Trauma bei Hunden: Rettungshundeexperte erklärt die Parallelen zu PTBS
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 06:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nach extremen Belastungssituationen können Hunde emotionale Verhaltensänderungen und tiefgreifende Angstzustände entwickeln. Laut Einschätzungen des Rettungshundeführers Gian Forster von der Organisation Redog weisen diese Symptome deutliche Parallelen zur posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) beim Menschen auf. Für die Bewältigung solcher Traumata seien Fachwissen, Zeit und ein hohes Maß an Verständnis seitens der Halter erforderlich.
Belastungsprofile im Rettungswesen und im Training
Die Anforderungen an Tiere im Katastrophenschutz sind erheblich. Wie Forster ausführte, war er mit seinen Hunden unter anderem beim Bergsturz in Bondo sowie nach dem Erdbeben in der Südosttürkei im Jahr 2023 im Einsatz. Solche Ereignisse stellen eine massive psychische Belastung für die Tiere dar.
Der reguläre Trainingsaufwand bei Redog ist zudem zeitintensiv: Die Hundeführer investieren bis zu 15 Stunden pro Woche in die Ausbildung, wobei die allgemeine Erziehung und tägliche Spaziergänge noch nicht eingerechnet sind.
Hundetrainer Marc Ebersbach betonte in diesem Zusammenhang die physiologischen Grenzen des Lernens. Ein gestresster Hund könne Informationen nur eingeschränkt oder überhaupt nicht verarbeiten.
Angst lasse sich daher nicht durch einfaches Training beseitigen. Ebersbach empfiehlt einen strukturierten Ansatz in drei Phasen: Zunächst müsse das Nervensystem entlastet werden, bevor im zweiten Schritt die Ruhe bei Belastungen aufgebaut werden könne.
Erst danach sei das Erlernen von Alternativverhalten zielführend. Dabei müsse strikt zwischen frustbedingtem und angstbedingtem Verhalten, etwa beim sogenannten Leinenpöbeln, unterschieden werden. Bei Angstzuständen benötige das Tier primär Sicherheit.
Psychologische Faktoren und physische Abklärung
Die Tierpsychologin Rebecca Bühlmann wies darauf hin, dass Tiere häufig die emotionale Verfassung ihrer Halter spiegeln. Während Phänomene wie „schlechte Laune“ wissenschaftlich nicht eindeutig belegt seien, manifestierten sich Depressionen bei Tieren durch Rückzug sowie Antriebs- und Appetitlosigkeit.
Ein gestresster Hund kann Informationen nur eingeschränkt oder gar nicht verarbeiten — Angst lässt sich deshalb nicht einfach wegtrainieren. Wer zuerst das Nervensystem entlastet und erst danach Ruhe und Alternativverhalten aufbaut, kommt deutlich schneller zum Ziel. Kostenlosen Leitfaden zum Hundetrauma anfordern
Sollten ungewöhnliche Verhaltensweisen länger als einen Tag anhalten, rät die Expertin zu einer tierärztlichen Untersuchung. Dies sei notwendig, um körperliche Ursachen oder Schmerzen als Auslöser für die Verhaltensänderung auszuschließen.
Hunde als Unterstützung bei menschlichen Traumata
Während Hunde selbst unter Traumata leiden können, dienen sie gleichzeitig als wichtige Stütze für Menschen mit PTBS. Ein Beispiel ist Robert Macpherson, ein Veteran der Marines mit 25-jähriger Dienstzeit, der unter kumulativer PTBS leidet.
Seit fast neun Jahren wird er von seinem Labrador Blue begleitet, den er 2018 über die Organisation Dogs Inc erhielt. Der knapp 95 Pfund schwere Servicehund unterstützt ihn bei Hypervigilanz und nächtlichen Angstzuständen.
Ähnliche Erfahrungen machte ein junger Mann namens Lorenzo, der nach Gewaltdelikten im Alter von 16 Jahren eine Belastungsstörung entwickelte. Er nutzt die Unterstützung seines neun Monate alten belgischen Schäferhundes Nyx, der aktuell als Schutzhund nach den Standards der Nederlandse Bond voor de Diensthond ausgebildet wird.
Einfluss der akustischen Umgebung auf das Stressniveau
Wissenschaftliche Untersuchungen befassen sich zudem mit der Frage, wie die Umgebung das Wohlbefinden beeinflussen kann. Studien der Scottish SPCA und der Universität Glasgow aus den Jahren 2015 und 2017 untersuchten die Wirkung von Musik auf Hunde in Tierheimen. Dabei zeigte sich, dass Soft Rock und Reggae die Stresswerte deutlicher senkten als Motown, Pop oder klassische Musik. Die Tiere zeigten unter diesen Bedingungen vermehrt Ruheverhalten.
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Bereits eine Studie aus dem Jahr 2002 hatte ergeben, dass klassische Musik beruhigend wirkte, während Heavy Metal zu vermehrtem Bellen führte. Aktuelleren Erkenntnissen zufolge sind diese Effekte jedoch nicht unbegrenzt übertragbar. Eine Studie aus dem Jahr 2022 deutet darauf hin, dass Musik bei akutem Trennungsstress von Familienhunden nur eine begrenzte Hilfe darstellt und die Ergebnisse aus Tierheimstudien nicht verallgemeinert werden können.
