Süßstoffe im Darm: Drei Viertel verändern das Wachstum von Bakterien
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 06:14 Uhr | Redaktion boerse-global.deKünstliche Süßungsmittel und Zuckerersatzstoffe werden in zahlreichen Lebensmitteln eingesetzt, stehen jedoch zunehmend im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen. Labor- und Beobachtungsstudien liefern differenzierte Einblicke in die Wechselwirkungen dieser Substanzen mit dem menschlichen Mikrobiom und dem Stoffwechsel.
Laborstudie dokumentiert Wachstumsveränderungen bei Darmkeimen
In einer im Juni 2026 im Fachjournal Molecular Systems Biology veröffentlichten Laborstudie untersuchten Forschende der MRC Toxicology Unit der Universität Cambridge die Auswirkungen von Süßungsmitteln auf die bakterielle Zusammensetzung des Darms. Unter der Leitung von Kiran Patil und mit Sonja Blasche als Erstautorin testete das Forschungsteam 39 verschiedene Süßstoffe an insgesamt 25 Darmbakterienarten.
Die Analyse ergab, dass rund drei Viertel der untersuchten Substanzen das Wachstum mindestens einer Bakterienart veränderten. Bei einigen nützlichen Bakterien führte der Kontakt mit den getesteten Stoffen sogar zu einer vollständigen Hemmung des Wachstums.
Universität Pittsburgh untersucht Einfluss von Sucralose auf Krebstherapien
Welche klinischen Konsequenzen Verschiebungen im Mikrobiom haben können, beleuchtet eine Arbeit der Universität Pittsburgh, die im Fachblatt Cancer Discovery (DOI: 10.1158/2159-8290.CD-25-0247) publiziert wurde.
Die Wissenschaftler stellten fest, dass Sucralose bei Mäusen die Zusammensetzung der Darmmikrobiota veränderte. Dies begünstigte die Vermehrung argininabbauender Bakterien und senkte den Argininspiegel, was wiederum die Funktionsfähigkeit von T-Zellen beeinträchtigte.
Wurden die Tiere einer Anti-PD1-Immuntherapie unterzogen, entwickelten Mäuse unter dem Einfluss von Sucralose größere Tumoren und wiesen eine geringere Überlebensrate auf als Artgenossen ohne diesen Süßstoff. Eine Verabreichung von Arginin- oder Citrullin-Präparaten stellte die Wirksamkeit der Immuntherapie bei den Versuchstieren wieder her.
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Eine ergänzende Beobachtung an 132 Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenem Melanom oder Lungenkrebs wies in eine ähnliche Richtung: Der Konsum von Sucralose beeinträchtigte die Wirksamkeit der Anti-PD1-Immuntherapie – sowohl bei einer alleinigen Gabe als auch in Kombination mit Chemotherapie – über verschiedene Krebsarten, Stadien und Behandlungsmodalitäten hinweg.
Behördliche Einstufungen und weitere Wirkungen im Organismus
Bereits seit 2023 rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einer bedingten Empfehlung davon ab, Süßstoffe rein zur Gewichtskontrolle einzusetzen; diese Leitlinie gilt jedoch nicht für Personen mit einer bestehenden Diabetes-Diagnose.
Andere Süßungsmittel werden behördlich kontinuierlich überprüft: Der Stoff Aspartam wurde als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft, während der empfohlene Richtwert für die tolerierbare Tagesdosis (ADI) unverändert beibehalten wurde.
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Zu Zuckeralkoholen wie Erythritol und Xylitol liegen Beobachtungsstudien vor, die eine Korrelation zwischen erhöhten Blutwerten und kardiovaskulären Ereignissen beschreiben, verbunden mit einem Verdacht auf ein erhöhtes Thromboserisiko. Ein kausaler Nachweis ist damit bislang nicht erbracht, wenngleich kleinere Untersuchungen reaktivere Blutplättchen nach dem Verzehr von Erythritol oder Xylitol nachwiesen.
Unabhängig von systemischen Effekten können zuckerfreie Bonbons auf Basis von Süßstoffen und Polyolen bei hohem Konsum akute Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall verursachen. Der Stoff Sorbitol wird im Darm schlecht aufgenommen, bindet osmotisch Wasser und wird von Bakterien zu Gasen fermentiert. Saure Varianten solcher Produkte können zudem den Zahnschmelz angreifen.
