Spondyloarthritis: Gehirnnetzwerk hängt mit Schmerz trotz fehlender Entzündung zusammen
Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 19:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Erforschung chronischer Schmerzerkrankungen rücken neuronale Netzwerke im Gehirn zunehmend in den Mittelpunkt. Eine Untersuchung unter der Leitung von Bittar und Kollegen liefert neue Einblicke in die zentralnervösen Mechanismen bei Patienten mit axialer Spondyloarthritis (axSpA).
Wie aus einem Bericht von the-rheumatologist.org vom 15. Oktober 2026 hervorgeht, korreliert die funktionelle Konnektivität zwischen der bilateralen anterioren Insula und dem sogenannten Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network, DMN) signifikant mit dem klinisch erfassten Schmerz- und Krankheitserleben.
Schmerzkorrelation unabhängig von aktiven Entzündungen
Die Arbeitsgruppe um Bittar untersuchte eine Kohorte von 31 axSpA-Patienten, von denen 61 Prozent weiblich und 77 Prozent weiß waren; das mittlere Alter lag bei 39 Jahren.
Die funktionellen Bildgebungsdaten zeigten, dass eine stärkere Konnektivität zwischen der bilateralen anterioren Insula und dem DMN signifikant positiv mit der Krankheitsaktivität im BASDAI (adjustiertes ? = 2,99; p = 0,04), dem Widespread Pain Index (WPI; ? = 5,34; p = 0,03) sowie dem aktuellen Schmerzscore (? = 3,75; p = 0,03) einherging, jeweils bereinigt um das Geschlecht.
Patienten, die über Schmerzen klagten, wiesen im Vergleich zu schmerzfreien Probanden eine ausgeprägtere links- sowie rechtsseitige anteriore Insula-DMN-Konnektivität auf.
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Besondere Relevanz erhält dieser Befund durch den Entzündungsstatus der Kohorte: Bei 84 Prozent der Teilnehmenden (26 von 31 Personen) fand sich kein Hinweis auf eine aktive Entzündung. Der gemessene BASDAI wurde demnach maßgeblich durch nicht-entzündliche Faktoren bestimmt.
Zudem spiegelte sich das Ausmaß der veränderten Netzwerkverbindung auch in psychometrischen Markern wider. Eine höhere DMN-Insula-Konnektivität korrelierte mit stärker ausgeprägter Depression (? = 0,13; p = 0,03) und ungünstigeren Werten im Patientenfragebogen PROMIS-29 (? = 0,038; p = 0,04).
Parallelen zur DMN-Aktivierung bei chronischem Rückenschmerz
Dass das Default Mode Network eine tragende Rolle bei chronischen Schmerzsyndromen einnimmt, verdeutlicht auch eine am 5. Oktober 2026 im British Journal of Anaesthesia publizierte Studie der University of California San Diego an 114 Erwachsenen mit chronischem unterem Rückenschmerz von mindestens drei Monaten Dauer.
Nach einem zehnsekündigen Beinheben bis zur individuellen Schmerzverstärkung stieg die Schmerzintensität im Mittel um 23 Prozent. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) stellten die Wissenschaftler einen erhöhten Blutfluss in Schmerz- und Bewegungsregionen sowie in Schlüsselarealen des DMN fest. Dieser Befund erwies sich als unerwartet, da akute nozizeptive Reize wie Hitzeschmerz an den Waden die DMN-Aktivität gewöhnlich senken.
Zudem war eine engere Kopplung des DMN an rückensensorische Areale bei Patienten mit intensiverem chronischem Schmerz nachweisbar. Co-Autor Fadel Zeidan von der UC San Diego erklärte, die Daten seien aufgrund der unerwarteten Reaktion dreifach überprüft worden.
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Die an der Arbeit unbeteiligte Forscherin Katherine Martucci von der Duke University betonte allerdings, dass die Bildgebungsbefunde auch Restschmerzen oder Angst abbilden könnten und keine unmittelbare Kausalität belegten. Das Team in San Diego prüft derzeit, inwieweit Achtsamkeitsmeditation oder kognitive Verhaltenstherapie diese DMN-Muster modulieren können.
Integrationsrolle der Insula bei systemischen Krankheitszeichen
Die in der axSpA-Studie hervorgehobene Beteiligung der Insula korrespondiert überdies mit Erkenntnissen zur zentralen Signalverarbeitung. Forschende des EMBL Heidelberg und des Ernst Strüngmann Institute berichteten in der Fachzeitschrift Current Biology über Untersuchungen, bei denen durch direkte Gabe von Prostaglandin E2 ins Gehirn von Mäusen ein Krankheitszustand simuliert wurde.
Einzelzellmessungen belegten, dass neuronale Einheiten in der Insula verschiedene Symptome nicht isoliert, sondern zeitgleich erfassen. Das Gehirn scheint Einzelsignale somit in diesem Areal zu einem ganzheitlichen Krankheitsgefühl zusammenzuführen.
Die Befunde liefern zusätzliche Ansatzpunkte dafür, warum Schmerzen und Erschöpfung bei axSpA-Betroffenen auch nach Abklingen peripherer Entzündungsschübe zentral verankert bleiben können.
