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Standortdaten: Deutsche Polizei kauft Bewegungsprofile ohne Richter

02.06.2026 - 12:13:53 | boerse-global.de

Deutsche Landeskriminalämter nutzen Werbedaten für Ermittlungen, während das Pentagon vor feindlichen Staaten warnt, die dieselben Informationen gegen US-Soldaten einsetzen.

Standortdaten: Deutsche Polizei kauft Bewegungsprofile ohne Richter - Bild: über boerse-global.de
Standortdaten: Deutsche Polizei kauft Bewegungsprofile ohne Richter - Bild: über boerse-global.de

Während deutsche Landeskriminalämter auf Daten von Wetter- und Dating-Apps zurückgreifen, warnt das US-Verteidigungsministerium vor feindlichen Staaten, die dieselben Informationen nutzen, um amerikanische Soldaten in Kriegsgebieten aufzuspüren. Ein Teufelskreis der Überwachung.

Deutsche Polizei kauft Bewegungsprofile – ohne richterliche Anordnung

Eine gemeinsame Recherche von netzpolitik.org und Bayerischem Rundfunk vom heutigen Dienstag zeigt: Die Landeskriminalämter in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben kommerzielle Standortdaten für Ermittlungszwecke genutzt. Die Methode trägt den Namen Advertising Intelligence (ADINT) – Behörden kaufen Daten, die ursprünglich Wetter-, Spiele- oder Dating-Apps für Werbezwecke gesammelt haben.

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Das LKA Mecklenburg-Vorpommern bestätigte, solche Daten in der Vergangenheit „in begrenztem Umfang" verwendet zu haben. Doch die rechtliche Grundlage dieser Praxis steht massiv in der Kritik. Juristen, darunter ein Professor der LMU München, bewerten das Vorgehen als rechtswidrige Umgehung der Richtervorbehalte. Die Zweckentfremdung von Werbedaten für Strafverfolgung verstoße gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

Der Datenschutzbeauftragte Mecklenburg-Vorpommerns hat ein formelles Prüfverfahren eingeleitet. Während zwei Bundesländer die Nutzung bestätigten, verweigerten neun weitere Landeskriminalämter jede Auskunft über mögliche Verträge mit kommerziellen Datenhändlern.

Pentagon schlägt Alarm: Feinde nutzen Werbedaten gegen US-Soldaten

In den USA schlagen ranghohe Politiker und Militärs Alarm. Der demokratische Senator Ron Wyden und der republikanische Abgeordnete Pat Harrigan veröffentlichten am Montag Erkenntnisse, wonach feindliche Staaten gekaufte Standortdaten nutzen, um US-Truppen in Kriegsgebieten zu verfolgen.

Das Pentagon bestätigte diese Risiken in einer offiziellen Stellungnahme vom 14. April 2026. Demnach hat das US Central Command (CENTCOM) mehrere Meldungen erhalten, in denen Gegner kommerzielle Daten auswerten, um Bewegungsmuster von Soldaten zu identifizieren. Diese Informationen können für Angriffe mit Drohnen, Raketen oder Sprengfallen genutzt werden.

Das Problem ist nicht neu: Bereits 2017 enthüllte eine Fitness-App durch ihre Heatmap die Standorte zahlreicher Militärstützpunkte. Obwohl das Verteidigungsministerium seit mindestens 2016 über die Gefahr informiert ist, hinken die Schutzmaßnahmen hinterher. Die Defense Information Systems Agency (DISA) testet daher eine neue Mobile-Device-Management-Lösung, die Werbe-Tracking auf Dienstgeräten blockieren soll – mit einem Abschlussdatum vom 6. Mai 2026.

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Intransparenz bei Spionage-Software: USA und Deutschland unter Druck

Auch die staatliche Nutzung von Spionagesoftware sorgt für Konflikte. Nach einer Klage gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE wurden Dokumente zu einem Zwei-Millionen-Dollar-Vertrag mit der Spyware-Firma Paragon veröffentlicht. Deren Software Graphite kann Mobiltelefone aus der Ferne anzapfen und verschlüsselte Nachrichten lesen.

ICE gab am 1. Juni 77 von 673 Vertragsseiten frei – massiv geschwärzt. Die Behörde erklärte, der Vertrag sei 2024 geschlossen, 2025 reaktiviert und Anfang 2026 beendet worden. Ein aktiver Vertrag bestehe nicht mehr.

In Deutschland sucht unterdessen das LKA Hessen nach europäischen Alternativen zur umstrittenen Palantir-Software „Gotham", die intern als Hessendata bekannt ist. Grund ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2023, das die bisherige Rechtsgrundlage für die Software teilweise für verfassungswidrig erklärte.

Der Datenmarkt: Bewegungsprofile für wenige tausend Euro

Die technische Infrastruktur hinter diesen Überwachungsmöglichkeiten bleibt erschreckend zugänglich. Kommerzielle Plattformen wie Fog Data Science bieten Strafverfolgungsbehörden angeblich die GPS-Bewegungsdaten eines halben Jahres für weniger als 10.000 Euro an.

Weil diese Daten aus dem globalen Werbe-Ökosystem stammen, können Behörden und ausländische Akteure detaillierte Bewegungsprofile erstellen – ohne klassische Hacking-Methoden oder richterliche Kontrolle. Datenschützer warnen: Die meisten Nutzer sind sich nicht bewusst, dass die harmlosen Apps auf ihren Smartphones als permanente Überwachungsinfrastruktur fungieren.

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