Sturzprävention, Milliarden

Sturzprävention: 1,7 Milliarden Euro Kosten jährlich vermeidbar

27.05.2026 - 17:31:21 | boerse-global.de

Jährlich 1,7 Milliarden Euro Kosten durch Sturzfolgen. Die Diakonie setzt auf Prävention statt Reparaturmedizin.

Sturzprävention: 1,7 Milliarden Euro Kosten jährlich vermeidbar - Foto: über boerse-global.de
Sturzprävention: 1,7 Milliarden Euro Kosten jährlich vermeidbar - Foto: über boerse-global.de

Die Diakonie verlangt nun ein Umdenken.

Stürze sind der häufigste Grund für den Umzug älterer Menschen ins Pflegeheim. Das will die Diakonie mit einer grundlegenden Strategieänderung ändern. „Wir müssen weg von der reinen Reparaturmedizin, hin zur echten Prävention", forderte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser am Dienstag in einer Grundsatzrede.

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Die Kosten der Nachlässigkeit

Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm. Allein die Lücken in der Sturzprävention verursachen jährliche Kosten von rund 1,7 Milliarden Euro. Hinzu kommen die sozialen Kosten: Ein Sturz bedeutet für viele Senioren den Verlust ihrer Selbstständigkeit und den Beginn einer Pflegekarriere.

Moser präsentierte ein umfassendes Maßnahmenpaket. Dazu gehören regelmäßige Medikamentenchecks, Delir-Prävention und ein verbessertes Entlassungsmanagement aus Krankenhäusern. Besonders brisant: Für Senioren, die mehr als fünf Medikamente täglich einnehmen, empfiehlt die Diakonie mindestens zwei professionelle Überprüfungen pro Jahr. Der Grund: Wechselwirkungen können das Gleichgewicht und die kognitive Leistungsfähigkeit massiv beeinträchtigen.

Die Vermeidung von Delirien im Krankenhaus birgt ein enormes Einsparpotenzial. Schätzungen zufolge könnten allein hierdurch bis zu 90 Millionen Euro an Folgekosten vermieden werden.

Kölner Modell als Blaupause

Ein Vorzeigeprojekt läuft bereits seit zehn Jahren in Köln. Die Stadt bietet präventive Hausbesuche für Senioren an – automatisch zum 75. Geburtstag, mit einer Erinnerung zum 80. Geburtstag. Mehr als 18.000 Kölner haben dieses Angebot bereits genutzt, allein im vergangenen Jahr fanden über 1.000 Beratungen statt. Das Ziel: möglichst langes selbstständiges Wohnen in den eigenen vier Wänden.

Bewegung als Medizin: Feldenkrais und Co.

Die wissenschaftliche Basis für präventive Bewegungsprogramme ist solide. Die Feldenkrais-Methode, entwickelt von Moshé Feldenkrais (1904–1984), zählt zu den am besten erforschten somatischen Lernverfahren. Über 100 Studien, darunter mehrere randomisierte kontrollierte Studien und ein Cochrane-Review von 2015, belegen die Wirksamkeit.

Die Methode hilft nachweislich bei chronischen Rückenschmerzen, verbessert das Gleichgewicht und beugt Stürzen vor. Auch Menschen mit Multipler Sklerose profitieren. Neue Forschungsergebnisse deuten auf positive Effekte bei Schlafqualität, Stressregulation und sogar sportlicher Leistungsfähigkeit hin.

Die Kosten sind überschaubar: Gruppensitzungen („Awareness Through Movement") kosten zwischen 15 und 25 Euro, Einzelsitzungen („Functional Integration") zwischen 80 und 150 Euro. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt diese Kosten in der Regel nicht, private Kassen bieten oft Teilerstattungen an.

Regionale Projekte im Frühjahr 2026

Bundesweit starten in diesen Wochen neue Angebote für Senioren:

In Würzburg läuft das Projekt „Gestalt" – ein Akronym für Gehen, Spielen und Tanzen als lebenslange Aktivitäten. Entwickelt von der FAU Erlangen-Nürnberg, richtet es sich an Menschen ab 60 Jahren und soll durch körperliche und soziale Aktivität Demenz vorbeugen. Zwölf Einheiten à 90 Minuten, freitags im ABZ-Heiligkreuz in Würzburg-Zellerau.

