Summen und Vagusnerv: Karolinska-Institut misst 15-mal mehr Stickstoffmonoxid
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 08:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie gezielte Beeinflussung des vegetativen Nervensystems gewinnt bei der Behandlung funktioneller körperlicher Beschwerden und chronischer Schmerzen zunehmend an Bedeutung. Verschiedene Fachberichte verdeutlichen, dass vegetative Störungen häufig auf ein Ungleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus zurückzuführen sind.
Bleibt der Organismus dauerhaft in einer unregulierten Stressreaktion gefangen, können vielfältige Symptome auftreten, für die sich bei klassischen Untersuchungen oft keine strukturellen Ursachen finden lassen.
Mechanismen der autonomen Dysfunktion
Das vegetative Nervensystem steuert lebenswichtige, unwillkürliche Körperfunktionen. Ein dauerhaft aktiver Sympathikus versetzt den Körper in eine ständige Alarmbereitschaft, während der regenerierende Parasympathikus mit dem Vagusnerv als Hauptstrang gehemmt wird.
Bei anhaltender Belastung schütten das autonome Nervensystem und die sogenannte HPA-Achse vermehrt Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus. Diese chronische Hormonausschüttung kann zu dauerhafter Muskelkontraktion, Störungen des Immunsystems sowie funktionellen Veränderungen im Darmnervensystem führen.
In der Folge manifestieren sich vegetative Störungen durch Symptome wie Herzklopfen, Blutdruckschwankungen, Verdauungsstörungen, Schlafprobleme, Angstzustände sowie chronische Schmerzsyndrome, darunter Spannungskopfschmerzen, Rückenschmerzen oder das Reizdarmsyndrom.
Berichten zufolge werden auch langfristig unterdrückte negative Emotionen wie Wut, Trauer oder Angst als Auslöser beschrieben, die körperliche Reaktionen unterhalten. Traumata und unverarbeitete Abwehrreaktionen können im Körper verbleiben und durch spezifische Reize Reaktionen wie Herzrasen, Schwitzen oder flache Atmung auslösen.
Weltweit sind Schätzungen zufolge mehr als 70 Millionen Menschen von Dysautonomien betroffen, wobei vereinzelt auch von einer Betroffenheitsrate von einer von zehn Personen berichtet wird.
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Eine spezifische Ausprägung stellt das posturale Tachykardiesyndrom (PoTS) dar, das häufiger bei jungen Frauen und teils nach Infektionen wie COVID-19 auftritt. Hierbei kommt es bei Erwachsenen innerhalb von zehn Minuten nach dem Aufstehen zu einem Herzfrequenzanstieg um mindestens 30 Schläge pro Minute bei meist stabilem Blutdruck.
Diagnostische Verfahren und Differenzierung
Häufig treten vegetative Symptome fragmentiert und unvorhersehbar auf, während Standarduntersuchungen wie Elektrokardiogramme (EKG), Schilddrüsenwerte, Magenspiegelungen oder Computertomografien des Schädels ohne Befund bleiben. Zur funktionellen Abklärung der autonomen Regulation werden Methoden wie die Messung der Herzratenvariabilität (HRV), der Kipptischtest, Atemtests sowie Prüfungen der galvanischen Hautreaktion herangezogen.
Da konventionelle Elektromyographien kleine Nervenfasern nicht erfassen, sind bei Verdacht auf spezifische Schädigungen Untersuchungen der sudomotorischen Funktion oder Hautbiopsien erforderlich. Der Ausschluss organischer Grunderkrankungen erfolgt über Bildgebung, Blutbildanalysen und kardiologische Standardtests.
Medizinische und verhaltenstherapeutische Ansätze
Die Behandlung autonomer Dysfunktionen erfolgt überwiegend symptomatisch. Pharmakologisch kommen je nach Befund unter anderem Betablocker, Kalziumantagonisten, Cholinesterasehemmer oder Antidepressiva zum Einsatz.
Daneben spielen körperorientierte und psychotherapeutische Verfahren eine zentrale Rolle. Fachleute empfehlen neben Psychotherapie und achtsamkeitsbasierten Verfahren wie der Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR) auch Ansätze wie Trauma-Releasing-Exercises (TRE), expressives Schreiben und Akupunktur.
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Im Rahmen der Stressbewältigung wird zudem auf feste Routinen hingewiesen: eine klare Trennung von Arbeitszeit und Freizeit, Phasen ohne digitale Erreichbarkeit, geregelte Essenszeiten sowie eine strukturierte Schlafhygiene mit abgedunkelten, gut gelüfteten Räumen bei Temperaturen zwischen 16 und 18 Grad Celsius.
In Erfahrungsberichten wird jedoch auch zur Vorsicht geraten: Anwendungen wie Wärmebehandlungen, Moxibustion oder tonisierende Mittel können die nervöse Erregbarkeit mitunter verstärken. Ein tägliches, zehnminütiges bewusstes Abschalten ohne Smartphone und ohne Grübeln erwies sich in Einzelfallberichten zwar als lindernd bei Herzrasen und Schlaflosigkeit, stellte jedoch keine vollständige Heilung dar, da das Beschwerdebild individuell variiert.
Gezielte Vagusnerv-Stimulation im Alltag
Um die Balance zwischen dem anregenden Sympathikus und dem beruhigenden Parasympathikus wiederherzustellen, werden verschiedene regulierende Übungen erprobt. Eine zentrale Rolle nimmt die Vagusstimulation über die Atmung ein.
Empfohlen wird unter anderem eine Atemtechnik mit vier Sekunden Einatmung und sechs Sekunden Ausatmung über einen Zeitraum von täglich drei bis fünf Minuten. Eine weitere Methode ist die 4-7-8-Atemtechnik, bei der vier Sekunden lang eingeatmet, der Atem für sieben Sekunden gehalten und über acht Sekunden ausgeatmet wird.
Auch das Singen und Summen stimuliert den Vagusnerv. Forschende des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig wiesen auf eine Dopaminausschüttung hin, die an Immunprozessen beteiligt ist.
Untersuchungen des Karolinska-Instituts in Stockholm zeigten zudem, dass beim Summen rund 15-mal mehr Stickstoffmonoxid in der Nasenluft messbar ist als beim ruhigen Ausatmen, was die Blutgefäße erweitert und den Blutdruck senkt.
Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse des New Yorker Neurochirurgen und Immunologen Dr. Kevin J. Tracey belegen darüber hinaus, dass die Aktivierung des Vagusnervs dazu beitragen kann, chronische Entzündungen dauerhaft zu reduzieren.
Ergänzt werden diese Methoden durch sanfte Bewegung, Waldbaden, Progressive Muskelentspannung, Grounding sowie eine bedarfsgerechte Zufuhr von Nährstoffen wie B-Vitaminen (B1, B6, B12), Magnesium und Omega-3-Fettsäuren.
In der Naturheilkunde finden zudem Heilpflanzen wie Haferkraut, Passionsblume und Baldrian Anwendung, um innerer Unruhe und Schlafproblemen entgegenzuwirken. Halten vegetative Beschwerden über mehrere Wochen an, bleibt eine umfassende ärztliche Abklärung unverzichtbar.
