Süßstoffe im Darm: Cambridge prüft 39 Stoffe an 25 Bakterienarten
Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 20:42 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Praxis der Lebensmittelindustrie, Zucker und Fette durch Ersatzstoffe auszutauschen, stößt in der Wissenschaft auf zunehmende Skepsis. Bei einem Kolloquium in Paris am 30. Juni 2026 kritisierte Mathilde Touvier vom französischen Forschungsinstitut Inserm, eine der Mitentwicklerinnen des Nutri-Score, derartige Reformulierungen scharf.
Wenn Hersteller Zucker durch Süßstoffe und Fette durch Emulgatoren ersetzen, verbessere dies zwar auf dem Papier das Nährwertprofil und die Einstufung im Nutri-Score. Das eigentliche Problem der extremen industriellen Verarbeitung bleibe dabei jedoch ungelöst. Aktuelle Studien und Expertenanalysen heben die potenziellen Risiken und Grenzen dieser Alternativen hervor.
Begrenzter Nutzen bei der Gewichtskontrolle
Zucker liefert dem Körper rund 4 kcal pro Gramm. Süßstoffe wie Sucralose oder Steviolglykoside besitzen eine deutlich stärkere Süßkraft und lassen Blutzuckerspiegel sowie Kalorienaufnahme kaum ansteigen. Julia Orlowa von der EIA wies in einer Analyse darauf hin, dass zuckerfreie Varianten keineswegs automatisch kalorienfrei seien.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht-kalorische Süßstoffe nicht als vorrangige Maßnahme zur langfristigen Gewichtskontrolle, da ein dauerhafter Nutzen wissenschaftlich nicht belegt ist. Süßstoffe heilen weder Diabetes noch bewirken sie eine direkte Gewichtsreduktion.
Zudem unterscheiden sich Zuckeralkohole wie Sorbit, Xylit, Maltit und Erythrit hinsichtlich ihrer Verträglichkeit, ihrer Kalorienmenge und ihrer Wirkung auf den Blutzucker. Höhere Dosen können laut Orlowa Beschwerden wie Blähungen und Durchfall hervorrufen, insbesondere bei Personen mit Reizdarmsyndrom.
Zwar gelten zugelassene Süßstoffe für gesunde Menschen innerhalb der festgelegten Höchstmengen als unbedenklich, eine gezielte oder regelmäßige Aufnahme sei jedoch medizinisch nicht erforderlich.
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Mögliche Risiken für Herz und Gefäße
Zunehmend rücken auch potenzielle kardiovaskuläre Gefahren in den Fokus der Forschung. Laut Marco Witkowski vom Deutschen Herzzentrum der Charité stehen Erythritol und Xylitol im Verdacht, Herz-Kreislauf-Ereignisse zu begünstigen.
Dieser Aspekt ist vor allem vor dem Hintergrund relevant, dass in Deutschland rund 19 Prozent der Erwachsenen von Adipositas betroffen sind – einem wesentlichen Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und Atherosklerose.
Studienleiter Stanley Hazen verwies auf eine 24-Jahres-Studie, in der die höchste Aufnahme von Xylit mit einem etwa doppelt so hohen Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle verknüpft war. Nach dem Konsum eines xylithaltigen Getränks stieg die Konzentration im Blut gesunder Testpersonen um das Tausendfache.
In Experimenten und Tierversuchen förderten Xylit sowie Erythrit die Bildung von Blutgerinnseln, die Gefäßverschlüsse auslösen können. Ein Branchenverband widerspricht diesen Schlussfolgerungen allerdings.
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Laborbefunde zu Darmbakterien und Stoffwechsel
Auch die Auswirkungen auf das Darmmikrobiom werden intensiv untersucht. In einer am 17. Oktober 2026 veröffentlichten Laboruntersuchung der Universität Cambridge, die durch Mittel von EU Horizon 2020 und dem UK Medical Research Council gefördert wurde, prüften Forscher 39 Süßstoffe an 25 Darmbakterienarten.
Bei rund drei Vierteln der Süßstoffe veränderte sich das Wachstum mindestens einer Bakterienart. In Kombinationen mit Vanillin, Koffein, Advantam sowie acht Arzneimitteln traten über 100 veränderte Wachstumseffekte auf.
So hemmte Isosteviol zusammen mit dem Antidepressivum Duloxetin die Bakterien Roseburia intestinalis sowie Parabacteroides merdae stark und senkte die Vielfalt in einer simulierten Darmflora; die Übertragbarkeit dieser Laborergebnisse auf den Menschen bleibt jedoch offen.
Auch für Sucralose, die größtenteils unverdaut ausgeschieden wird, deuten Studien darauf hin, dass sie möglicherweise nicht vollständig stoffwechselneutral ist. Geprüft werden Einflüsse auf die Glukosetoleranz, Insulinsensitivität, Appetitregulation und bakterielle Dysbiosen, während zuständige Aufsichtsbehörden die Grenzwerte kontinuierlich anhand neuer Daten überprüfen.
