Pflegende Angehörige, Psychische Gesundheit

Studie Pflegende Angehörige: Psychische Hilfe wird gebraucht, aber selten genutzt

Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Eine internationale Auswertung von 29 Studien mit mehr als 81.000 pflegenden Angehörigen zeigt: Viele wünschen sich psychologische Unterstützung, nutzen entsprechende Angebote aber kaum. Fachleute fordern deshalb eine systematische Erfassung der Belastungen von Familienpflegenden.

Ein Mitarbeiter eines Alten-und Pflegeheims hält die Hand einer Bewohnerin. (Archivbild) - Bild: Oliver Berg/dpa
Ein Mitarbeiter eines Alten-und Pflegeheims hält die Hand einer Bewohnerin. (Archivbild) - Bild: Oliver Berg/dpa

Pflegende Angehörige weltweit nehmen psychologische Unterstützung deutlich seltener in Anspruch, als sie sie nach eigener Einschätzung benötigen.

Internationale Auswertung von 29 Studien

Ein Forschungsteam um die Psychologin Hannah Isaac von der Universität Sydney hat 29 Studien aus Europa, den USA, Kanada und Australien zusammengeführt, in denen insgesamt mehr als 81.000 Menschen befragt wurden, die ein Familienmitglied zu Hause pflegen. Die Ergebnisse der Metaanalyse sind in der Fachzeitschrift "Psychology & Health" erschienen und beleuchten vor allem die psychische Situation der Pflegenden.

Laut Auswertung wünscht sich etwa jede dritte pflegende Person eine Beratung über Hilfsangebote, aber weniger als jede sechste nutzt diese tatsächlich. Viele Befragte berichten, sie bräuchten Unterstützung im Umgang mit Verlust, Ungewissheit und Schuldgefühlen. Zugleich schildern sie, dass die Bedürfnisse der betreuten Person meist Vorrang vor der eigenen Gesundheit haben.

Besonders Frauen in der häuslichen Pflege betroffen

Im Mittelpunkt der untersuchten Studien standen überwiegend Frauen, die ihren Ehemann oder Partner mit einer chronischen Erkrankung versorgen. Am häufigsten ging es um Krebs, daneben um Herzerkrankungen, Parkinson oder die Folgen eines Schlaganfalls. In Phasen besonders schwerer Erkrankung neigen pflegende Angehörige der Analyse zufolge dazu, ihre eigenen psychischen Belastungen herunterzuspielen, obwohl gerade dann professionelle Unterstützung besonders hilfreich wäre.

Für Deutschland verweist die Studie auf die jüngste Pflegestatistik: 2023 wurden hierzulande rund 4,9 Millionen pflegebedürftige Menschen zu Hause versorgt. Die Anzahl der pflegenden Angehörigen lässt sich nur schätzen, eine vorliegende Schätzung geht von etwa 7,1 Millionen Menschen aus, die Verantwortung für die häusliche Pflege tragen.

Geringe Nutzung staatlicher Angebote

Über Ländergrenzen hinweg äußerten die befragten Angehörigen den Wunsch, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, persönliche Ziele an die neue Lebenssituation anzupassen und mit Veränderungen in ihren sexuellen Beziehungen umzugehen. Rund 40 Prozent zeigten Interesse an staatlichen Angeboten wie nationalen Telefonhotlines oder krankheitsspezifischen Informationsdiensten, doch nur etwa 10 Prozent hatten diese bereits genutzt.

Als Beispiel für solche Angebote nennt die Auswertung das deutsche Pflegetelefon, bei dem pflegende Angehörige anonym und vertraulich beraten werden. Der Unterschied zwischen der hohen theoretischen Nachfrage und der niedrigen tatsächlichen Nutzung gilt den Forschenden als Hinweis darauf, dass Hürden wie Zeitmangel, Informationsdefizite oder Scham eine Rolle spielen.

Forderung nach systematischer psychischer Unterstützung

Die Wissenschaftlerinnen plädieren dafür, pflegende Angehörige routinemäßig auf psychische Belastungen und ihren Bedarf an unterstützender Versorgung zu untersuchen. Sie verweisen darauf, dass Depressionen und Angstzustände in dieser Gruppe häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung. Fehlten Hilfsangebote oder würden sie nicht genutzt, könne dies nicht nur das Wohlbefinden der Pflegenden beeinträchtigen, sondern auch ihre Fähigkeit einschränken, die betreute Person angemessen zu versorgen.

Die Studie versteht sich als Appell an Politik, Gesundheitssystem und Beratungsstellen, die psychische Dimension häuslicher Pflege stärker zu berücksichtigen und niedrigschwellige, gut erreichbare Unterstützungsstrukturen auszubauen.

Hohe Belastung im privaten Pflegesystem

Die Auswertung der Fachzeitschrift zeigt, wie stark das weltweit verbreitete Modell der häuslichen Pflege auf den Schultern von Familienangehörigen ruht. Viele pflegende Menschen übernehmen Aufgaben, die früher überwiegend professionellen Diensten vorbehalten waren, und stemmen sie zusätzlich zu Beruf und familiären Verpflichtungen. Die Daten machen deutlich, dass diese Verantwortung häufig mit Schlafmangel, emotionalem Stress und sozialer Isolation einhergeht.

Für Deutschland hat das besondere Brisanz, weil ein Großteil der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt wird und die Zahl dieser Menschen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Pflegende Angehörige werden damit faktisch zu einer tragenden Säule des Gesundheitssystems, ohne dass ihre eigene psychische Stabilität systematisch mitgedacht wird. Die Studie ordnet das als strukturelles Problem ein: Wer dauerhaft belastet ist und Hilfe bräuchte, nimmt sie aus unterschiedlichen Gründen nicht wahr – etwa aus Zeitdruck, Schuldgefühlen oder mangelnder Kenntnis vorhandener Angebote.

Bedeutung für Versorgung und Gesundheitspolitik

Wenn depressive Symptome, Angstzustände und Überforderung bei Pflegenden häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung, wirkt sich das nicht nur auf die betreuten Patientinnen und Patienten aus. Es erhöht auch das Risiko für eigene Erkrankungen, längere Auszeiten vom Beruf und letztlich für zusätzliche Belastungen der sozialen Sicherungssysteme. Die Forderung nach einer routinemäßigen Erfassung psychischer Belastungen zielt deshalb auf mehr Prävention: Frühere Unterstützung kann helfen, Zusammenbrüche zu vermeiden und die Pflegequalität langfristig zu sichern.

Konkrete Folgen für Betroffene

Für Leserinnen und Leser, die selbst Angehörige pflegen, unterstreicht die Auswertung zweierlei: Erstens ist es fachlich anerkannt, dass die eigene psychische Gesundheit unter Pflegebedingungen stark leiden kann. Zweitens zeigen die Zahlen, dass der Schritt zur Beratung trotz vorhandener Angebote vielen schwerfällt. Wer Pflege leistet, ist damit nicht nur Versorger, sondern auch selbst in einer verletzlichen Position. Eine bewusste Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten kann helfen, Dauerbelastungen zu reduzieren und die schwierige Balance zwischen Fürsorge für andere und Selbstfürsorge besser zu halten.

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