Sozialstaat, Verbände

Sozialstaat: 75 Verbände fordern Bürokratieabbau statt Leistungskürzungen

Veröffentlicht am: 25.09.2026 um 22:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Sozialverbände und Gewerkschaften verlangen stärkere Leistungen, während die vbw Strukturreformen und eine Begrenzung der Sozialabgaben fordert.

Aktionstag zum Sozialstaat: Verbände fordern Bürokratieabbau statt Kürzungen
Ein heller, aufgeräumter Büroarbeitsplatz mit Aktenschränken und Tageslicht, der eine effiziente Verwaltungsstruktur symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Ein breites Bündnis aus Sozialverbänden, Gewerkschaften und Wohlfahrtsorganisationen setzt sich an einem bundesweiten Aktionstag für den Erhalt und Ausbau sozialstaatlicher Leistungen ein.

Unter dem Motto „Nicht am Menschen sparen“ fordern 75 soziale Einrichtungen und Verbände aus Baden-Württemberg und ganz Deutschland im „Bündnis für Bürokratieabbau“, Bürokratie abzubauen statt soziale Leistungen zu kürzen, um die Versorgungssicherheit zu erhalten.

Parallel dazu ruft der DGB in allen Bundesländern und in 15 Großstädten zu Kundgebungen unter dem Motto „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ auf.

Verbände sehen Bürokratie statt Leistungskürzung als Lösung

Der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB) unterstützt das Bündnis ausdrücklich. Vorsitzender Dr. Christian Geyer betonte, Kürzungen zulasten von Menschen mit Behinderung verstießen gegen demokratische und sozialrechtliche Prinzipien; Einsparpotenziale lägen stattdessen im Abbau von Bürokratie. Der Verband fordert bundesweit einheitliche Verfahren, mehr Digitalisierung und schlankere Verwaltungsprozesse.

Auch die Diakonie Württemberg und Diakonie Stetten schließen sich dieser Argumentation an. Dietmar Prexl von der Diakonie Stetten, einer der Mitinitiatoren, plädierte dafür, zunächst über nicht mehr leistbare Bürokratie zu sprechen, bevor soziale Leistungen infrage gestellt würden.

Kornelius Knapp von der Diakonie Württemberg forderte einen gemeinsamen Tisch aus Politik, Verwaltung und Trägern. Die BruderhausDiakonie, ebenfalls Teil des Bündnisses, berichtete laut ihrem Vorstandschef Dr. Tobias Staib, dass Mehrkosten bei der Eingliederungshilfe vor allem durch aufwendige Bürokratie infolge der BTHG-Umsetzung entstünden, nicht durch ausgeweitete Leistungsansprüche.

Die BruderhausDiakonie erzielte im vergangenen Wirtschaftsjahr Umsatzerlöse von 319 Millionen Euro bei einem Jahresüberschuss von knapp über 1 Million Euro. Kritisch äußerte sich Staib zum geplanten Pflegeneuordnungsgesetz, das die vollständige Refinanzierung der Tariflöhne in den kommenden Jahren aussetzen soll, obwohl Pflegeanbieter gesetzlich zur Tarifvergütung verpflichtet sind.

Untermauert wird die Bürokratiekritik von einer Petition des Bündnisses an die neue Landesregierung Baden-Württemberg, die nach eigenen Angaben bereits 13.422 Unterschriften erreicht hat – bei einem Quorum von 22.000 in Baden-Württemberg. Die Kampagne war im Frühjahr 2026 in Stuttgart mit der symbolischen Entsorgung von 44 Aktenordnern gestartet worden.

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DGB mobilisiert bundesweit mit klaren Forderungen

Der DGB verbindet den Aktionstag mit weitreichenden politischen Forderungen: das Rentenniveau solle bei 48 Prozent gesichert und schrittweise auf mindestens 50 Prozent angehoben werden, das Arbeitszeitgesetz solle erhalten bleiben, hinzu kommen Forderungen nach einer Bürgerversicherung, einer Begrenzung der Pflege-Eigenanteile sowie einer gerechteren Vermögens- und Erbschaftsbesteuerung.

DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi kritisierte den Fokus der Bundesregierungspolitik als falsch und forderte eine nachhaltige Wachstumsagenda mit aktiver Industriepolitik sowie eine abschlagsfreie Rente für langjährig Versicherte spätestens nach 45 Jahren.

In Frankfurt erwartete der DGB Hessen-Thüringen nach eigenen Angaben bis zu 10.000 Teilnehmer. DGB-Bezirksvorsitzender Michael Rudolph erklärte, der Sozialstaat sei keine freiwillige Leistung, sondern Ergebnis der Arbeit von Millionen Beschäftigten.

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Unterstützt wurde die Frankfurter Demonstration unter anderem von Diakonie, Lebenshilfe, BUND und dem Frankfurter Jugendring; als Redner traten ver.di-Chef Frank Werneke und Carsten Tag von der Diakonie Hessen auf.

In Leipzig warnte die sächsische DGB-Vorsitzende Daniela Kolbe, die Pflegeversicherung drohe relativ zeitnah insolvent zu werden oder höhere Beiträge nötig zu machen. Sie kritisierte die aktuellen Rentenpläne der Bundesregierung und forderte die SPD auf, sich in der Koalition durchzusetzen.

Auch in Erlangen und Nürnberg rief ein lokales Netzwerk zur Teilnahme an DGB-Kundgebungen auf; ein vergleichbares Bündnis hatte bereits im Juli 2026 rund 2.000 Menschen in Nürnberg mobilisiert.

Kirchliche Wohlfahrtsverbände warnen vor wachsender Armut

In Augsburg protestierten Diakonie und Caritas mit einem „Augsburger Thesenanschlag“ gegen Kürzungen im Sozialbereich. Fünf in einem über einjährigen Prozess erarbeitete Thesen zum Erhalt des Sozialstaats sollten vor der evangelischen Annakirche vorgestellt werden, mit Bezug auf Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Pflege, Alleinerziehende sowie Migration und Integration.

Caritasdirektor Markus Müller verwies darauf, dass Armut zunehme und sich insbesondere bei älteren Menschen, Alleinerziehenden und Frauen verfestige. Diakonie-Vorstand Fritz Graßmann warnte vor einer Lohnspirale nach unten im Sozialbereich. An der Veranstaltung wirkten auch Bischof Bertram Meier und Regionalbischof Klaus Stiegler mit.

Wirtschaftsverbände widersprechen den Forderungen

Dem Aktionstag stellte sich die vbw (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft) entgegen. Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt verwies darauf, dass die Sozialbudget-Quote am Bruttoinlandsprodukt von rund 26 Prozent im Jahr 1992 um rund sechs Prozentpunkte auf 32 Prozent im Jahr 2025 gestiegen sei. Er forderte stattdessen echte Strukturreformen, eine Anhebung des Renteneintrittsalters, den Abbau von Frühverrentungsanreizen sowie das Festhalten an der 40-Prozent-Grenze bei den Sozialabgaben, die 2023 erstmals überschritten worden sei und bis 2030 auf über 45 Prozent steigen könne. Eine Bürgerversicherung lehnt die vbw ab.

Der Aktionstag zeigt damit ein Spannungsfeld zwischen Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, die vor allem im Bürokratieabbau Entlastungspotenzial sehen, Gewerkschaften, die strukturelle Leistungsverbesserungen fordern, und Wirtschaftsvertretern, die vor einer weiter steigenden Sozialabgabenlast warnen.

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