Ständige Erreichbarkeit: 33 Prozent der Führungskräfte fühlen sich belastet
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 22:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie permanente Verfügbarkeit über Smartphones und digitale Kommunikationskanäle entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Belastungsfaktor im Alltag. Fachleute aus Medizin und Wissenschaft weisen darauf hin, dass nicht allein die reine Bildschirmzeit das Wohlbefinden beeinflusst, sondern vor allem die Art der Nutzung und deren Auswirkungen auf die Erholung.
Zur Bewältigung dieser Belastungen empfiehlt der Gesundheitswissenschaftler Andreas Petko von der Universität Würzburg feste Zeitfenster für das Lesen von Nachrichten und E-Mails, das Deaktivieren überflüssiger Push-Mitteilungen sowie bewusst eingeplante Phasen ohne Smartphone.
Ergänzend verweisen Stadt und Landkreis Würzburg auf den digitalen Beratungsnavigator Hilfekompass unter www.hilfekompass.wuerzburg.de, der Anlaufstellen zu Stress, psychischen Belastungen und problematischer Mediennutzung bündelt. Häufige Unterbrechungen durch Mitteilungen und soziale Netzwerke können laut Petko das Stressempfinden spürbar verstärken.
Mechanismen von Unterbrechung und mentaler Erschöpfung
Dass digitale Benachrichtigungen psychologische Reaktionen auslösen, erläutert auch der Psychiater Dr. Astik Joshi vom Max Super Specialty Hospital in Saket. Die Signale lieferten unregelmäßige Belohnungen und verstärkten dadurch den Impuls zum wiederholten Nachschauen.
Bei Jugendlichen befänden sich die Systeme für Belohnung, Impulskontrolle und Aufmerksamkeit zudem noch in der Entwicklung. Als Folgen nennt Joshi eine fragmentierte Aufmerksamkeit, sinkende Produktivität, mentale Erschöpfung und eine verminderte Schlafqualität.
Zur Gegensteuerung rät er neben dem Abschalten unnötiger Meldungen zu handyfreien Zeiten bei Arbeit und Lernen, dem Verzicht auf Geräte während Mahlzeiten und Gesprächen sowie zu 30 bis 60 Minuten bildschirmfreier Zeit vor dem Schlafen, wobei das Telefon außerhalb des Schlafzimmers verbleiben sollte.
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Auch Doç. Dr. Ali Erdo?an von der medizinischen Fakultät der Akdeniz Üniversitesi spricht sich gegen kurzfristigen Digital Detox und stattdessen für eine dauerhaft ausgewogene Nutzung aus. Ständige Benachrichtigungen könnten Aufmerksamkeitsstörungen und Erschöpfung begünstigen.
Als Warnzeichen stuft er längere Nutzungszeiten als geplant, Kontrollverlust, die Vernachlässigung von Pflichten oder Sport sowie das Bevorzugen virtueller Kontakte vor persönlichen Interaktionen ein. Neben festen Zeitfenstern bewertet er gesetzliche Nutzungsbeschränkungen für unter 15-Jährige positiv.
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Belastungen in Arbeitswelt und Privatleben
Im beruflichen Umfeld zeigt sich das Problem deutlich. Laut dem HanseMerkur Longevity Leadership Report, einer Ipsos-Befragung von 500 hauptberuflichen Führungskräften in Deutschland vom 13. bis 24. August 2026, bezeichnen 33 Prozent der Befragten die ständige Erreichbarkeit als Belastung. Dies rangiert hinter Personalmangel mit 42 Prozent und vor hoher Arbeitsbelastung mit 30 Prozent.
Der Psychologe Guy Winch mahnt, dass die moderne Arbeitskultur dazu neige, jede Aufgabe als Notfall zu behandeln. Tritt eine solche Situation jedoch dauerhaft auf, wandele sie sich von einem Ausnahmefall zur regulären Belastung, was die Anfälligkeit für Burnout erhöhe.
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Auf politischer Ebene verabschiedete das Europäische Parlament am 6. Oktober einen Bericht von Berichterstatterin Estelle Ceulemans zu psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz, der ein europaweites Recht auf Nichterreichbarkeit samt Kontrollen und Sanktionen fordert.
Die Organisationspsychologin Katerina Georganta von der Universität Ioannina merkt hierzu an, dass gesetzliche Ansprüche ohne Durchsetzung reine Absichtserklärungen blieben und Führungskräfte mit E-Mails zu Mitternacht weiterhin Verhaltensnormen prägten.
Auch im Privaten fordern Experten klare Grenzen. Der Psychotherapeut Wolfgang Krüger empfiehlt, das Arbeitshandy planmäßig auszuschalten und Rituale wie gemeinsame Spaziergänge oder handyfreie Abende zu etablieren. Die Chefärztin für Psychosomatik der Oberwaid St. Gallen, Dr. med.
Anke Schneiders, rät ebenfalls zu handyfreien Phasen. Anhaltender Rückzug und Isolation bergen gesundheitliche Gefahren: Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 fühlten sich 6 Prozent der Bevölkerung häufig einsam, bei den 15- bis 24-Jährigen stieg dieser Anteil seit 2017 von 4 auf 10 Prozent.
Anhaltende Einsamkeit könne als chronischer Stressor wirken, die Erholung stören und langfristig das Risiko für Depressionen sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigern.
