Suchtprävention im Betrieb: Nur jedes siebte Unternehmen setzt darauf
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 20:10 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bedeutung der Suchtprävention in der Arbeitswelt rückt angesichts veränderter Konsummuster und steigender psychischer Belastungen zunehmend in den Fokus.
Aktuelle Untersuchungen des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention sowie Daten verschiedener Krankenkassen zeichnen jedoch ein heterogenes Bild bei der Umsetzung entsprechender Konzepte in den Betrieben. Während Großunternehmen bereits etablierte Strukturen nutzen, besteht insbesondere bei kleineren Betrieben erheblicher Nachholbedarf.
Divergenz zwischen Groß- und Kleinbetrieben
Eine Befragung von 300 Unternehmen durch das bayerische Gesundheitsministerium zeigt, dass derzeit lediglich jedes siebte Unternehmen auf gezielte Suchtprävention setzt. Dabei variiert die Aktivität stark nach der Unternehmensgröße: Mehr als die Hälfte der bayerischen Großunternehmen, die über einen betriebsärztlichen Dienst verfügen, engagiert sich in diesem Bereich.
Im Gegensatz dazu sind Maßnahmen in Kleinbetrieben mit einer Quote von 7,4 Prozent und in Kleinstbetrieben mit lediglich 3,4 Prozent bisher kaum verbreitet.
Ökonomisch betrachtet wird die Prävention als rentabel eingestuft. Den Erhebungen zufolge spart jeder in die Suchtprävention investierte Euro perspektivisch zwischen 5 und 10 Euro ein. Um die Umsetzung zu unterstützen, fördern Unfall- und Krankenkassen entsprechende Maßnahmen. Laut dem Experten Heyn stehen hierfür Förderungen von bis zu 600 Euro pro Person und Jahr zur Verfügung.
Psychische Belastungen und digitaler Stress als neue Treiber
Die Notwendigkeit präventiver Konzepte wird durch die Fehlzeitenstatistik der hkk Krankenkasse unterstrichen. Im ersten Halbjahr 2026 machten psychische Erkrankungen mit einem Zuwachs von 9,3 Prozent erstmals die häufigste Ursache für Fehltage aus.
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Ein durchschnittlicher Krankheitsfall in diesem Segment dauerte 38,8 Tage, was deutlich über dem Gesamtdurchschnitt von 10,9 Tagen pro Fall lag. Sabrina Jacob vom hkk-Versorgungsmanagement betonte in diesem Zusammenhang, dass vor allem Langzeit-Erkrankungen die Quoten treiben.
Ein wesentlicher Faktor für diese Entwicklung ist der sogenannte digitale Stress. Eine Studie der IU Internationalen Hochschule mit dem Titel „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland“ ergab, dass sich 44,2 Prozent der Befragten gedanklich ständig erreichbar fühlen.
Rund 81 Prozent blicken mindestens ein- bis zweimal pro Stunde auf ihre digitalen Geräte; bei den 16- bis 30-Jährigen liegt dieser Wert sogar bei über 90 Prozent. Die Folgen sind gravierend: 32 Prozent der Teilnehmenden berichteten von mentaler Erschöpfung, 31,9 Prozent leiden unter Schlafproblemen.
Auswirkungen der Digitalisierung auf körperliche Berufe
Der digitale Wandel beeinflusst die Gesundheit der Beschäftigten je nach Berufsfeld unterschiedlich. Eine Untersuchung des Ifo-Instituts in Zusammenarbeit mit dem IAB und der Universität Konstanz zeigt, dass eine zunehmende Digitalisierung bei körperlich tätigen Mitarbeitern oft mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustands einhergeht.
Diese Beschäftigten fehlen digitalisierungsbedingt im Schnitt rund 20 Prozent mehr Tage im Jahr. Oliver Schlenker vom Ifo-Zentrum für Soziale Marktwirtschaft wies darauf hin, dass der technologische Wandel bestehende gesundheitliche Ungleichheiten verstärken könnte, wobei Technostress eine mögliche Erklärung darstellt. Bei Büro- und Wissensberufen konnte hingegen kein negativer Zusammenhang festgestellt werden.
Strategien zur Prävention und Verhaltensänderung
Fachleute beobachten zudem eine Verschiebung der Suchtformen. Während der Alkoholkonsum tendenziell abnimmt, gewinnen Nikotinbeutel, Aufputschmittel und Kokain an Bedeutung. Auch die Internet- und Computerspielsucht ist in vielen Betrieben ein Thema. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Computerspiel- und Onlinesucht bereits als eigenständige Krankheiten anerkannt.
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Zur Bewältigung dieser Herausforderungen raten Experten wie Prof. Dr. med. Timo Heidt von der Max Grundig Klinik zu einem bewussten Perspektivwechsel. Überidentifikation mit dem Beruf gehe oft mit Perfektionismus einher, weshalb er empfehle, Aufgaben zu delegieren und eine Zufriedenheit mit einer 80-Prozent-Leistung anzustreben.
Der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig empfiehlt zudem klare Regeln für die Smartphone-Nutzung, wie etwa ein Tageslimit von 50 Prozent der bisherigen Nutzungszeit und den Verzicht auf Geräte unmittelbar nach dem Aufstehen oder während der Mahlzeiten.
Zusätzlich zur betrieblichen Ebene gewinnen regionale Initiativen an Bedeutung. So plant die Stadt Gelsenkirchen für Ende September 2026 die Auszeichnung von Schulen, die eigene Suchtpräventionskonzepte erarbeitet haben, um bereits bei künftigen Arbeitskräften ein Bewusstsein für diese Thematik zu schaffen.
