Typ-1-Diabetes, Ketoazidose

Typ-1-Diabetes bei Kindern: Ketoazidose droht schon nach zwei bis drei Wochen

Veröffentlicht am: 07.11.2026 um 13:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Jährlich erkranken in Deutschland mehr als 3.000 junge Menschen neu; Screenings sollen Typ-1-Diabetes früher aufdecken.
Ein heller, minimalistischer Untersuchungsraum in einer Kinderarztpraxis mit sanftem Tageslichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Ein stark gesteigertes Durstgefühl, auffallend häufiges Wasserlassen und ein unerklärlicher Gewichtsverlust gelten bei Kleinkindern als zentrale Alarmzeichen für eine beginnende Typ-1-Diabetes-Erkrankung. Treten diese Symptome gemeinsam auf, ist eine unverzügliche ärztliche Abklärung erforderlich.

Wie Tina Muckenhaupt, Leiterin der Kinder-Diabetologie in Reutlingen, in einem Bericht von Anfang November 2026 darlegte, droht bereits maximal zwei bis drei Wochen nach dem Auftreten der ersten Symptome eine Ketoazidose. Diese schwere Stoffwechselentgleisung und Übersäuerung des Blutes kann lebensbedrohliche Ausmaße annehmen.

Dass ein wachsames Umfeld entscheidend ist, zeigte ein Fallbeispiel aus St. Johann im Landkreis Reutlingen, bei dem eine Tagesmutter die Symptome eines zweijährigen Jungen frühzeitig bemerkte und so Schlimmeres verhinderte.

Hohe Dunkelziffer bei Erstdiagnosen und steigende Fallzahlen

Die Bedeutung einer schnellen Diagnose unterstreichen auch Erhebungen aus dem Jahr 2024 der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Demnach erkranken in Deutschland jährlich mehr als 3.000 Kinder und Jugendliche im Alter von bis zu 17 Jahren neu an Typ-1-Diabetes, wobei die Fallzahlen um jährlich 3 bis 5 Prozent steigen. Insgesamt leben in Deutschland rund 37.000 Betroffene unter 20 Jahren mit der Autoimmunerkrankung.

Bleiben die Anzeichen unbemerkt, führt dies häufig direkt in die Notaufnahme. Eine Auswertung der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG) von mehr als 6,4 Millionen Nüchternblutzucker-Messwerten aus Vorsorgeuntersuchungen ergab, dass sich bis zu 44 Prozent der Kinder bei der Erstdiagnose bereits in einer Ketoazidose befinden.

In Tschechien, wo jährlich rund 450 Kinder neu diagnostiziert werden, liegt dieser Anteil laut Daten des Screening-Projekts Betty bei etwa 30 Prozent.

Wie tückisch der Verlauf sein kann, verdeutlicht auch eine Petition von Natalie Gurney aus dem britischen Essex: Bei ihrem zehnjährigen Sohn Callum verlief ein erster Test in einer Hausarztpraxis trotz extremen Dursts, ständigen Harndrangs und Bettnässens zunächst unauffällig.

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Drei Tage später wurde das Kind mit einem Blutzuckerwert von 34 und Ketonwerten von 8 auf die Intensivstation eingewiesen. Vor diesem Hintergrund fordert die Initiative Pflichtschulungen für Erzieher und Betreuer; im Vereinigten Königreich ist laut Angaben der Petition etwa eines von 500 Kindern betroffen.

Mehrheit der Fälle ohne familiäre Vorbelastung

Entgegen verbreiteten Annahmen bricht die Erkrankung meist ohne vorangegangene Fälle im familiären Umfeld aus. Maria Fritsch vom ÖDG-Ausschuss Pädiatrie hob hervor, dass vier von fünf betroffenen Kindern und Jugendlichen keine bekannte familiäre Vorbelastung aufweisen. Genetische Erhebungen bestätigen, dass rund 90 Prozent der Typ-1-Patienten keine entsprechende Familienanamnese besitzen.

Gleichwohl spielen genetische Faktoren eine wesentliche Rolle. HLA-Gene auf dem sechsten Chromosom machen rund 50 Prozent des erblichen Risikos aus. Während in der Allgemeinbevölkerung etwa 40 Prozent Träger der Risikotypen HLA-DR3 oder DR4 sind, weisen 90 bis 95 Prozent der Typ-1-Patienten diese Merkmale auf.

Wer heterozygot für DR3/DR4 ist, trägt ein mehr als 15-fach erhöhtes Risiko. Zum Vergleich: Das Erkrankungsrisiko für Geschwister liegt bei 6 bis 10 Prozent (Allgemeinbevölkerung: 0,4 Prozent) und steigt bei HLA-identischen Geschwistern auf 15 bis 25 Prozent.

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Screening und präventive Therapien in Europa

Internationale Initiativen setzen verstärkt auf eine Identifikation im präsymptomatischen Stadium. Neugeborenen-Screenings und Risikoscores können mehr als zwei Drittel der späteren Fälle frühzeitig erkennen.

Italien verabschiedete bereits 2023 ein nationales Screening-Gesetz (Gesetz 130/2023). Nach der Veröffentlichung des Durchführungsdekrets am 8. Oktober ist der Programmstart für Kinder im Alter von 5 bis 7 Jahren im Frühjahr 2027 vorgesehen, gekoppelt an reguläre Impftermine.

Im Rahmen des Pilotprojekts Betty wurden in Tschechien bereits mehr als 20.000 Kinder ohne familiäre Vorbelastung auf Autoantikörper untersucht. Bei Nachweis von zwei Autoantikörpern (wie anti-IA2 und anti-GAD) liegt ein Stadium 2 vor, das der klinischen Manifestation im Schnitt rund sechs Monate vorausgeht.

Für betroffene Kinder ab acht Jahren stellt das Unternehmen Sanofi den Wirkstoff Teplizumab über ein Managed-Access-Programm kostenfrei bereit. Wie Fachgesellschaften anlässlich des Weltdiabetestags am 14. November darlegen, kann der Antikörper den Übergang zum symptomatischen Typ-1-Diabetes verzögern und den Betroffenen wertvolle Zeit verschaffen.

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