Statine, Muskelschmerzen

Statine und Muskelschmerzen: Drei Moleküle halten Kalziumkanäle offen

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 01:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschende erklären, wie Statine den Muskelkanal RyR1 offen halten können; klinische Auswirkungen und individuelle Risiken bleiben ungeklärt.
Mikroskopische Aufnahme von Muskelgewebestrukturen auf molekularer Ebene in blau-grauen Farbtönen. Illustration mit AI erstellt.

Statine gehören zu den weltweit am häufigsten verordneten Medikamenten zur Senkung des LDL-Cholesterinspiegels sowie zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Mehr als 200 Millionen Menschen weltweit nehmen diese Präparate ein. Dennoch klagen viele Behandelte über muskuläre Beschwerden, die oft zum eigenmächtigen Abbruch der Therapie führen.

Eine Forschungskooperation der University of British Columbia und der University of Wisconsin-Madison liefert nun eine molekulare Erklärung für dieses Phänomen: Mittels hochauflösender Kryo-Elektronenmikroskopie wiesen die Wissenschaftler nach, dass Statine Kalziumkanäle in Muskelproteinen offen halten können, was zu Leckagen und Folgeschäden im Gewebe führt.

Molekularer Mechanismus am Ryanodin-Rezeptor

Die in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichte Untersuchung veranschaulicht fast atomgenau, wie Statine an den Ryanodin-Rezeptor 1 (RyR1) in Muskelzellen andocken. Das Team um Erstautor Steven Molinarolo, Seniorautor Filip Van Petegem sowie die Co-Autoren Carmen R. Valdivia und Héctor H. Valdivia zeigte, dass beispielsweise drei Atorvastatin-Moleküle nacheinander eine spezifische Bindungstasche im RyR1 besetzen.

Das erste Molekül bindet dabei an den noch geschlossenen Kanal und steigert die Wahrscheinlichkeit für dessen Öffnung. Die beiden nachfolgenden Moleküle stabilisieren diesen Zustand und halten den Kanal dauerhaft offen. Dieser anhaltende Kalziumausstrom – ein sogenanntes Kalziumleck – stört fundamentale Zellfunktionen und kann das Muskelgewebe direkt schädigen. Dies liefert eine mechanistische Basis für Muskelschmerzen, Muskelschwäche und seltene schwere Komplikationen.

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Klinische Relevanz und Grenzen der Übertragbarkeit

Laut einer klinischen Stellungnahme der National Lipid Association aus dem Jahr 2022 berichten etwa 10 Prozent der Statinanwender über Muskelsymptome. Allerdings gelten nur rund 1 bis 2 Prozent dieser Beschwerden tatsächlich als medikamentenbedingt. Muskuläre Probleme stellen dennoch den häufigsten Grund für das Absetzen der Therapie dar; schwerste Verläufe wie eine Rhabdomyolyse bleiben selten.

Die neuen Erkenntnisse besitzen einen rein strukturell-mechanistischen Charakter. Das Studiendesign misst weder Schmerzintensitäten noch Häufigkeiten beim Menschen. Entsprechend lässt sich aus den Daten nicht ableiten, welche individuellen Ursachen den Schmerzen zugrunde liegen oder ob alle Anwender gleichermaßen Muskelprobleme entwickeln.

Weitere Forschungsarbeiten müssen klären, welche Patientengruppen besonders anfällig sind und wie sich die Effekte bei unterschiedlichen Statinen und Dosierungen unterscheiden.

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Perspektiven für künftige Wirkstoffe

Die Entdeckung eröffnet neue Wege für die Arzneimittelentwicklung. Das langfristige Ziel besteht darin, sicherere Statine zu konzipieren, welche die HMG-CoA-Reduktase wirksam hemmen, jedoch keine Bindung an RyR1 eingehen und somit eine geringere Muskeltoxizität aufweisen.

Im Tierversuch reduzierte ein experimenteller Wirkstoff bereits das Statin-assoziierte Kalziumleck bei Mäusen; dabei handelt es sich jedoch um keine zugelassene Therapie. Die Umsetzung in neue Humanarzneimittel erfordert weitere Entwicklungsstufen.

Vor einem eigenmächtigen Absetzen der Medikation wird gewarnt, da Statine das kardiovaskuläre Risiko nachweislich verringern. Bei starken Muskelschmerzen, erheblicher Schwäche oder einer rötlichen Verfärbung des Urins wird Betroffenen eine umgehende ärztliche Abklärung empfohlen.

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