen sei.
Pape-Greif beschreibt neben offenen Diskriminierungserfahrungen einen erhöhten Rechtfertigungsdruck hinsichtlich der Elternschaft. Eine Familie werde von Menschen mit hohem Körpergewicht mitunter als Nachweis der eigenen Normalität wahrgenommen. Muijsers hat nach eigenen Angaben zuletzt 30 Kilogramm abgenommen, sich ein Rennrad gekauft und will ihr Gewicht zumindest halten.
Stigma trifft den Familienalltag
Die geschilderten Erfahrungen zeigen, dass Gewichtsstigmatisierung nicht auf medizinische Situationen beschränkt bleibt. Sie kann Freizeit, Mobilität und soziale Teilhabe prägen – etwa wenn passende Sitze fehlen, Blicke erwartet werden oder Betroffene Begegnungen vermeiden. Für Eltern kommt eine zweite Ebene hinzu: Ihr Körper wird nicht nur bewertet, sondern mit ihrer Fürsorge- und Erziehungskompetenz verknüpft.
Damit berührt das Thema ein verbreitetes gesellschaftliches Muster. Körpergewicht wird häufig als sichtbares Zeichen persönlicher Disziplin interpretiert, obwohl Gewicht von zahlreichen biologischen, psychischen, sozialen und strukturellen Faktoren beeinflusst wird. Die Gleichsetzung von Körperfülle mit Nachlässigkeit oder sozialer Zugehörigkeit kann Vorurteile im Alltag, in Bildungseinrichtungen und im Gesundheitswesen verstärken.
Konsequenzen für Kinder und Institutionen
Für Familien kann der Rechtfertigungsdruck dazu führen, dass Eltern Aktivitäten vermeiden oder ihre eigene Elternrolle übermäßig kontrollieren. Kinder erleben zugleich, wie über Körper gesprochen und welche Körper als selbstverständlich behandelt werden. Das macht einen respektvollen Umgang in Arztpraxen, Schulen, Freizeitangeboten und öffentlichen Verkehrsmitteln besonders bedeutsam.
Die Forschung von Judith Pape-Greif setzt deshalb bei den Erzählungen der Betroffenen an. Ihre geplante Buchveröffentlichung kann die bislang wenig sichtbare Perspektive übergewichtiger Eltern einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Für Leserinnen und Leser liegt die konkrete Bedeutung darin, Verhalten und elterliche Kompetenz nicht aus dem Körperumfang abzuleiten und Barrieren nicht als individuelles Versagen zu behandeln.
