Übergewicht in Deutschland: 67% der Männer und 53% der Frauen betroffen
20.06.2026 - 18:25:41 | boerse-global.de
Der Druck auf die Politik wächst – die Finanzlücke der Kassen ist enorm.
Präventionsbündnis schlägt Alarm
Ein breites Bündnis aus AOK, foodwatch und der Deutschen Diabetes Gesellschaft macht mobil. Unter dem Titel „Weniger Zucker“ fordern die Organisationen umfassende Reformen. Die Zahlen sind alarmierend: 67,1 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland gelten als übergewichtig. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist von Adipositas betroffen. Besonders kritisch: 15 Prozent der Jugendlichen sind übergewichtig, 6 Prozent sogar adipös.
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Pro Kopf konsumieren die Deutschen jährlich über 41 Kilogramm Zucker. Das Bündnis will das ändern – mit einem Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richten. Auch eine verständlichere Kennzeichnung von Produkten und verbindliche Standards für Kitas und Schulen stehen auf der Liste. Steuerliche Anreize für die Industrie sollen Rezepturen mit weniger Zucker fördern.
Milliardenkosten durch ungesunde Ernährung
Die wirtschaftlichen Folgen sind gewaltig. Schätzungen gehen von Folgekosten in Höhe von bis zu 63 Milliarden Euro aus. Tabakbedingte Erkrankungen schlagen mit rund 30 Milliarden Euro zu Buche, wie Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, betont.
Kein Wunder also, dass die Diskussion um Lenkungssteuern Fahrt aufnimmt. Neben der Zuckersteuer rücken auch höhere Abgaben auf Tabak und Alkohol in den Fokus. Der Drogen- und Suchtbeauftragte Hendrik Streeck argumentiert: Diese Produkte seien in Deutschland gemessen an den verursachten Schäden zu preiswert. Höhere Preise könnten besonders junge Menschen schützen. Unterstützung kommt von SPD und DAK, während Teile der Unionsfraktion Widerstand ankündigen.
Kassen droht Finanzloch von 18,8 Milliarden
Der Druck auf die Politik kommt nicht von ungefähr. Für 2027 wird eine Finanzierungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung von bis zu 18,8 Milliarden Euro prognostiziert. Gesundheitsministerin Nina Warken plant ein Sparpaket: höhere Zuzahlungen für Versicherte und Einschränkungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern.
DAK-Chef Andreas Storm schlägt einen anderen Weg vor: Mehreinnahmen durch höhere Tabak- und Alkoholsteuern, im Gegenzug eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel auf 7 Prozent. Der AOK-Verwaltungsrat fordert einen grundlegenden Kurswechsel. Der Bund müsse ausgabendeckende Beiträge für Bürgergeld-Empfänger zahlen – das würde die Kassen jährlich um über 9 Milliarden Euro entlasten.
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Internationale Vorbilder und heimischer Widerstand
Die Zuckersteuer bleibt politisch umstritten. Die frühere Ernährungsministerin Julia Klöckner lehnte sie ab und setzte auf Ernährungskompetenz und freiwillige Reduktionsstrategien der Industrie. International sieht das anders aus: In Großbritannien gibt es seit 2018 eine Zuckersteuer, Chile beschloss eine strikte Kennzeichnungspflicht für ungesunde Produkte.
Die Deutschen stehen dem Sparpaket der Regierung skeptisch gegenüber. Laut einer YouGov-Umfrage von Mitte Juni lehnen 61 Prozent die geplanten Ausgabenbremsen ab. 69 Prozent befürworten höhere Beiträge für Gutverdiener, 53 Prozent unterstützen die Streichung der Homöopathie aus dem Leistungskatalog. Höhere Zuzahlungen lehnen 72 Prozent ab. Die Lastenverteilung empfindet ein Großteil der Bevölkerung als ungerecht.