Der Mülheimer Sportbund (MSB) hat sein Projekt „Sport & Demenz" für 2026 ausgeweitet. Angeboten wird es im Hildegardis Quartier und im Christophorus Quartier in Broich. Alle zwei Wochen für zwei Stunden – mit Tüchern, Bällen und Musik. Die Nachfrage ist so hoch, dass mehrere Einrichtungen Wartelisten führen.

In Groß-Gerau startet die Volkshochschule am 2. Juni einen speziellen Hatha-Yoga-Kurs für Senioren ab 60. Sieben Sitzungen sollen körperliche Stabilität und Achtsamkeit fördern.

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In Neustadt/Wied fand am Mittwoch ein „Lachtanz-Kaffee" statt – mit „Bollywood-Lachyoga", das im Stehen, Sitzen oder sogar mit Rollator oder Rollstuhl durchführbar ist.

Neuro-Fitness und digitale Kompetenz

Moderne Prävention setzt auch auf kognitive Fitness. Am 30. Mai veranstaltet die Brain Knowledge Academy in München-Nymphenburg einen Workshop mit dem Titel „Gehirnwissen & Jonglieren für Koordination und Kognition". Im Fokus: Neuro-Fitness durch Bewegung.

Die digitale Welt wird für Senioren zunehmend zur Herausforderung. In Lingen bietet die Volkshochschule im Juni den Kurs „Netzhelden im Alter" an. Gefördert von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung, lernen Senioren, Desinformation zu erkennen und mit Künstlicher Intelligenz umzugehen.

Selbst traditionelle chinesische Medizin findet ihren Weg in die Prävention. In Meschede ist für den 28. Mai ein kostenloser Vortrag von Qigong-Großmeister Buyin Zheng geplant – organisiert von Alexander Plett, mit Fokus auf Rückenschmerzen und Gesundheitserhaltung.

Der Wandel hin zur ganzheitlichen Altersvorsorge

Die Forderungen der Diakonie und die wissenschaftliche Bestätigung somatischer Methoden deuten auf einen grundlegenden Wandel hin. Der Fokus verschiebt sich von reaktiver Behandlung hin zu proaktiven Lebensstil- und Bewegungsinterventionen.

Die jährlichen Kosten von 1,7 Milliarden Euro durch Präventionslücken zeigen: Das Gesundheitssystem investiert zu wenig in kostengünstige, aber wirkungsvolle Bewegungsprogramme. Während lokale Projekte wie in Köln und Mülheim als Blaupausen dienen, fordert die Diakonie nationale politische Änderungen bei Medikamentenchecks und Delir-Prävention.

Experten betonen: Die Kombination aus Bewegung – wie dem Tanz- und Gehprojekt „Gestalt" – mit somatischem Lernen wie Feldenkrais bietet einen mehrschichtigen Ansatz. Diese Methoden stärken nicht nur die Muskulatur, sondern verbessern die neurologischen Bahnen, die für Gleichgewicht und räumliches Bewusstsein verantwortlich sind.

Ausblick: Was 2026 noch kommt

Die Ausweitung der Programme in Mülheim, Würzburg und Lingen wird in den kommenden Monaten als Maßstab für andere Kommunen dienen. Die Frage der Kostenerstattung somatischer Lernverfahren durch die gesetzlichen Krankenkassen bleibt ein zentraler Diskussionspunkt.

Der demografische Wandel macht die Integration von Bewegung, kognitivem Training und Medikamentenmanagement zur Überlebensfrage für das Gesundheitssystem. Die anstehenden Veranstaltungen im Juni – vom Yoga in Groß-Gerau bis zur digitalen Bildung in Lingen – werden weitere Daten liefern, wie kommunale Programme die Selbstständigkeit und Gesundheit älterer Menschen wirksam unterstützen können.

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