Sozialbeiträge explodieren: 56,8 Prozent für Jahrgang 2020 geplant
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 18:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Frage, ob das Rentenalter in Deutschland und Österreich weiter angehoben werden muss, beschäftigt derzeit Ökonomen, Politik und Sozialpartner gleichermaßen. Auslöser sind sowohl Empfehlungen einer deutschen Rentenkommission als auch Vorstöße aus Österreich, wo Wifo-Chef Gabriel Felbermayr eine Anhebung des Pensionsantrittsalters von 65 auf 67 Jahre für dringend geboten hält.
Österreich: Wifo-Chef fordert Kopplung an Lebenserwartung
Felbermayr plädiert für eine Erhöhung des österreichischen Pensionsantrittsalters, verbunden mit einer Kopplung an die Lebenserwartung. Zugleich betont er die Bedeutung von Vertrauensschutz für Menschen, die kurz vor dem Ruhestand stehen. Ein Bonus-Malus-System für Betriebe, das Anreize für die Beschäftigung Älterer schaffen soll, bezeichnet er als gute Idee.
Zu Bundeskanzler Stockers geplantem Zukunftsdepot – ein Sparmodell mit bis zu 5.000 Euro jährlich pro Kind, das Kest-befreit ist – äußert sich Felbermayr differenziert: Eine ambitioniertere Ausgestaltung sei möglich, derzeit richte sich das Programm aber vor allem an Besserverdienende. Er selbst spricht sich für eine kleinere Fördersumme aus.
Widerspruch kommt von der Gewerkschaftsseite: ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Schuberth lehnt ein höheres Pensionsantrittsalter sowie dessen Koppelung an die Lebenserwartung als sozial extrem unfair ab. Sie bewertet das Bonus-Malus-System für die Beschäftigung Älterer allerdings positiv und fordert zudem die Wiedereinführung einer Margenbegrenzung bei Spritpreisen.
Auch der Seniorenbund unter Korosec spricht sich gegen ein höheres Antrittsalter aus. Unterstützung erhält Felbermayr dagegen von NEOS-Sozialsprecher Gasser, der auf die Budgetbelastung verweist: Mehr als jeder vierte Euro aus dem Budget fließe bereits in Pensionen. Gasser fordert bessere Rahmenbedingungen, damit Menschen tatsächlich bis zum gesetzlichen Antrittsalter erwerbstätig bleiben können.
Felbermayr warnt zudem davor, an der Rente mit 63 festzuhalten, sollte ein zentraler Pfeiler des Systems fallen, drohe der Rest zu bröckeln. Laut Wähler-Befragungen unterstützt weniger als ein Drittel den Sparkurs der Regierung bei Rente, Gesundheit und Pflege.
Deutschland: Rentenkommission empfiehlt langfristige Anhebung
Auch in Deutschland liegt der Fokus auf einer langfristigen Anhebung. Eine Rentenkommission empfiehlt, das Renteneintrittsalter nach 2031 an die Lebenserwartung zu koppeln, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen sowie die Altersteilzeit im Blockmodell zu streichen.
Bemerkenswert: Im rund 80-seitigen Bericht der Kommission fehlen die Begriffe Künstliche Intelligenz und Automatisierung vollständig – ein Punkt, den das CEP kritisiert und im Juli einen KI-Überprüfungsmechanismus für die Rentenreform gefordert hatte.
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Als Vergleich werden skandinavische Reformen herangezogen: Schweden reformierte in den 1990er-Jahren, Dänemark 2006, Finnland 2005 und 2017 – allesamt vor dem KI-Durchbruch.
Eine Modellrechnung veranschaulicht die langfristigen Auswirkungen der Kopplung an die Lebenserwartung: Die Regelaltersgrenze steigt demnach bis 2031 auf 67 Jahre für den Jahrgang 1964. Ab 2032 soll sie für Jahrgänge ab 1965 weiter steigen, nach einer 2:1-Regel (acht Monate Arbeit je vier Monate Rente), was etwa sechs zusätzliche Monate pro Jahrzehnt bedeutet.
