Stationäre Pflege: Eigenanteile steigen in acht Monaten um 7,70 Prozent
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 17:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die finanzielle Belastung für pflegebedürftige Menschen in vollstationären Einrichtungen wächst stetig. Trotz der Einstufung in einen Pflegegrad und der Zuschüsse aus der gesetzlichen Pflegeversicherung müssen Heimbewohner immer höhere Beträge aus eigener Tasche aufbringen. Diese Entwicklung verschärft die politische Debatte über gezielte Finanzhilfen für das Pflegesystem und grundlegende Reformmodelle.
Steigende Zuzahlungen in der stationären Pflege
Nach Angaben aus dem Pflegesektor zogen die Eigenanteile von Dezember 2025 bis August 2026 bundesweit um 7,70 Prozent an, was Krankenkassen vor allem auf höhere Personalkosten zurückführen. Im August 2026 fielen die Gesamtkosten im Saarland mit 3.665,52 Euro, in Bremen mit 3.569,80 Euro sowie in Nordrhein-Westfalen mit 3.519,88 Euro am höchsten aus.
Mit 2.788,27 Euro wies Sachsen-Anhalt das günstigste Niveau auf, womit die regionale Spanne bei über 877 Euro lag. Die stärksten Kostensprünge seit Dezember 2025 verzeichneten Hamburg mit einem Plus von 12,01 Prozent, Sachsen-Anhalt mit 9,67 Prozent und Hessen mit 9,58 Prozent. Moderater fiel der Anstieg in Bremen mit 4,15 Prozent sowie in Bayern mit 5,49 Prozent aus.
Bundesweit stiegen die sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteile (EEE) um 8,54 Prozent, während die Investitionskosten um 13,2 Prozent zulegten – angeführt von Baden-Württemberg mit einem Zuwachs von 31,26 Prozent und Bayern mit 21,32 Prozent.
Ein deutliches Gefälle zeigt sich zudem zwischen den Regionen: In den westlichen Bundesländern lag der Gesamtwert bei 3.331,77 Euro gegenüber 2.983,34 Euro im Osten.
Im Fünfjahresvergleich kletterte der durchschnittliche Eigenanteil von rund 2.200 Euro im Jahr 2021 auf etwa 3.200 Euro im Jahr 2026, was einer Steigerung von 40 Prozent entspricht. Monatlich fallen bei privaten Trägern durchschnittlich 3.071 Euro an, bei gemeinnützigen 3.353 Euro und bei kommunalen Einrichtungen 3.341 Euro.
Zum Stichtag 1. Juli 2026 zahlten Heimbewohner im ersten Aufenthaltsjahr im Bundesdurchschnitt 3.364 Euro monatlich selbst, was 256 Euro mehr waren als im Vorjahr.
Nach Angaben des Verbands der Ersatzkassen entfielen dabei 1.775 Euro auf den pflegebedingten Anteil nach Abzug der Zuschläge, 1.068 Euro auf Unterkunft und Verpflegung, 521 Euro auf Investitionskosten sowie 128 Euro monatlich auf die Ausbildungsumlage.
Die gesetzlichen Leistungszuschläge nach Paragraf 43c SGB XI staffeln sich dabei von 15 Prozent im ersten Jahr über 30 Prozent ab dem zweiten und 50 Prozent ab dem dritten bis hin zu 75 Prozent nach 36 Monaten Heimaufenthalt.
Sorgen in der Bevölkerung und Vorsorgelücken
Umfragen belegen erhebliche Vorbehalte in der Bevölkerung bezüglich der Tragfähigkeit der eigenen Finanzen. In einer Erhebung von YouGov für Swiss Life Deutschland vom September 2026 unter 2.015 Befragten gaben 67 Prozent an, sich im Pflegefall finanziell schlecht abgesichert zu fühlen; 28 Prozent bezeichneten ihren Schutz als sehr schlecht.
Lediglich 9 Prozent verfügen über eine private Pflegezusatzversicherung, während 57 Prozent keine Notwendigkeit für eine solche Vorsorge sahen und 56 Prozent auf die gesetzliche Pflegeversicherung oder staatliche Sozialleistungen vertrauten.
