TONTOU-Angriff, MIT-Forscher

TONTOU-Angriff: MIT-Forscher hebeln Spectre-v2-Schutz aus

Veröffentlicht am: 08.08.2026 um 14:54 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue Angriffstechnik TONTOU umgeht Spectre-v2-Schutz bei Intel- und AMD-Chips. Zusätzlich offenbaren sich mehrere jahrzehntealte Linux-Kernel-Lücken.

MIT-Forscher präsentieren TONTOU: Neue Spectre-v2-Angriffsmethode durchbricht CPU-Schutz
Nahaufnahme eines modernen Computerprozessors auf einem Mainboard, symbolisiert Hardware-Sicherheitslücken. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Forscher des MIT haben eine neue Angriffsmethode entwickelt, die etablierte Schutzmechanismen gegen die Spectre-v2-Sicherheitslücke in Prozessoren umgeht. Der Angriff namens „TONTOU" wurde auf der DEF-CON-Konferenz am 7. August 2026 vorgestellt und betrifft Chips von Intel und AMD – auch in Deutschland genutzte Server und Rechenzentren könnten betroffen sein.

Interrupt-Injektion als Schlüssel zum Erfolg

Die Forscher Daniël Trujillo und Mengjia Yan vom MIT Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory (CSAIL) nutzen bei TONTOU eine ausgeklügelte Technik: Sie injizieren Interrupts, um den Branch Predictor – eine Komponente, die Sprungvorhersagen in Prozessoren beschleunigt – nach dessen Neutralisierung erneut zu „vergiften". Damit hebeln sie genau die Verteidigungsmechanismen aus, die eigentlich gegen Spectre-v2-Exploits entwickelt wurden.

Getestet wurde die Methode auf aktueller Hardware: Intels Cascade Lake Refresh und Arrow Lake sowie AMDs Zen 2 und Zen 4. Die Ergebnisse sind alarmierend. Auf einem AMD-Zen-2-System gelang den Forschern in zehn von zehn Versuchen ein vollständiger Exploit, der die Kernel Address Space Layout Randomization (KASLR) aushebelte – eine zentrale Schutzfunktion moderner Betriebssysteme. In der Hälfte der Versuche konnten sie zudem sensible Systemdateien wie /etc/shadow auslesen. Die Datenleckrate beträgt etwa 5,47 Bytes pro Sekunde bei einer Genauigkeit von fast 92 Prozent.

AMD reagiert mit Sicherheitsbulletin

AMD hat auf die Offenlegung reagiert: Am 6. August 2026 veröffentlichte der Chip-Hersteller das Sicherheitsbulletin AMD-SB-7061, das die Verwundbarkeit für Prozessoren der Produktlinien Zen 1 bis Zen 4 bestätigt. Erste Patches wurden bereits ausgerollt. Intel hingegen hat die Forschung zwar zur Kenntnis genommen, bislang aber keine neuen Schutzmaßnahmen gegen das demonstrierte Prinzip vorgelegt.

Jahrzehntealte Lücken im Linux-Kernel

Doch damit nicht genug: Auch der Linux-Kernel kämpft mit gravierenden Sicherheitslücken, die teils über ein Jahrzehnt unentdeckt blieben. Besonders brisant: die als „Zapscape" (CVE-2026-64561) bekannte Schwachstelle in der Kernel-based Virtual Machine (KVM). Der von Forscher Hyunwoo Kim entdeckte Use-after-Free-Bug existiert seit Juli 2020 in der KVM/x86-Shadow-MMU.

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Die Verwundbarkeit erlaubt Angreifern mit Kernel-Rechten in einer Gast-Virtualisierung, auszubrechen und Host-Rechte zu erlangen. Besonders effektiv ist der Exploit auf AMD-Systemen mit Secure Virtual Machine (SVM) und Nested Page Tables (NPT). Bei Intel-Hardware sind spezifische Extended-Page-Table-Konfigurationen mit Seitenlängen von vier oder fünf erforderlich. Ein Fix wurde im Juli 2026 fertiggestellt und in die stabilen Kernel-Zweige 6.6.148, 6.12.101 und 7.1.6 integriert.

Januscape: 16 Jahre unentdeckt

Noch älter ist die Schwachstelle „Januscape" (CVE-2026-53359): Sie schlummerte sage und schreibe 16 Jahre im Kernel. Ähnlich wie Zapscape ermöglicht dieser Shadow-MMU-Fehler Gast-zu-Host-Ausbrüche – sowohl auf Intel- als auch auf AMD-Systemen. Der Patch wurde am 19. Juni 2026 in den Linux-Quellcode eingespielt. Große Distributionen wie Ubuntu und Red Hat Enterprise Linux (RHEL) haben ihre Updates im Laufe des Juli 2026 veröffentlicht. Exploits existieren nach Angaben von Sicherheitsforschern, wurden aber nicht öffentlich zugänglich gemacht.

SCTPhantom: 18 Jahre alter Fehler in Netzwerkprotokoll

Auch in der Netzwerkinfrastruktur lauern Gefahren. Diese Woche wurde die Schwachstelle „SCTPhantom" (CVE-2026-64564) offengelegt – ein 18 Jahre alter Fehler in der ASCONF-Implementierung des Stream Control Transmission Protocol (SCTP). Mit einem CVSS-Score von 8,5 gilt sie als hochkritisch. Lokale Angreifer können damit Root-Zugriff erlangen und aus Containern ausbrechen. Tests von Forschern der Firmen Corvus AI und Tencent zeigten erfolgreiche Container-Escapes in sechs von acht Versuchen – bevor die Patches veröffentlicht wurden.

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Router mit Hintertüren ausgeliefert

Ein weiterer Skandal: Der Sicherheitsdienstleister VulnCheck meldete am 5. August 2026, dass mehr als 20 Modelle von Zbtlink-Routern mit einer ab Werk installierten Fernzugriffssoftware namens „ENDLESSDOORS" ausgeliefert werden. Die Firmware-Implantation läuft mit Root-Rechten und kontaktiert etwa alle 35 Sekunden einen in China ansässigen Command-and-Control-Server. Analysten schätzen, dass über 100.000 Geräte betroffen sind. Der Hersteller bezeichnet die Software als Werkzeug für den Kundendienst – Sicherheitsexperten stufen sie jedoch als persistente Hintertür ein.

Stille Gefahr in Servern: BMC-Schwachstellen

Nicht zuletzt warnen Branchenanalysten vor anhaltenden Risiken durch Baseboard Management Controller (BMCs) in Unternehmensservern. Einige Verwundbarkeiten in diesen Controllern sind über ein Jahrzehnt alt und ermöglichen Remote-Code-Ausführung über die Intelligent Platform Management Interface (IPMI). Besonders tückisch: Da BMCs unabhängig vom Hauptbetriebssystem arbeiten, bleiben diese Schwachstellen selbst dann aktiv, wenn der Server ausgeschaltet ist – ein permanentes Risiko für die Sicherheit von Rechenzentren.

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