Termingarantie Fachärzte: Regierung verspricht Besserung bei 36 Tagen Wartezeit
Veröffentlicht: 03.07.2026 um 02:18 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Die Koalition aus Union und SPD hat am 2. Juli 2026 eine Initiative namens „Termingarantie Fachärzte“ vorgestellt. Hintergrund sind alarmierende Daten der Techniker Krankenkasse (TK): 56 Prozent der gesetzlich Versicherten warten länger als vier Wochen auf einen Facharzttermin, die durchschnittliche Wartezeit beträgt 36 Tage. Die Politik verspricht nun Besserung – doch ob das gelingen kann, ist fraglich.
Ärzte warnen vor Kollaps
Der Widerstand der medizinischen Fachverbände ist massiv. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bezeichnete die Garantie als „unrealistisch“ und praxisfern. Noch deutlicher wird der Virchowbund: Begleitende Reformen – etwa die Wiedereinführung der Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag – könnten Millionen unnötiger Arztbesuche auslösen. Die ohnehin knappen Terminkontingente würden dadurch zusätzlich belastet.
Verbraucherschützer kritisieren Online-Portale
Während die Regierung auf schnellere Termine drängt, geraten digitale Buchungsplattformen unter Druck. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) führte im Mai 2026 eine Marktkontrolle in Berlin und Hamburg durch – mit ernüchternden Ergebnissen.
Bei 349 verschiedenen Terminarten auf der Plattform Doctolib zeigte sich: Obwohl Nutzer nach Kassenärzten filterten, tauchten immer wieder Privatpraxen oder Leistungen mit Zuzahlung auf. Besonders krass in der Dermatologie: Mehr als 75 Prozent der Terminarten enthielten Hinweise auf Selbstzahler, über die Hälfte der Hautkrebs-Screenings wurde als Privatleistung gelistet.
Bereits im November 2025 hatte das Landgericht Berlin (Az. 52 O 149/25) solche Praktiken als irreführend eingestuft. Doctolib legte Berufung ein. Die Verbraucherschützer fordern nun gesetzliche Mindeststandards für digitale Terminportale – Transparenz für Patienten müsse Pflicht sein.
Digitalisierung als Rettungsanker?
Der Reformdruck kommt nicht von ungefähr. Hausarztpraxen verbringen im Schnitt 7,3 Stunden täglich mit der Verwaltung elektronischer Patientenakten. Gleichzeitig explodiert die digitale Kommunikation: Eine Studie mit über 140 Millionen Patientendaten zeigt, dass Portal-Nachrichten zwischen 2020 und 2025 um 153 Prozent zunahmen – während Telefonate um sechs Prozent zurückgingen.
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Automatisierung soll helfen. Automatische Erinnerungssysteme steigern die Termintreue auf 78,6 Prozent – ohne System liegt sie bei nur 67,8 Prozent. Für eine durchschnittliche Praxis bedeutet ein einziger versäumter Termin pro Tag einen geschätzten Jahresumsatzverlust von rund 43.000 Euro.
Digitale Aufnahmesysteme versprechen zudem weniger Eingabefehler und entlasten das Empfangspersonal. Ein dringend nötiger Schritt: Die Wartezeiten für Neupatienten sind in den letzten Jahren um 31 Prozent gestiegen.
GeDIG: Das Ende des Faxgeräts?
Das Bundesgesundheitsministerium treibt im Juli 2026 einen neuen Gesetzesentwurf voran: das GeDIG (Gesetz für Daten und Digitale Innovation im Gesundheitswesen). Geplant sind unter anderem:
- Der Ausbau der elektronischen Patientenakte (ePA) mit digitalem Impfpass
- Verbindliche Interoperabilitätsstandards
- Ein Fax-Verbot für die Übermittlung medizinischer Daten
Ein echter Meilenstein – das Faxgerät gilt in deutschen Praxen noch immer als Standard.
TK kündigt Verträge: Ende der Hausarztzentrierung?
Auch innerhalb der Krankenkassen tut sich etwas. Die Techniker Krankenkasse kündigte an, bis Ende 2026 mehrere Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung (HzV) zu kündigen – betroffen sind unter anderem Regionen in Nordrhein-Westfalen. Begründung: fehlender messbarer Nutzen für die Patienten. Die Verträge hatten Praxen bislang eine um 30 Prozent höhere Vergütung gebracht.
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Blick in die Zukunft: KI als Rettung?
Die demografische Entwicklung macht Druck: Weltweit wird die Zahl der über 60-Jährigen bis 2050 auf 2,1 Milliarden steigen. Gesundheitssysteme setzen daher zunehmend auf KI und digitale Investitionen – vor allem bei Verwaltungsaufgaben und im Revenue Cycle Management, also der Abrechnungsoptimierung.
Branchenexperten betonen: Damit diese Technologien wirken, müssen sie in bestehende Arbeitsabläufe integriert werden. Und sie müssen das Vertrauen der Patienten gewinnen – das, so zeigen aktuelle Studien, ist derzeit auf einem Tiefpunkt.
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