Telemedizin in Apotheken: Neue Regeln ab 1. Juli 2026
17.06.2026 - 07:23:46 | boerse-global.de
Gleich mehrere Neuerungen treten in den kommenden Wochen in Kraft, die den Alltag von Patienten und Apotheken grundlegend verändern werden.
Assistierte Telemedizin startet am 1. Juli
Ein Meilenstein steht unmittelbar bevor: Ab dem 1. Juli 2026 dürfen Apotheken in Deutschland assistierte Telemedizin (aTM) anbieten. Das bedeutet: Patienten, die selbst über kein digitales Endgerät verfügen, in akuten medizinischen Situationen stecken oder Hilfe bei Routineuntersuchungen benötigen, können künftig in der Apotheke per Video mit einem Arzt verbunden werden.
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Die Hürden sind allerdings hoch. Apotheken müssen mit jedem Patienten eine schriftliche Vereinbarung treffen – inklusive handschriftlicher Unterschrift, die vier Jahre lang aufbewahrt werden muss. Zudem ist die Versichertenkarte zur Prüfung des Status zwingend erforderlich. Plattformanbieter wie die DocMorris-Tochter Teleclinic bereiten sich bereits auf das neue Geschäftsfeld vor. Doch Umfragen unter Apothekerverbänden zeigen: Konkrete Planungen und Kooperationen sind bislang rar. Grund ist das Fehlen etablierter Rahmenbedingungen.
EU-Kritik an neuen Versandregeln
Parallel dazu verteidigt die Bundesregierung seit dem 15. Juni 2026 neue Versandvorschriften für Medikamente. Die EU-Kommission hatte die Regelungen im Frühjahr scharf kritisiert. Die novellierten Bestimmungen legen die Verantwortung für eine risikobasierte Transportplanung und geeignete Verpackung allein in die Hände der Apotheken. Zudem müssen Apotheken den Erhalt von verschreibungspflichtigen Arzneimittellieferungen schriftlich bestätigen lassen.
Technische Frist läuft am 30. Juni ab
Wer seine elektronischen Rezepte und Krankenakten digital signieren will, muss handeln. Am 30. Juni 2026 läuft eine entscheidende Frist ab: Bestimmte elektronische Gesundheitskarten der zweiten Generation (eHBA) mit IDEMIA-Chips werden gesperrt. Betroffen sind Karten verschiedener Anbieter, die bis Anfang oder Ende 2025 ausgestellt wurden. Zahnärzte und Apotheker warnen: Wer die Karte nicht rechtzeitig ersetzt, verliert die Möglichkeit, E-Rezepte, elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) und andere digitale Dokumente verbindlich zu signieren.
Die Nutzung der digitalen Infrastruktur entwickelt sich indes uneinheitlich:
- Krankenhäuser: Eine Umfrage vom März 2026 unter 489 Kliniken ergab, dass 43 Prozent erst im dritten Quartal 2026 mit der vollständigen Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) rechnen. Dabei sind Kliniken und Praxen bereits seit dem 1. Oktober 2025 gesetzlich dazu verpflichtet.
- Historischer Rückblick: Beim Gesundheitspolitischen Forum in Magdeburg am 11. Juni 2026 erinnerten Branchenvertreter daran, dass Apotheken bereits seit den 1980er-Jahren digitale Systeme nutzen. Das E-Rezept sei die letzte noch zu digitalisierende Schnittstelle in der Lieferkette.
- Internationale Entwicklung: In Japan meldete der Technologiekonzern WEMEX, dass sein E-Rezept-System bis Mai 2026 auf 25.000 Installationen angewachsen sei. Die Systeme wurden an die im Juni 2026 in Kraft getretenen nationalen Kostenerstattungsreformen angepasst.
Polen verschiebt Teilabgabe von E-Rezepten
Auch in Polen gibt es Änderungen: Das Gesundheitsministerium hat den Start der teilweisen E-Rezept-Erfüllung auf den 1. Juli 2026 verschoben. Ursprünglich sollte die Funktion bereits Mitte Juni starten. Künftig können Patienten ihr Rezept auf mehrere Apotheken aufteilen – eine Maßnahme gegen lokale Lieferengpässe. Die Teilnahme ist für Apotheken freiwillig. Eine digitale Karte soll Patienten helfen, teilnehmende Apotheken zu finden.
GKV-Ausgaben steigen – Pharmaindustrie reagiert verhalten
Die Finanzzahlen für das erste Quartal 2026 zeigen einen klaren Trend: Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Arzneimittel sind um 3,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Das Gesamtmarktvolumen erreichte 17,3 Milliarden Euro. Der apothekenspezifische Markt legte sogar um 4,8 Prozent auf 14,8 Milliarden Euro zu – und das, obgleich die Zahl der abgegebenen Packungen um vier Prozent sank.
Haupttreiber des Wachstums waren GLP-1-Agonisten, deren Ausgaben um mehr als 30 Prozent anzogen. Diese Mittel, die ursprünglich zur Diabetesbehandlung entwickelt wurden, erleben derzeit einen Boom – nicht zuletzt wegen ihrer Anwendung zur Gewichtsreduktion.
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Doch die Pharmaindustrie schlägt Alarm. Am 16. Juni 2026 kündigten große Hersteller wie Eli Lilly und Boehringer Ingelheim deutliche Kürzungen ihrer geplanten Investitionen in Deutschland an. Eli Lilly halbierte sein Projekt in Alzey auf rund 1,15 Milliarden Euro und reduziert die erwarteten Arbeitsplätze von 1.000 auf 500. Boehringer Ingelheim strich geplante Investitionen in Höhe von insgesamt 900 Millionen Euro zusammen. Die Unternehmen begründen dies mit staatlich verordneten Preisobergrenzen und Patentabschlägen.
Zwei Medikamente werden rezeptfrei
Eine positive Nachricht für Verbraucher: Seit dem 23. Mai 2026 sind zwei Wirkstoffe ohne Rezept erhältlich. Dazu gehören 50 mg Aciclovir-Buccaltabletten zur Behandlung von Herpes sowie 3 mg Melatonin zur Behandlung von Jetlag bei Erwachsenen – jeweils mit bestimmten Packungsgrößenbeschränkungen.
