Typ-2-Diabetes: ADA und EASD empfehlen neue Medikamente direkt ab Diagnose
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 23:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die führenden Fachgesellschaften für Diabetes haben ihre Leitlinien für die Behandlung des Typ-2-Diabetes grundlegend neu ausgerichtet. Der Diabetes-Konsens 2026 der American Diabetes Association (ADA) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) empfiehlt, SGLT2-Hemmer oder GLP-1-basierte Therapien künftig bereits unmittelbar ab der Diagnose einzusetzen. Dies soll unabhängig vom Ausgangswert des Blutzucker-Langzeitwerts HbA1c geschehen. Metformin verliert damit seinen Status als zwingend vorgeschriebene Erstlinientherapie, bleibt jedoch weiterhin als Behandlungsoption bestehen.
Vorgestellt wurde die Aktualisierung am 2. Oktober 2026 auf der 62. EASD-Jahrestagung in Mailand von Melanie Davies von der University of Leicester und John Buse von der University of North Carolina. Die gemeinsame Empfehlung erschien zeitgleich in den Fachzeitschriften Diabetologia und Diabetes Care.
Buse verdeutlichte bei der Vorstellung, dass die Leitlinie künftig nicht mehr Metformin als alleinigen ersten Schritt vorsieht, sondern den Vorrang für SGLT2-Hemmer oder GLP-1-Rezeptoragonisten festschreibt. Die 16-köpfige Autorengruppe stützte ihre GRADE-bewerteten Beschlüsse auf eine systematische Literatursuche für den Zeitraum von Mai 2022 bis Dezember 2025.
Direkter Organschutz rückt ins Zentrum der Ersttherapie
Als primäre Wirkstoffe für den Behandlungsstart nennt das Papier die SGLT2-Hemmer Empagliflozin und Dapagliflozin sowie GLP-1-basierte Substanzen wie Semaglutid, Dulaglutid und Tirzepatid.
Der kardiovaskuläre und renale Schutz dieser Substanzklassen greift den Leitlinien zufolge unabhängig von einer vorherigen oder gleichzeitigen Gabe von Metformin. Liegen bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Nierenschäden oder eine Herzinsuffizienz vor, raten ADA und EASD zu einer frühzeitigen Kombination beider Wirkstoffklassen.
Die wissenschaftliche Grundlage für diesen Paradigmenwechsel beruht auf umfassenden Daten: Eine Meta-Analyse im Fachblatt The Lancet aus dem Jahr 2022 mit 13 randomisierten kontrollierten Studien und über 90.000 Patienten zeigte, dass SGLT2-Hemmer das Fortschreiten von Nierenerkrankungen um 37 Prozent und das Risiko für kardiovaskulären Tod oder Krankenhauseinweisungen wegen Herzinsuffizienz um 23 Prozent senken.
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Eine weitere Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 über 11 Studien mit mehr als 85.000 Patienten belegte für GLP-1-Rezeptoragonisten eine Reduktion schwerer kardiovaskulärer Ereignisse (MACE) um 13 Prozent, klinisch relevanter Nierenendpunkte um 18 Prozent sowie der Gesamtmortalität um 12 Prozent.
Bei SGLT2-Hemmern weisen die Autoren zugleich auf seltene Sicherheitsrisiken hin: Die Raten diabetischer Ketoazidosen lagen in kardiovaskulären Endpunktstudien zwischen 0,1 und 0,6 Prozent gegenüber unter 0,1 bis 0,3 Prozent unter Placebo.
Erweiterte Behandlungsziele und Begleiterkrankungen
Die Leitlinie erweitert den traditionellen Fokus auf die Senkung des Blutzuckers zu einem umfassenden Management multipler Begleiterkrankungen. Das HbA1c-Ziel liegt für die meisten Betroffenen bei 6,5 bis 7 Prozent (48 bis 53 mmol/mol), bei einer Diagnose vor dem 40. Lebensjahr bei 6,5 Prozent oder darunter, verbunden mit einer angestrebten Zeit im Glukose-Zielbereich von über 70 Prozent.
Gewichtsziele werden der Glukosekontrolle gleichgestellt: Eine Gewichtsabnahme von 5 Prozent gilt als hilfreich, 10 bis 15 Prozent als krankheitsmodifizierend, und ein Verlust von mindestens 10 Prozent soll eine Krankheitsremission ermöglichen. Bei einem Body-Mass-Index ab 30 kg/m² kann zudem metabolische Chirurgie erwogen werden.
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Bei bestehenden Nierenschäden bilden SGLT2-Hemmer das Fundament der Therapie bis zur Dialyse oder Transplantation. Finerenon wird ab einer Albuminurie von über 3 mg/mmol angeraten.
Das Blutdruckziel liegt generell bei unter 130/80 mmHg, bei hohem kardiovaskulärem oder renalem Risiko systolisch unter 120 mmHg. Nahezu alle Patienten über 40 Jahre sollen ein Statin erhalten, mit einem LDL-Ziel von unter 1,4 mmol/L (55 mg/dL) bei sehr hohem Risiko.
Zudem wird das Screening auf die Fettlebererkrankung MASLD zum Standard erhoben, da sie mehr als 70 Prozent der Typ-2-Diabetes-Patienten betrifft. GLP-1-Wirkstoffe gelten hier sowie bei Adipositas mit erhaltener Herzinsuffizienz (HFpEF) als bevorzugte Wahl.
Als Lebensstilmaßnahme bei atherosklerotischen Vorerkrankungen wird eine mediterrane Ernährung empfohlen; von Nahrungsergänzungsmitteln zur reinen Blutzuckersenkung raten die Fachgesellschaften ab.
