Souveräne Cloud: Europäische Ausgaben steigen 2026 um 83 Prozent
Veröffentlicht: 09.07.2026 um 20:53 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Die Europäische Kommission hat ein Maßnahmenpaket vorgestellt, das die Abhängigkeit von ausländischer Digitalinfrastruktur reduzieren soll. Am 8. Juli 2026 startete die Kommission eine Konsultation zur Datensouveränität, um Meinungen zu internationalen Datenströmen und den Herausforderungen der europäischen Digitalautonomie einzuholen. Nur einen Tag zuvor verabschiedete sie einen neuen Aktionsplan für Cybersicherheit und Künstliche Intelligenz, der Risiken durch KI-Systeme aus Drittstaaten minimieren soll.
Cloud-Gesetz als Herzstück der Strategie
Die zentrale Säule des Vorhabens ist der Cloud and AI Development Act (CADA), der bereits im Frühsommer als Teil eines umfassenden Tech-Souveränitätspakets vorgeschlagen wurde. Das Gesetz führt ein Klassifizierungssystem für öffentliche Cloud-Beschaffung mit vier Souveränitätsstufen ein. Diese reichen von Level 1 – grundlegender Datenspeicherung in der EU – bis Level 4, das eine vollständige Abschottung von Kontrolle durch Nicht-EU-Unternehmen vorschreibt.
Der Gesetzgebungsprozess für CADA dürfte ein bis drei Jahre dauern. Ziel ist es, den Ausbau von Cloud- und KI-Infrastruktur in den Mitgliedsstaaten massiv zu beschleunigen. Konkret soll die Rechenzentrumskapazität der EU innerhalb von fünf bis sieben Jahren verdreifacht werden. Langfristig will Brüssel den erweiterten Infrastrukturbedarf bis 2035 decken. Um dieses Wachstum zu ermöglichen, schlägt die Kommission vereinfachte Genehmigungsverfahren für besonders effiziente Projekte vor.
Europäische Anbieter verlieren Marktanteile
Der Vorstoß zur digitalen Souveränität kommt zu einem Zeitpunkt, an dem europäische Anbieter auf dem heimischen Markt massiv an Boden verloren haben. Der Anteil der EU am eigenen Cloud-Markt fiel von 29 Prozent im Jahr 2017 auf aktuell rund 15 Prozent. Mehr als 80 Prozent der digitalen Produkte, die in der EU genutzt werden, stammen inzwischen von Anbietern außerhalb der Union.
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Doch der Trend zeigt in eine andere Richtung: Marktforscher von Gartner prognostizieren für 2026 einen Anstieg der europäischen Ausgaben für souveräne Cloud-Infrastruktur um 83 Prozent auf umgerechnet rund 11 Milliarden Euro. Eine Umfrage des Unternehmens Onnec unter Rechenzentrumsbetreibern im Mai und Juni 2026 ergab zudem, dass 74 Prozent der Betreiber die souveräne Cloud als bedeutende kommerzielle Chance betrachten.
Die größten Hindernisse für den Ausbau der Kapazitäten? Stromverfügbarkeit, strenge Bauauflagen, steigende Kosten und fehlende Fachkräfte – so die Einschätzung von Experten und Umfrageteilnehmern.
Nationale Vorreiter und institutionelle Projekte
Einzelne Mitgliedsstaaten ziehen bereits eigene Konsequenzen. Die niederländische Regierung informierte das Parlament am 8. Juli 2026 über ihre Pläne für eine souveräne Regierungs-Cloud. Diese soll auf staatseigenen Rechenzentren basieren und Regierungsanwendungen hosten. Erste Dienste sollen noch Ende 2026 in Betrieb gehen – ein strategischer Bruch mit der bisherigen Abhängigkeit von internationalen Hyperscalern.
Im Forschungssektor trafen sich Vertreter aus 30 Ländern am 12. Juni 2026 in Helsinki zur GÉANT-Clouds-Konferenz. Thema: eine europaweite souveräne Objektspeicher-Infrastruktur. Während das bestehende OCRE-2024-Rahmenwerk sowohl europäische als auch US-Anbieter umfasst, läuft derzeit eine globale Machbarkeitsstudie mit Partnern aus Australien, Brasilien, Kanada und Singapur, die autonomere Speichermodelle untersucht.
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Milliardeninvestitionen und Unternehmenspartnerschaften
Die EU-Kommission nutzt auch ihre Beschaffungsmacht, um einheimische Anbieter zu fördern. Im April 2026 wurde eine EU-Ausschreibung über 180 Millionen Euro an vier souveräne Anbieter vergeben – im Rahmen eines neuen Cloud-Souveränitäts-Rahmenvertrags. Unternehmen wie Scalaway berichten von neuen Verträgen mit Großkunden wie LVMH und Ouest-France. Der Grund: wachsende Nachfrage nach europäischer Eigentümerschaft und Rechtshoheit.
Auch Technologiepartnerschaften entwickeln sich weiter, um regulatorische Anforderungen wie den Digital Operational Resilience Act (DORA) zu erfüllen. IONOS und Broadcom etwa pflegen eine langjährige Partnerschaft für souveräne VMware-Umgebungen – ein direktes Zugeständnis an Kundenwünsche nach lokaler Kontrolle und Datenschutz.
Mit Blick auf das Inkrafttreten des AI Acts am 2. August 2026 bereitet die Kommission weitere Unterstützung vor. Geplant sind eine KI-Bewertungskapazität bis 2027 sowie Investitionszusagen von 200 Millionen Euro aus Horizon Europe und 100 Millionen Euro aus dem EIC-Fonds. Das Geld soll den strukturierten Zugang zu fortschrittlichen KI-Systemen fördern.
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