STAREE-Studie: Statine senken Herzereignisse bei über 70-Jährigen um 30 Prozent
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 23:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Frage, ob gesunde ältere Menschen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen von einer lipidsenkenden Therapie profitieren, wird in der Kardiologie seit Jahren intensiv diskutiert. Eine umfassende Untersuchung liefert hierzu nun neue Anhaltspunkte. Die im Fachjournal New England Journal of Medicine veröffentlichte STAREE-Studie analysiert den Nutzen und die Grenzen einer vorbeugenden Gabe von Statinen bei über 70-Jährigen.
Ergebnisse der STAREE-Studie bei über 70-Jährigen
Die doppelblinde, randomisierte und placebokontrollierte STAREE-Studie untersuchte 9.971 Erwachsene ab 70 Jahren mit einem mittleren Alter von 74,7 Jahren, die weder an einer kardiovaskulären Vorerkrankung noch an Diabetes oder Demenz litten. Ein Teil der Probanden erhielt täglich 40 mg Atorvastatin, die Kontrollgruppe ein Placebo.
Über einen Nachbeobachtungszeitraum von knapp sechs Jahren – exakt 5,6 Jahren – traten akute kardiovaskuläre Zwischenfälle mit einer Rate von 10,9 Ereignissen pro 1.000 Personenjahre unter Atorvastatin gegenüber 15,5 Ereignissen pro 1.000 Personenjahre unter Placebo auf. Dies entspricht einer Risikoreduktion von 30 Prozent.
Am Ende der Nachbeobachtung lag das LDL-Cholesterin in der Verumgruppe um 31 mg/dl niedriger als unter Placebo. Bei einem kombinierten Endpunkt aus schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen (MACE), Demenz und Behinderung lagen die Raten bei 12,8 Prozent mit Statin gegenüber 13,6 Prozent in der Placebogruppe.
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Allerdings zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied bei der Gesamtsterblichkeit sowie bei neu auftretenden körperlichen Behinderungen. Die Therapie führte somit zwar zu weniger kardiovaskulären Ereignissen, jedoch nicht zu einem längeren Überleben oder einem längeren Leben ohne körperliche Einschränkungen.
Verträglichkeit, Nebenwirkungen und Therapietreue
Hinsichtlich der Verträglichkeit ergaben sich im Rahmen der STAREE-Studie ähnliche Raten: Schwere unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen bei jeweils 2,7 Prozent der Teilnehmenden auf. Allerdings nahm die Therapietreue im Studienverlauf kontinuierlich ab. Als Ursache hierfür wurde häufiger eine nachlassende Bereitschaft der Probanden als das Auftreten von Nebenwirkungen dokumentiert.
Weitere wissenschaftliche Auswertungen stützen das günstige Nebenwirkungsprofil von Statinen. Eine teils von der British Heart Foundation finanzierte Meta-Analyse von Oxford Population Health mit 150.000 Personen aus 23 klinischen Studien ergab, dass von 66 untersuchten Nebenwirkungen lediglich vier tatsächlich mit Statinen assoziiert waren: abnorme Lebertransaminasen, sonstige Leberfunktionsstörungen, Urinveränderungen sowie Ödeme – und dies nur bei einem sehr kleinen Patientenanteil.
Eine frühere Untersuchung wies zudem darauf hin, dass 14 von 15 Berichten über Muskelschmerzen nicht durch Statine verursacht wurden. Zudem bestand kein erhöhtes Demenzrisiko; eine Untersuchung bei Typ-2-Diabetes stellte sogar ein niedrigeres Demenzrisiko fest.
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Die Kardiologin Dr. Stacey Rosen verwies in diesem Zusammenhang auf eine Meta-Analyse von 28 Studien bei älteren Patienten, die ein um 13 Prozent geringeres Herzrisiko ohne vermehrte Nebenwirkungen belege. Muskelbeschwerden (SAMS) träten bei 1 bis 2 Prozent der Patienten in milder Form auf.
Eine Myopathie betreffe etwa 1 von 1.000 Patienten, eine Rhabdomyolyse 1 von 10.000 oder mehr. Die Einnahme von CoQ10 empfahl sie nicht, da die Senkung für Muskelbeschwerden zu mild sei. Zudem wirkten Statine bei Frauen und Männern gleich und wiesen identische Nebenwirkungen auf.
Einordnung durch Fachgesellschaften und Registerdaten
Hinsichtlich des Alters betonte Prof. Bryan Williams von der British Heart Foundation, dass es keinen festen Altersschwellenwert für Statine gebe. Er verwies dabei auf eine ESC-Studie in München, die eine Reduktion von Herzinfarkt, Schlaganfall, Tod oder vorzeitigem Tod um 30 Prozent bei über 70-Jährigen mit erstmaliger Statineinnahme festgestellt hatte.
Demgegenüber zeigte die SITE-/SAGA-Studie zum Absetzen langjähriger Statine in der Primärprävention über einen Zeitraum von drei Jahren keine Nachteile bei Mortalität und kardiovaskulären Ereignissen, aber auch keine Verbesserung der Lebensqualität oder Verringerung von Nebenwirkungen. Eine allgemeine Empfehlung zum Beginn oder Absetzen von Statinen bei älteren Personen lässt sich daraus nicht ableiten.
Ergänzende Auswertungen aus einer Kohorte von 185.237 Patienten in Hong Kong, Neuseeland und Großbritannien, die im Journal PLOS Medicine analysiert wurden, beleuchteten die Auswirkungen unterschiedlicher LDL-Zielwerte in der Primärprävention.
Nach zwei Jahren erreichten 7.084 Patienten (3,8 Prozent) einen Wert von unter 1,4 mmol/L, 21.893 (11,8 Prozent) lagen zwischen 1,4 und 1,7 mmol/L, 81.941 (44,2 Prozent) wiesen Werte von 1,8 bis 2,5 mmol/L auf und 74.294 Personen (40,1 Prozent) verblieben bei Werten ab 2,6 mmol/L. Im Vergleich zu Werten ab 2,6 mmol/L lag das Hazard-Verhältnis (HR) für kardiovaskuläre Ereignisse bei 0,80 für die Gruppe von 1,8 bis 2,5 mmol/L sowie bei 0,79 für 1,4 bis 1,7 mmol/L und bei 0,82 für Werte unter 1,4 mmol/L. Bezüglich der Gesamtmortalität ergab sich bei sehr niedrigem LDL-Spiegel ein nicht signifikanter Wert von 1,06.
Dr. Rosen nannte als allgemeine Orientierungswerte einen LDL-Zielwert von unter 100 mg/dl allgemein, unter 70 mg/dl bei erhöhtem Risiko sowie unter 55 mg/dl nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Beim HDL-Cholesterin liege der Richtwert für Männer bei über 40 mg/dl und für Frauen bei über 50 mg/dl. Pflanzenbasierte Cholesterinprodukte seien schwächer als Statine und kämen lediglich ergänzend in Betracht.
