Statine, Teilnehmende

Statine im Alter: 9.971 Teilnehmende, aber kein längeres Leben belegt

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 19:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bei Erwachsenen ab 70 Jahren verringerte Atorvastatin Herz-Kreislauf-Ereignisse, ohne Gesamtsterblichkeit oder Behinderungsfreiheit nachweisbar zu verändern.
Ein Glas Wasser und ein leerer weißer Teller auf einem schlichten Holztisch bei natürlichem Morgenlicht. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle Untersuchungen thematisieren die Sicherheit und Notwendigkeit einer Statin-Therapie im höheren Lebensalter und setzen diese in den Kontext von Lebensstil und Ernährung. Während Statine seit Jahrzehnten zu den am häufigsten verordneten Lipidsenkern gehören, wirft ihr Einsatz bei älteren Erwachsenen, insbesondere in der Primärprävention, differenzierte klinische Fragen auf.

Kardiovaskuläre Risikoreduktion versus Gesamtsterblichkeit

Wichtige Erkenntnisse liefert die im New England Journal of Medicine veröffentlichte STAREE-Studie aus dem Jahr 2026. An der Untersuchung nahmen 9.971 Erwachsene ab 70 Jahren ohne vorherige Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Demenz teil. Bei einem mittleren Alter von 74,7 Jahren und einem Beobachtungszeitraum von knapp sechs Jahren verglich die Studie eine tägliche Dosis von 40 mg Atorvastatin mit einem Placebo.

Unter Atorvastatin sank das LDL-Cholesterin am Studienende um 31 mg/dl. Die Rate akuter Herz-Kreislauf-Zwischenfälle lag bei 10,9 pro 1.000 Personenjahre unter Atorvastatin gegenüber 15,5 pro 1.000 Personenjahre in der Placebogruppe, was einer relativen Risikoreduktion von 30 Prozent entspricht. Myokardinfarkte gingen um 43 Prozent zurück, Schlaganfälle um 13 Prozent.

Gleichzeitig zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied bei der Gesamtsterblichkeit (Odds Ratio 0,91; 95 %-Konfidenzintervall 0,79–1,04) und bei neu auftretenden körperlichen Behinderungen. Die kardiovaskulären Todesfälle blieben identisch. Auch bei Demenz (OR 1,03) und Hospitalisierungen (OR 0,99) ergaben sich keine wesentlichen Abweichungen.

Eine Verlängerung der behinderungsfreien Lebenszeit wurde nicht festgestellt. Die Compliance betrug unter Atorvastatin nach einem Jahr 80,2 Prozent und fiel nach fünf Jahren auf 55,6 Prozent, während 19,4 Prozent der Kontrollgruppe nach fünf Jahren offene Statine einnahmen.

Unerwünschte Ereignisse lagen in beiden Gruppen bei 2,7 Prozent, wenngleich Berichte auf häufigere Muskel-, Leber- und Diabetes-bezogene Nebenwirkungen unter Atorvastatin hinweisen.

Die Monash University bezifferte die Zahl der von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffenen Erwachsenen für das Jahr 2025 weltweit auf rund 600 Millionen und erwartet einen Anstieg auf über eine Milliarde bis 2050. Für Australien werden jährlich rund 21.000 schwere kardiovaskuläre Ereignisse bei älteren Erwachsenen geschätzt.

Anzeige

Warum Laborwerte wie Cholesterin oft unterschiedlich interpretiert werden und was sie wirklich über Ihre Gesundheit aussagen, erfahren Sie in diesem Leitfaden. Der kostenlose Report hilft Ihnen dabei, Ihre Blutwerte selbst besser zu verstehen und gezielt vorzusorgen. Tausende Deutsche verstehen ihre Blutwerte jetzt selbst – dank diesem kostenlosen 25-Seiten-Report

Sophia Zoungas von der Monash School of Public Health and Preventive Medicine bezeichnete Statine vor diesem Hintergrund als sichere und wirksame Maßnahme zur Risikominderung.

Absetzstrategien und methodische Diskussionen

Parallel dazu untersuchen Forschende Strategien zum Absetzen von Lipidsenkern. Eine im August 2026 publizierte französische Studie mit über 1.100 Erwachsenen ab 75 Jahren ergab, dass Patientinnen und Patienten, die Statine zur Prävention von Herzkrankheiten und Schlaganfall einnahmen, diese ohne erhöhtes Sterblichkeitsrisiko absetzen konnten.

