Tanzen und Demenz: Zwölf Neurotango-Module verbinden Tango mit Gehirntraining
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 22:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Kognitive Übungen und nonverbale Kommunikation über Tanzbewegungen gewinnen in der neurologischen Prävention und Therapie an Bedeutung. Fachleute aus Neurologie und Bewegungspraxis verweisen darauf, dass körperliche Aktivität in Verbindung mit Musik und koordinativen Anforderungen gezielt Gehirnareale aktivieren und die Lebensqualität von Demenzbetroffenen fördern kann.
Demenzprävention und neurologische Risikofaktoren
In Deutschland leben nach Angaben der Neurologen Prof. Dr. Stefan Lorenzl und Dr. Georg Haber über 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, wobei Alzheimer die häufigste Ursache darstellt. Zu den beeinflussbaren Risikofaktoren zählen die Mediziner Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel, erhöhtes Körperfett, Schlafstörungen, Alkoholkonsum sowie ungesunde Ernährung.
Frühformen des familiären Alzheimers können laut Lorenzl und Haber bereits mit Mitte oder Ende 30 beginnen, falls eine genetische Vorbelastung vorliegt. Während sich die Tendenz in Europa verlangsamt, steigt das Erkrankungsrisiko in asiatischen Ländern infolge von Fehlernährung und Bewegungsmangel an. Die neurologische Diagnostik stützt sich auf spezialisierte Tests, Labormarker sowie die Untersuchung von Nervenwasser.
Multimodale Stimulation durch Musik und Bewegung
Aus neurowissenschaftlicher Sicht bietet Tanzen spezifische Vorteile gegenüber einfachen Bewegungsformen. Olga Maria Klimecki-Lenz vom Institut für Biologische Psychologie der Universität Innsbruck legt dar, dass beim Tanzen eine Vielzahl von Gehirnarealen gleichzeitig beansprucht werde. Diese multimodale Stimulation sei deutlich ausgeprägter als bei reiner Bewegung ohne Musik.
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Auswertungen mehrerer wissenschaftlicher Untersuchungen deuten Klimecki-Lenz zufolge darauf hin, dass Tanzen kognitive Funktionen sowie das psychische Wohlbefinden steigern könne und Hinweise auf den Erhalt kognitiver Fähigkeiten im Alter liefere.
Hinsichtlich der Lebensqualität bei Parkinson sowie der Reduktion von Angst und depressiven Symptomen zeigen Studien ähnliche Resultate wie andere Sportarten. Tanzen könne jedoch Vorteile bei Motivation, Gedächtnis und sozialer Kognition bieten. Die genauen neurobiologischen Wirkmechanismen gelten Klimecki-Lenz zufolge bislang als noch nicht vollständig geklärt, weshalb allgemeingültige Vorgaben zu Trainingsdauer und -häufigkeit ausstehen.
Konzepte von Neurotango bis zu integrativen Tanzveranstaltungen
In der Praxis existieren verschiedene Ansätze, um kognitive und motorische Reize zu kombinieren. In Wien bieten Sonja und Erich Hintermeier die Methode des Neurotango für Menschen mit Parkinson und Demenz an. Das Verfahren basiert auf zwölf aufeinander aufbauenden Modulen, die argentinischen Tango mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen verbinden.
Trainiert werden unter anderem Rückwärtsgehen, Richtungswechsel sowie das getrennte Bewegen von Armen und Beinen. Nach Angaben der Initiatoren zeigt das Training positive Effekte auf das Gangbild und kann verschüttete Fähigkeiten bei Demenz reaktivieren.
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Zudem würden beim Tanzen Botenstoffe wie Dopamin, Oxytocin und Testosteron freigesetzt. Entwickelt wurde das Konzept vor rund zehn Jahren von Simone Schlafhorst-Biermann in Deutschland, wo Tangoelemente bereits seit fast 30 Jahren therapeutisch Anwendung finden.
Neben strukturierten Therapien setzen regionale Netzwerke auf die Wirkung von nonverbaler Verständigung und Körpergedächtnis. Im Bürgerzentrum Wermelskirchen veranstaltete das seit über zwei Jahrzehnten bestehende Demenz-Netzwerk Arbeitskreis ReVivio unter Koordination von Sabine Salamon einen integrativen Herbstball.
Gemeinsam mit dem Tanz-Motivator Stefan Kleinstück, der seit 2009 Tanzveranstaltungen für Senioreneinrichtungen leitet, nahmen rund 120 Personen im Alter von zwölf bis 95 Jahren teil.
Ziel des Konzepts ist es, Leistungsdruck abzubauen und kognitive Ressourcen über Musik zugänglich zu machen. Ähnliche Initiativen wie das Projekt «KonTAKT» am Luzerner Theater oder strukturierte Kurse ab der Lebensmitte bieten zudem niedrigschwellige Zugänge zur Bewegungsförderung bei neurologischen Einschränkungen.
