Tsimane und Hadza: 848 Bakterienarten fehlen in Industrieländern oft
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 23:22 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das menschliche Darmmikrobiom rückt zunehmend als komplexes ökologisches System in den Fokus der medizinischen Forschung. Eine am 7. Oktober 2026 im Fachjournal Science vorgestellte Untersuchung der Rutgers University, der Universidad de Granada und der Princeton University beschreibt ein neues Modell zur Bewertung dieser mikrobiellen Gemeinschaften.
Mit dem Ecological Network Balance Index (ENBI) stellten die Wissenschaftler eine Messgröße vor, die erfasst, ob innerhalb der Mikrobiome Konkurrenz- oder Kooperationsbeziehungen dominieren.
Ökologische Balance und Krankheitsfortschritt
Der ENBI unterscheidet nach Angaben der beteiligten Forscher konsistent zwischen gesunden Personen und Patienten mit verschiedenen Erkrankungen. Bei Darmkrebs etwa steigt der Index parallel zum Fortschreiten der Krankheit an.
Auf Basis von Computermodellen konnten die Teams der Rutgers University, der Universidad de Granada und der Princeton University zwei getrennte ökologische Zustände identifizieren, die gesunde und erkrankte Darmmikrobiome repräsentieren. Diese rechnerisch ermittelten Muster stimmten mit vorliegenden Patientendaten überein.
Bonachela von den beteiligten Universitäten hob hervor, dass der Ansatz künftig eine Früherkennung über Stuhlproben ermöglichen könnte. Zudem liefere der ENBI eine Erklärung dafür, warum therapeutische Eingriffe wie die Gabe von Probiotika oder Fäkaltransplantationen bislang oft unzuverlässig wirken. Wenn Gemeinschaften in festen ökologischen Zuständen verharren, lassen sie sich durch isolierte Eingriffe nur schwer verschieben.
Evolutionärer Verlust mikrobieller Vielfalt
Ergänzende Einblicke in die Beschaffenheit des Mikrobioms lieferte eine zeitgleich am 7. Oktober 2026 in Nature publizierte Untersuchung der Stanford University unter Leitung von Sonnenburg und Good.
Das Team verglich 133 Stuhlproben von 85 Angehörigen der Tsimane aus neun bolivianischen Dörfern mit 137 Proben der Hadza in Tansania aus dem Jahr 2023. Bei den Tsimane wurden 1.408 Mikrobenspezies nachgewiesen, von denen 1.231 auch bei den Hadza vorkommen – was fast 90 Prozent der bei den Tsimane erfassten Arten entspricht.
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Rund 60 Prozent dieser gemeinsamen Bakterien – insgesamt 848 Spezies – sind in industrialisierten Gesellschaften selten oder gar nicht vorhanden. Während Hadza-Individuen im Schnitt rund 730 bis 750 Spezies tragen, weisen Menschen in Kalifornien laut Vergleichsdaten aus einer Cell-Studie von 2023 lediglich etwa 250 bis 277 Spezies auf.
Sonnenburg betonte, dass Hunderte dieser Bakterienarten den Menschen über Jahrtausende begleiteten. Ein Verlust dieser Vielfalt könnte Entzündungen begünstigen und zu Zivilisationskrankheiten wie Allergien oder Demenz beitragen.
Genetische Spuren prähistorischer Migration
Die populationsgenetische Analyse von 636 geteilten Spezies durch die Stanford-Forscher zeigte, dass 545 Arten in rund 5.000 Jahren keine Stammvermischung aufwiesen. Die typische Trennungszeit zwischen den Bakterienstämmen der Tsimane und Hadza liegt bei rund 17.000 Jahren, während sie zwischen Europa und Nordamerika etwa 1.100 Jahre sowie zwischen Asien und Nordamerika rund 4.600 Jahre beträgt.
Die Mutationsdatierung deutet auf einen gemeinsamen mikrobiellen Vorfahren vor rund 17.000 Jahren hin, bevor die Migration nach Amerika über die Bering-Landbrücke stattfand. Arten wie Escherichia coli und Akkermansia muciniphila traten bei den Tsimane erst kürzlich durch Kontakte mit Industriegesellschaften auf.
Nicht an der Stanford-Studie beteiligte Forscher mahnten jedoch zur Differenzierung. Moeller von der Princeton University erklärte, es sei derzeit unklar, ob das Verschwinden bestimmter Mikroben zwingend schädlich sei.
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Arrieta von der University of Calgary hielt fest, dass eine gezielte Rückkehr zu historischen Mikrobiomen wenig sinnvoll erscheine, die Grundlagenforschung daran aber von hoher Bedeutung bleibe.
Gurven von der University of California, Santa Barbara, wies darauf hin, dass mikrobielle Eigenheiten den Schutz der Tsimane vor Herzkrankheiten erklären könnten, deren Vielfalt durch veränderten Lebensstil und Medikamentennutzung jedoch zunehmend bedroht sei.