Entsprechende Deprescribing-Leitlinien empfehlen, bei Personen ab 80 Jahren ein Beenden der Medikation zu erwägen, wenn Nebenwirkungen oder die Behandlungslast den Nutzen überwiegen – insbesondere in der Primärprävention oder bei Beschwerden wie Myalgien.

Dokumentiert ist unter anderem der Fall einer 87-jährigen Patientin, die 40 mg Atorvastatin nach 15 Jahren Primärprävention in Absprache mit dem Arzt absetzte.

Für Diskussionen sorgte eine 2026 in Frontiers in Pharmacology veröffentlichte retrospektive Kohortenstudie, die eine Assoziation zwischen Statinnutzung und einem höheren Demenzrisiko beschrieb. In der All-of-Us-Kohorte mit 83.355 Teilnehmenden (davon 31.513 Statinnutzer) lag die adjustierte Hazard Ratio bei 2,22 (Inzidenz 64,9 vs. 30,7 pro 10.000 Personenjahre).

Im Datensatz der UK Biobank mit 173.282 Personen (43.976 Statinnutzer) betrug die Hazard Ratio 2,54 (Inzidenz 11,8 vs. 6,2 pro 10.000 Personenjahre). Bei hochintensiven Statinen fiel der Wert mit einer Hazard Ratio von 2,70 höher aus als bei niedrig-mittlerer Intensität (HR 2,08).

Anzeige

Wer sich mit der langfristigen Erhaltung seiner kognitiven Fähigkeiten beschäftigt, findet in diesem kostenlosen Ratgeber wertvolle Tipps zur mentalen Fitness. Entdecken Sie praktische Übungen und Ernährungsempfehlungen, um das Gehirn bis ins hohe Alter fit zu halten. 11 Alltagsübungen zur geistigen Fitness jetzt kostenlos sichern

Eine Mediationsanalyse im Rahmen des UK Biobank Pharma Proteomics Project mit 38.553 Teilnehmenden wies dem Protein COQ7 einen Anteil von 8,2 Prozent an dieser Assoziation zu. Die Autoren betonten jedoch das reine Beobachtungsdesign der Daten, aus dem sich ohne weitere Studien keine klinischen Handlungsanweisungen ableiten lassen.

Stellenwert von Lebensstil und medikamentösen Schwellenwerten

Medizinische Fachzentren ordnen die Grenzen von Lebensstilmaßnahmen gegenüber der Pharmakotherapie klar ein. Das Kamtschatka-Zentrum für öffentliche Gesundheit weist darauf hin, dass eine Ernährungsumstellung das Cholesterin um maximal 10 bis 15 Prozent senken kann, während das therapeutische Ziel häufig bei einer LDL-Reduktion von 50 Prozent liegt.

Eine Gewichtsabnahme von 5 bis 10 Prozent und 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche verbessern die Werte messbar. Nach einem Infarkt oder Schlaganfall sei die Einnahme lebenslang erforderlich, zur Primärprävention langfristig. Da das Cholesterin nach dem Absetzen wieder ansteigt, wird vor eigenmächtigen Dosisänderungen gewarnt.

Lebertoxizität sei nicht belegt, Kontrollen der Leberenzyme werden vor Beginn und nach 8 bis 12 Wochen empfohlen. Muskelschmerzen treten in 5 bis 10 Prozent der Fälle auf, zumeist in den ersten Wochen, während eine schwere Myopathie mit 1 bis 2 Fällen pro 100.000 Patienten sehr selten bleibt.

Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher von der Deutschen Herzstiftung erklärte, dass die Ernährung den LDL-Wert maximal um etwa 10 Prozent reduziere und HDL-Werte ein hohes LDL nicht ausgleichen könnten. Als Zielwerte gelten 120 bis 130 mg/dl für Gesunde ohne Risikofaktoren, circa 70 mg/dl bei gleichzeitigem Vorliegen von Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen sowie 55 mg/dl nach einem Herzinfarkt.

Muskelschmerzen unter Statinen bezeichnete sie im Placebovergleich als Mythos. Neuere PCSK9-Hemmer seien hochwirksam, kämen aufgrund von Therapiekosten von rund 1.000 Euro pro Monat jedoch erst nach einem Versagen von Statinen zum Einsatz.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70429990 |