Für den Jahrgang 1984 ergäbe sich demnach ein Renteneintrittsalter von 68 Jahren im Jahr 2052, für den Jahrgang 2004 von 69 Jahren im Jahr 2073 und für den Jahrgang 2024 von 70 Jahren im Jahr 2094.
Steigende Beitragslast als Treiber der Debatte
Eine Analyse des SVR-Wirtschaft im Wirtschaftsdienst zeigt, wie stark die Beitragslast ohne Reformen wachsen würde: Während der 1940er-Jahrgang im Schnitt 34,2 Prozent seines Einkommens für Sozialbeiträge aufwendet, sind es beim 1960er-Jahrgang bereits 39,4 Prozent, beim 1990er-Jahrgang 47,3 Prozent und bei den ab 2000 Geborenen mehr als 50 Prozent – beim 2020er-Jahrgang sogar 56,8 Prozent.
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Besonders deutlich fällt der Anstieg bei der Pflegeversicherung aus: von 0,4 Prozent beim 1940er-Jahrgang auf 6,6 Prozent beim 2020er-Jahrgang, eine 16-fache Steigerung. Bei der Rentenversicherung liegt der Anstieg bei 17,9 Prozent im Jahr 1940 auf 24,7 Prozent im Jahr 2020.
Politischer Umsetzungsstreit in Berlin
Arbeitsministerin Bas will die 33 Vorschläge der Alterssicherungskommission aus dem Juni 2026 umsetzen, Kanzler Merz strebt ein Gesetz bis Ende 2026 an. Die Bundesregierung plant dabei Übergangsfristen von rund fÜnf Jahren sowie Härtefallregelungen bei der geplanten Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.
Kanzleramtschefin Warken bestätigte im ZDF-Format „Berlin direkt" entsprechende Übergangs- und Härtefallregelungen. Nach geltendem Recht liegt das Zugangsalter für besonders langjährig Versicherte der Jahrgänge ab 1964 bei 65 Jahren gemäß Paragraf 38 SGB VI.
Die Kommission selbst schlägt eine Schutzrente mit 35 Jahren Wartezeit vor: abschlagsfrei zwei Jahre vor der Regelaltersgrenze, mit Abschlägen bereits bis zu drei Jahre früher, also ab 62 Jahren.
Der öffentliche Widerstand gegen die Pläne ist erheblich. Laut ZDF-Politbarometer lehnen 75 Prozent der Befragten die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ab, wobei sich Widerstand auch innerhalb der Regierungsparteien regt, besonders aus Ostdeutschland.
Unionsfraktionschef Frei beharrt dennoch auf einer vollständigen Umsetzung der Kommissionsvorschläge. Als Hintergrund verweisen Beobachter auf demografische Verschiebungen: Die Zahl der Erwerbspersonen sinkt mit dem Ausscheiden der Babyboomer-Generation, während die Rentenkasse zunehmend auf Bundesmittel angewiesen ist.
Kanzler Merz will Anreize zur Frühverrentung beenden, hält Härtefälle aber weiterhin für möglich. SPD-Chef Klingbeil fordert Lösungen für die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren.
Eine Infratest-dimap-Erhebung ergab, dass nur 13 Prozent der Befragten die Reformen wie geplant umgesetzt sehen wollen, während 71 Prozent den Widerspruch von Ministerpräsidentin Schulze gegen Merz für richtig hielten. Ein Gesetzentwurf von Ministerin Bas wird für Oktober erwartet.
Budgetäre Dimension
Die finanzielle Tragweite der Debatte zeigt sich auch im Haushalt: Für den Bereich Arbeit und Soziales sind 2027 rund 201,5 Milliarden Euro vorgesehen, ein Plus von 4,1 Milliarden Euro gegenüber 2026 und damit rund ein Drittel des Gesamthaushalts.
Kritik an den Reformplänen kommt von AfD, Grünen und Linken. Bas kündigte zugleich Vertrauensschutz bei der Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren an, um Härten für Betroffene abzufedern.
