Spielsucht-Therapie: Ein Patient am Klinikum Wiesen hatte 40.000 Euro Schulden
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 11:31 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen erfordert differenzierte therapeutische Konzepte, die über den reinen Entzug stoffgebundener Substanzen hinausgehen. Am Asklepios-Klinikum Wiesen im Umland von Zwickau widmet sich das medizinische Personal der Versorgung von Menschen mit Abhängigkeiten von Alkohol, Medikamenten sowie Verhaltenssüchten wie Medien- und Glücksspielsucht.
Chefärztin Grit Graatz und Suchttherapeutin Anna-Theresa Wagner behandeln dort unter anderem Betroffene, deren Erkrankung tiefgreifende private und wirtschaftliche Einschnitte verursacht hat.
Stationäre Versorgung und individuelle Krankheitsverläufe
Wie gravierend die Konsequenzen pathologischen Spielens sein können, verdeutlichen konkrete Fallbeispiele aus der Einrichtung. Vor einigen Wochen begannen zwei Patienten, der 36-jährige Max und der 31-jährige Tobias, im Klinikum Wiesen eine gezielte Therapie. Beide hatten im Zuge ihres Verhaltens weit mehr als finanzielle Mittel riskiert: Neben dem eigenen Zuhause und den Familien stand die gesamte Existenz auf dem Spiel. Bei einem der beiden Betroffenen beliefen sich die aufgelaufenen Schulden auf 40.000 Euro.
Fachleute betonen, dass sich eine Glücksspielsucht oft schleichend entwickelt und über lange Zeiträume verborgen bleibt. Neben stoffgebundenen Abhängigkeiten stellen Verhaltenssüchte spezialisierte Fachkliniken vor die Herausforderung, die zugrundeliegenden psychischen Mechanismen offenzulegen und gemeinsam mit den Betroffenen tragfähige Bewältigungsstrategien für den Alltag zu erarbeiten.
Wachsender Werbedruck und regionale Betroffenenzahlen
Die praktische Arbeit in den Suchtkliniken steht in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext, der durch eine hohe Verfügbarkeit von Glücksspielen und massive Werbepräsenz geprägt ist. Im Vorfeld des für den 30. September 2026 anberaumten bundesweiten Aktionstags gegen Glücksspielsucht, der unter dem Motto der Warnung vor massiver Werbung bei gleichzeitig geringem Schutz steht, weisen Fachstellen auf die Dimension des Problems hin.
In Niedersachsen gehen Hochrechnungen der dortigen Landesstelle für Suchtfragen von mehr als 400.000 Menschen mit einer glücksspielbezogenen Störung oder riskantem Spielverhalten aus. Leiter Michael Cuypers fordert vor diesem Hintergrund ein Ende von Sponsoring, Dachmarkenwerbung und Online-Kampagnen sowie ein Verbot von Boni und Freiwetten.
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Ähnliche Zahlen melden weitere Bundesländer: Laut der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) sind in Hessen rund 100.000 Menschen von einer Glücksspielstörung betroffen, während weitere 240.000 Erwachsene riskant spielen.
HLS-Geschäftsführerin Susanne Schmitt warnt, dass Werbung den Suchtdruck verstärke und zu Rückfällen verleite. In Brandenburg sind laut der dortigen Landesstelle rund 56.000 Erwachsene von Glücksspielsucht betroffen, 140.000 weitere zeigen ein riskantes Konsummuster.
Werbeausgaben und digitale Sperrsysteme
Die wirtschaftliche Intensität des Marktes spiegelt sich in den Ausgaben wider: Im Jahr 2025 investierte die deutsche Glücksspielbranche mehr als 620 Millionen Euro in Werbemaßnahmen und zählt damit branchenübergreifend zu den zehn größten Werbetreibenden.
Kritik entzündet sich zudem an der Nutzung administrativer Kontrollinstrumente. Im Juli 2026, dem Monat der Fußball-Weltmeisterschaft, entfielen von den Gesamtabfragen im bundesweiten Sperrsystem OASIS rund 543 Millionen Anfragen auf Werbung, Rabatte und Boni. Dies entsprach einem Anteil von rund 89 Prozent, während lediglich 11 Prozent der Abfragen auf die gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung vor einer tatsächlichen Spielteilnahme entfielen.
Werbung, Boni und Freiwetten halten den Druck aufrecht – gerade dann, wenn man aufhören will. Für Angehörige ist das oft schwer mitanzusehen. Der kostenlose Leitfaden bündelt konkrete Hilfsangebote in Deutschland, Österreich und der Schweiz und zeigt, wie Sie das Gespräch führen, ohne zu drängen. Hilfsangebote und Gesprächsleitfaden sichern
Der Glücksspielstaatsvertrag enthält zwar Werbebeschränkungen – darunter das Verbot, sich an Minderjährige oder gefährdete Gruppen zu richten, sowie ein Verbot von Rundfunk- und Internetwerbung für virtuelle Automatenspiele, Online-Poker und Online-Casinos zwischen 6.000 und 21.00 Uhr.
Dennoch drängen Landesstellen und Therapeuten auf schärfere Schutzvorkehrungen, während für Ende des Jahres ein offizieller Bericht zur Evaluation der Regulierung vorgesehen ist.
