Süßstoffe im Labor: Drei Viertel verändern das Wachstum von Darmbakterien
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 11:15 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine Laborstudie der MRC Toxicology Unit an der Universität Cambridge aus dem Juni 2026 liefert neue Einblicke in die biologischen Wirkungen von Zuckerersatzstoffen. Die Forscher untersuchten 39 handelsübliche Süßstoffe an 25 einzeln gezüchteten Arten von Darmbakterien.
Rund drei Viertel der getesteten Substanzen veränderten das Wachstum von mindestens einer Bakterienart, wobei das Wachstum in einigen Fällen vollständig gehemmt wurde. Die Ergebnisse reihen sich in eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen ein, die den Einfluss von Süßungsmitteln auf die menschliche Gesundheit und das Mikrobiom hinterfragen.
Mikrobiom und Stoffwechsel im Fokus der Forschung
Die Beobachtungen aus Cambridge decken sich mit früheren Veröffentlichungen. Bereits im Jahr 2022 berichtete Scientific American über Untersuchungen, bei denen Probanden nach dem Verzehr von Zuckerersatzstoffen ein verändertes Mikrobiom sowie Blutzuckerspitzen aufwiesen.
Neben den Reaktionen von Mikroorganismen im Labor bereiten vor allem die physischen Verdauungsprozesse funktionelle Probleme. Zuckerfreie Produkte gelten in der gastroenterologischen Praxis keineswegs als grundsätzlich harmlos. Fachärzte weisen darauf hin, dass Süßstoffe Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen, Völlegefühl und Durchfall hervorrufen können.
Zu den häufigsten Auslösern zählen Zuckeralkohole wie Sorbit, Xylit und Maltit, da sie unvollständig verdaut werden und im Darm wasser binden. Insbesondere Sorbit wird nur schlecht resorbiert und entfaltet dadurch eine osmotische Wirkung. Stevia und Sucralose können ebenfalls Beschwerden verursachen, während Erythrit in der Regel besser verträglich ist, wenngleich nicht für alle Konsumenten.
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Zweifel am Nutzen für die Gewichtsreduktion
Auch der angenommene Nutzen beim Abnehmen wird durch wissenschaftliche Auswertungen infrage gestellt. Eine im Canadian Medical Association Journal veröffentlichte Analyse der Universität Manitoba deutet darauf hin, dass der regelmäßige Konsum künstlicher Süßstoffe wie Aspartam, Sucralose und Stevia über längere Zeiträume möglicherweise mit einer Gewichtszunahme, Herzerkrankungen und weiteren gesundheitlichen Problemen einhergeht. Ein Beleg für einen langfristigen Nutzen bei der Gewichtsreduktion fand sich demnach nicht.
Die kanadischen Forscher werteten insgesamt 30 Studien mit 400.000 Teilnehmern aus, darunter sieben randomisierte kontrollierte Studien an adipösen Personen mit einer typischen Laufzeit von etwa sechs Monaten.
Rund 40 % der Erwachsenen konsumieren entsprechende Süßstoffe täglich. Der Studienautor Ryan Zarychanski verwies auf mögliche negative Effekte auf den Stoffwechsel, die Darmbakterien, das Herz-Kreislauf-System sowie die Appetitregulation.
Ergänzende Berichte von Fachmedien heben hervor, dass Stoffe wie Aspartam, Sucralose und Acesulfam eine rund 100-fach höhere Süßkraft als Glucose besitzen und Schaltkreise für Entscheidungen im Gehirn beeinträchtigen könnten, was zu weniger flexiblen und riskanteren Verhaltensweisen führen könne.
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Kardiovaskuläre Verdachtsmomente und Konsumhinweise
Zusätzlich geraten vermehrt Herz-Kreislauf-Risiken in den Blickpunkt. Nach Angaben des Deutschen Herzzentrums der Charité sind in Deutschland etwa 19 % der Erwachsenen von Adipositas betroffen, die als zentraler Risikofaktor für Diabetes mellitus Typ 2, Atherosklerose und arterielle Hypertonie gilt.
Marco Witkowski vom Deutschen Herzzentrum der Charité hebt hervor, dass Erythrit und Xylitol im Verdacht stehen, kardiovaskuläre Ereignisse zu begünstigen.
Kleinere Studien stellten nach der Zufuhr von Erythrit (E968) oder Xylitol eine erhöhte Reaktivität der Blutplättchen fest, während Beobachtungsstudien eine Korrelation zwischen hohen Blutwerten und mehr kardiovaskulären Vorfällen zeigten. Ein direkter Kausalzusammenhang ist damit bislang jedoch nicht nachgewiesen.
Erythrit wird im Körper weitgehend absorbiert, kaum verstoffwechselt und übt fast keine Wirkung auf den Blutzucker aus. Aspartam wiederum wird als möglicherweise krebserregend eingestuft, wobei die festgelegte zulässige Tagesdosis unverändert beibehalten wurde.
Experten aus der Gastroenterologie raten angesichts dieser Befunde zu einem maßvollen Umgang. Ein einzelnes zuckerfreies Getränk führe zwar nicht zwingend zu Schäden, problematisch sei jedoch der dauerhafte Konsum als vermeintlich sichere Alternative zu Zucker. Sinnvoller sei es, den Verzehr von verstecktem Zucker schrittweise zu senken und Durst vorrangig mit Wasser zu stillen.