Als größte persönliche Sorge nannten 69 Prozent den Verlust der Selbstständigkeit, gefolgt von finanziellen Belastungen mit 47 Prozent und Schmerzen mit 38 Prozent. Rund 59 Prozent der Teilnehmenden hatten bereits persönliche Erfahrungen mit der Pflege gesammelt. Eine realistische Kostenschätzung von monatlich mindestens 3.000 Euro für den Eigenanteil trafen 41 Prozent.
Als Wohnform im Alter favorisierten 47 Prozent betreutes Wohnen, 24 Prozent die Betreuung durch Angehörige und 14 Prozent ein Pflegeheim. Für 73 Prozent der Bürger ist eine faire Behandlung im Leistungsfall sehr bedeutsam. Über mehrere Jahre hinweg summieren sich die stationären Gesamtkosten laut Datenerhebungen oft auf 150.000 bis 300.000 Euro.
Eine Civey-Umfrage für die Debeka aus dem September 2026 unter 2.000 volljährigen Bürgern ohne Rentner sowie 1.000 privat Vorsorgenden ermittelte, dass 34 Prozent die Pflegebedürftigkeit im Alter als größtes finanzielles Risiko betrachten. Es folgten Altersarmut mit 27 Prozent, Berufsunfähigkeit mit 14 Prozent und Langzeitarbeitslosigkeit mit 11 Prozent.
Während bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren die Altersarmut mit 40 Prozent dominiert und die Pflege nur für 12 Prozent im Fokus steht, nannten 47 Prozent der 50- bis 64-Jährigen und 56 Prozent der über 65-Jährigen Pflegebedürftigkeit als größte Gefahr.
Bei Selbstständigen lag dieser Anteil bei 47 Prozent, wobei aus dieser Gruppe lediglich 10 Prozent in der gesetzlichen Rentenversicherung versichert sind.
Die Eigenanteile in der vollstationären Pflege sind von Dezember 2025 bis August 2026 bundesweit um 7,70 Prozent gestiegen — im Saarland zahlen Bewohner im ersten Aufenthaltsjahr inzwischen 3.665 Euro monatlich selbst. Wer die Belastung für sich oder Angehörige realistisch kalkulieren will, braucht belastbare Zahlen statt Bauchgefühl. Unser kostenloser Report vergleicht die Eigenanteile nach Bundesland und zeigt, welche Schritte bei der Pflegevorsorge wirklich zählen. Pflegevorsorge-Report jetzt kostenlos anfordern
Den Erhebungen zufolge belaufen sich die Gesamtkosten für ein Pflegeheim im Schnitt auf rund 4.500 Euro im Monat. Die Pflegekasse übernimmt bei Pflegegrad 5 bis zu 2.096 Euro, sodass im Schnitt eine monatliche Eigenbeteiligung von 3.237 Euro verbleibt.
Dem stehen nach Daten des Statistischen Bundesamtes durchschnittliche Renteneinkünfte von monatlich 2.403 Euro bei Männern und 1.822 Euro bei Frauen gegenüber. Der Vorstandsvorsitzende der Debeka, Thomas Brahm, hob angesichts dieser Differenzen die Notwendigkeit einer frühzeitigen privaten Vorsorge hervor.
Gesetzliche Maßnahmen und parlamentarische Debatte
Auf bundespolitischer Ebene beschloss das Kabinett Ende September 2026 den Entwurf zum Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PNOG), der jedoch noch kein geltendes Recht darstellt. Der Entwurf sieht vor, den Entlastungsbetrag von 131 Euro bei Pflegegrad 1 durch Beratungsangebote zu ersetzen.
Für die Pflegegrade 2 bis 5 ist ein Sozialraumbudget von bis zu 175 Euro monatlich geplant, das für Personen unter 25 Jahren bis zu 300 Euro betragen kann. Ab 2029 soll eine jährliche Leistungsanpassung anhand der Kerninflation erfolgen, gedeckelt durch die allgemeine Lohnentwicklung.
Ein ursprünglicher Vorschlag aus dem Referentenentwurf vom 5. Juni 2026, die Zuschussstufen um jeweils sechs Monate zu verschieben, wurde nicht in den Kabinettsbeschluss übernommen.
Im parlamentarischen Raum reichte die AfD-Fraktion Anfang Oktober 2026 eine Kleine Anfrage mit 17 Fragen zur Lage der rund 5 Millionen Pflegebedürftigen ein. Thematisiert werden unter anderem die Finanzlage zum Ende des ersten Halbjahres 2026, Beitragssatzerwartungen für 2027, versicherungsfremde Leistungen, Modelle zur Trennung von Alltagshilfe und medizinischer Pflege sowie die Deckelung von Investitionskosten.
