Sprachenlernen: Präzises Gehör hilft, fremde Laute schneller zu erfassen
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 10:21 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine am 13. Oktober 2026 vorgestellte wissenschaftliche Untersuchung zeigt neue Zusammenhänge zwischen dem Hörvermögen und dem Sprachenlernen auf. Laut einer Studie des UCL Institute of Education in London in Zusammenarbeit mit der Universität Tohoku, veröffentlicht im Journal of Experimental Psychology: General, korreliert eine hohe auditive Präzision mit einem schnelleren und präziseren Erlernen der Aussprache fremder Sprachen.
Unter auditiver Präzision verstehen die Forschenden um Hauptautor Kazuya Saito-van Poeteren die Fähigkeit, minimale Unterschiede bei Frequenzen, Tonhöhen und Lautlängen wahrzunehmen.
Hirnaktivität und kognitive Verarbeitung neuer Laute
Die Forschungsarbeit umfasste zwei zentrale Versuchsreihen. In einem ersten Experiment absolvierten 140 japanische Englischlernende in Tokio Online-Hörtests, bei denen Töne bis auf einen Unterschied von 2 Hertz aneinander angenähert wurden.
Beim Erkennen englischer Minimalpaare wie etwa „mad“ und „mud“ erreichten die Teilnehmenden im Schnitt eine Trefferquote von etwa 70 Prozent, während britische Muttersprachler diese fast ausnahmslos korrekt erfassten.
Im zweiten Experiment untersuchten die Teams der UCL und der Universität Tohoku mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) in Sendai 67 japanische Englischlernende. Gegenstand war die Unterscheidung der im Japanischen nicht existierenden englischen Vokale /æ/ (wie in „cat“) und /?/ (wie in „cup“).
Die Bildgebung ergab, dass Probanden mit höherer auditiver Präzision das linke sensoriomotorische Sprachsystem weniger beanspruchten. Ihre Hirnaktivität glich eher der Verarbeitung von reinen Nicht-Sprachklängen.
Teilnehmende mit einer geringeren auditiven Präzision wiesen hingegen eine stärkere Aktivität im linken sensoriomotorischen Netzwerk auf, das für Sprachplanung und -wahrnehmung zuständig ist. Diese Gruppe griff vermehrt auf vertraute Ausspracheregeln der eigenen Muttersprache zurück.
Der beobachtete Effekt zeigte sich in beiden Experimenten und wies eine mittlere Größe auf. Ein vorheriges Musiktraining stellte sich in den Daten hingegen nicht als wesentlicher Prädiktor für den Lernerfolg heraus.
Einflussfaktoren und methodische Grenzen
Neben dem Gehör spielten auch die im Ausland verbrachte Zeit und strukturierter Ausspracheunterricht eine Rolle für den Lernerfolg. Ein präzises Gehör erwies sich im Rahmen der Daten als ungefähr ebenso bedeutsam wie diese beiden Faktoren.
Saito-van Poeteren wies darauf hin, dass ein feines Gehör insbesondere für jene Personen einen größeren Unterschied machen könne, die eine Fremdsprache nur wenige Stunden pro Woche hören und anwenden. Ein gutes Gehör erlaube eine objektive Wahrnehmung unbekannter Laute, ohne dass das Gehirn unmittelbar in vorgeprägte Sprachverarbeitungsmuster verfalle.
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Zugleich benannten die Forschenden methodische Einschränkungen ihrer Untersuchung: Das Design liefere keinen formalen Nachweis von Kausalität, es wurde ausschließlich eine einzelne Sprachpaarung getestet und die tatsächliche Aussprache der Lernenden wurde während der Versuche nicht aufgezeichnet.
Ansätze für die Sprachdidaktik
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse fordern die beteiligten Wissenschaftler Anpassungen traditioneller Lehrmethoden. Padraic Monaghan von der Universität Lancaster betonte, dass herkömmlicher Sprachunterricht primär auf strukturierter Übung basiere, das Gehör jedoch eine entscheidende Basis darstelle.
Auch Saito-van Poeteren wandte sich gegen pauschale biologische Zuschreibungen: Dass etwa Menschen in Großbritannien mitunter als sprachunbegabt gelten, liege nicht an einer biologischen Veranlagung, sondern an einem Mangel an qualitativ hochwertiger Exposition sowie an Unterrichtsmethoden, die kein gezieltes Gehörtraining beinhalten.
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Das Forschungsteam empfiehlt, den Sprachunterricht über reines Wiederholen hinaus um spezielles Hörtraining zu erweitern. Lernende sollten sich beim Einstieg in neue Sprachen wie Französisch, Arabisch oder Ungarisch zunächst gezielt auf den reinen Klang und die Phonetik konzentrieren, anstatt den Schwerpunkt sofort auf das Einprägen von Vokabeln und grammatischen Strukturen zu legen.
