TI-Messenger: In Deutschlands Kardiologie nutzt ihn bislang nur eine Person
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 22:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die kardiologische Versorgung in Deutschland steht vor einem doppelten Umbruch: Während Künstliche Intelligenz zunehmend in die klinische Diagnostik vordringt, hakt es bei der praktischen Umsetzung der Digitalisierung im Versorgungsalltag.
Auf den DGK-Herztagen diskutierten Fachgesellschaften den Wandel der kardiologischen Versorgung durch KI sowie notwendige Strukturreformen im Gesundheitssystem – und offenbarten dabei erhebliche Diskrepanzen zwischen technologischem Potenzial und gelebter Praxis.
KI erkennt Risiken, die Ärzte übersehen
Bereits heute unterstützt Künstliche Intelligenz klinische Entscheidungen in der Kardiologie. Systeme können anhand eines einfachen 12-Kanal-EKGs erhöhte Risiken für Herzrhythmusstörungen erkennen, Herzkatheter-Roboter werden dabei weiterhin ärztlich gesteuert.
Holger Thiele betonte im Rahmen der Tagung, dass KI Rhythmusstörungen mittlerweile besser erkennen könne als Kardiologen selbst – ein Befund, der die wachsende Bedeutung algorithmischer Unterstützung in der Diagnostik unterstreicht.
Gleichzeitig mahnen Erkenntnisse zur Vorsicht: Eine Auswertung in der Fachzeitschrift Nature identifizierte unter rund 4.000 Publikationen 65 halluzinierte Referenzen – ein Hinweis darauf, dass auch in der wissenschaftlichen Aufarbeitung KI-gestützter Forschung Fehlerquellen bestehen, die sorgfältige Prüfung erfordern.
Elektronische Patientenakte bleibt PDF-Sammlung
Deutlich kritischer fiel die Bewertung der bestehenden digitalen Infrastruktur aus. BNK-Service-Geschäftsführer Simon Glück bemängelte auf der Tagung fehlende strukturierte Datenübergaben, unzureichende Rückkanäle und mangelhafte Patientenidentifikation als zentrale Schwachstellen der aktuellen Systeme.
Die elektronische Patientenakte (ePA) sei in ihrer jetzigen Form vor allem eine Sammlung von PDF-Dokumenten, weit entfernt von einer strukturiert nutzbaren Datenbasis für die Versorgung.
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Noch deutlicher wird das Problem beim TI-Messenger, einem Kommunikationsdienst der Telematikinfrastruktur: Nach Glücks Angaben meldete sich bislang lediglich eine einzige Person als Nutzer. Diese Zahl verdeutlicht die Kluft zwischen dem Anspruch einer flächendeckend vernetzten Gesundheitsversorgung und der tatsächlichen Akzeptanz in der Praxis.
Großprojekt am Berliner Herzzentrum
Einen gegenläufigen Weg schlägt die Charité mit dem Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) ein. Dort ist ein sprachgesteuertes, kontaktloses Krankenhaus geplant. Für die Einführung des Systems Epic sind zunächst 250 Millionen Euro veranschlagt, die Umstellung soll rund 24.000 Beschäftigte und 3.600 Betten erfassen.
Der Zeitplan sieht die Umsetzung für das zweite Quartal 2029 vor. Ziel ist es, die Einrichtung auf die HIMSS-Stufe 5 bis 6 zu heben, binnen fünf Jahren soll dieser Digitalisierungsgrad flächendeckend erreicht werden.
Kürzere Klinikaufenthalte, ungleiche Sterblichkeit
Neben der Digitalisierung standen auch Versorgungsstrukturen im Fokus. Einer DGK-Umfrage zur Klinikplanung zufolge wollen knapp 80 Prozent der deutschen Krankenhäuser im laufenden Jahr Same Day Discharge (SDD) anbieten, 64 Prozent setzen das Konzept bereits um.
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Für das laufende Jahr sind demnach etwa 15 Prozent Entlassungen am Eingriffstag, 70 Prozent nach einer Nacht und 15 Prozent nach mehreren Tagen vorgesehen. Bei Vorhofflimmerablationen treten laut einer europäischen Beobachtungsstudie lediglich 0,2 Prozent der Komplikationen später als sechs Stunden nach dem Eingriff auf – ein Wert, der frühere Entlassungen medizinisch stützen könnte.
Die Tagung thematisierte zudem geschlechtsspezifische Unterschiede in der Versorgung: Bei koronarer Herzkrankheit liegt die Kliniksterblichkeit bei Frauen bei 14,4 Prozent, bei Männern bei 10,1 Prozent, obwohl Frauen nur halb so oft betroffen sind. Auch im Herzkatheterlabor zeigt sich ein Ungleichgewicht: Kardiologinnen stellen hierzulande 11 Prozent des Personals, in Spanien liegt der Anteil bei 20 Prozent, in Italien bei 19 Prozent.
Die Diskussionen auf den DGK-Herztagen machten deutlich, dass technologischer Fortschritt und strukturelle Reformbedarfe in der Kardiologie eng miteinander verwoben sind – und dass digitale Infrastruktur wie die ePA trotz technischer Möglichkeiten noch weit von einer praxistauglichen Umsetzung entfernt ist.