Gleichzeitig verzögert sich die Einsetzung der Pflegestrukturkommission, die Reformmodelle für die 2030er-Jahre erarbeiten soll, aufgrund fehlender Einigkeit über die Besetzung. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Dirk Wiese, begründete dies mit Personalabstimmungen, während das Gesundheitsministerium fortlaufende Beratungen anführte. Ziel bleibe es, bis Ende Januar 2027 Ergebnisse vorzulegen.
In den Reihen der SPD wird eine Deckelung der Heimkosten gefordert, wodurch der monatliche Eigenanteil um rund 300 Euro sinken soll, was CDU-Gesundheitsminister Linnemann als gefährlich einstufte.
Aus der SPD kam zudem der Vorschlag für einen Eigenanteilsdeckel von 1.500 Euro, der im bisherigen Gesetzentwurf jedoch fehlt. Zudem merkte Linnemann an, dass Rentenpunkte für pflegende Angehörige nicht wie ursprünglich geplant gekürzt werden, kritisierte jedoch veränderte Einstufungskriterien bei den Pflegegraden.
Die Grünen wiederum schlagen eine Obergrenze rein für den pflegebedingten Eigenanteil vor, während Aufwendungen für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen unberücksichtigt blieben.
Zur Finanzierung fordern sie einen Ausgleich zwischen sozialer und privater Pflegeversicherung im Umfang von rund 3 Milliarden Euro jährlich, die Einbeziehung neuer Beamter sowie Selbstständiger und die Rückzahlung von 5,2 Milliarden Euro an pandemiebedingten Ausgaben durch den Bund.
Angespannte Finanzlage der Pflegekassen
Die Kassenfinanzen stehen derweil unter erheblichem Druck. Der Leiter der Abteilung Pflege beim GKV-Spitzenverband, Oliver Blatt, bezifferte den Finanzbedarf der Pflegeversicherung für 2027 auf 10 Milliarden Euro.
Der aktuelle Gesetzentwurf kalkuliert mit einer Anhebung des Beitragssatzes für Kinderlose um 0,3 Prozentpunkte ab 2027 auf 4,8 Prozent vom Einkommen bei einem Arbeitgeberanteil von 1,8 Prozent. Dies bringe Mehreinnahmen von 3,3 Milliarden Euro jährlich, hinterlasse aber rechnerisch weiterhin eine Lücke von 1 Milliarde Euro. Zur Liquiditätssicherung benötige die Kasse kurzfristig rund 500 Millionen Euro.
Blatt verlangte zudem, versicherungsfremde Leistungen wie die Rentenbeiträge pflegender Angehöriger aus Steuermitteln zu begleichen, und verwies auf rund 5 Milliarden Euro an Altlasten aus der Corona-Zeit. Zudem zahlten die Kassen knapp 8 Milliarden Euro an Zuschüssen zu den Heimeigenanteilen. Würden die Länder die Investitionskosten übernehmen, entlaste dies die Heimbewohner um 500 Euro im Monat.
Nur 9 Prozent der Bundesbürger haben eine private Pflegezusatzversicherung — 57 Prozent sehen darin keine Notwendigkeit. Gleichzeitig fühlen sich 67 Prozent im Pflegefall finanziell schlecht abgesichert, und über mehrere Jahre summieren sich die Heimkosten laut Erhebungen auf 150.000 bis 300.000 Euro. Unser kostenloser Report zeigt anhand einer Checkliste, worauf es beim Abschluss einer Pflegezusatzversicherung ankommt — und welche Lücken die gesetzliche Pflegeversicherung lässt. Checkliste Pflegezusatzversicherung jetzt sichern
Um akute Engpässe abzuwenden, billigte der Haushaltsausschuss des Bundestags ein Darlehen von bis zu 700 Millionen Euro als überplanmäßige Ausgabe, nachdem vorangegangene Bundesdarlehen von 3,2 Milliarden Euro für 2026 nicht ausreichten.
Das Finanzministerium führte Mehrausgaben auf die stark steigende Zahl an Pflegebedürftigen zurück. Ohne Beitragsanpassungen drohen Modellrechnungen zufolge Defizite von 7,6 Milliarden Euro im Jahr 2027 und bis zu 17,4 Milliarden Euro im Jahr 2030.

