Sonnencreme, Leitlinie

Sonnencreme: Neue Leitlinie stellt Schutzwirkung in Frage

Veröffentlicht am: 30.07.2026 um 01:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine aktuelle Leitlinie stuft die Evidenz für einen direkten Hautkrebsschutz durch Sonnenschutzmittel als unzureichend ein. Hauptursache ist oft falsche Anwendung.

Neue Leitlinie: Schutzwirkung von Sonnencreme gegen Hautkrebs in Frage gestellt
Dermatologe bei einer Hautuntersuchung in einer modernen Praxis. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Eine aktuelle wissenschaftliche Neubewertung in Deutschland wirft Fragen zur nachgewiesenen Schutzwirkung von Sonnenschutzmitteln gegen Hautkrebs auf. Laut einer neuen Leitlinie wird die Evidenz für einen direkten Schutz durch diese Produkte als unzureichend eingestuft. Hintergrund dieser Einschätzung sind unter anderem Beobachtungen wie bei einem Vorfall am Updam Beach in Florida im Jahr 2016, bei dem 55 Probanden trotz der Verwendung eines hohen Lichtschutzfaktors (LSF) einen Sonnenbrand erlitten.

Herausforderungen bei der praktischen Anwendung

Die Wirksamkeit von Sonnenschutzmitteln hängt maßgeblich vom Anwenderverhalten ab, das in der Praxis häufig von den klinischen Empfehlungen abweicht. Die Leitlinie identifiziert vor allem eine zu geringe Auftragsmenge und mangelndes Nachcremen als Hauptursachen für einen unzureichenden Schutz. Ein Dermatologe der Charité wies darauf hin, dass die meisten Menschen deutlich weniger als die erforderliche Menge verwenden. Um den auf der Verpackung angegebenen Schutz zu erreichen, sei eine Menge von 30 bis 40 Millilitern pro Anwendung für den gesamten Körper notwendig.

Zudem herrscht Unklarheit über den Effekt des Nachcremens. Fachleute der Charité betonten, dass das erneute Auftragen des Produkts die Schutzzeit nicht verlängere, sondern lediglich den bestehenden Schutz aufrechterhalte, der beispielsweise durch Abrieb oder Schweiß gemindert werden kann. Auch das Centrum für Reisemedizin bestätigte, dass ein hoher Lichtschutzfaktor wie LSF 50 nur wenig Nutzen bietet, wenn das Mittel zu sparsam aufgetragen oder nach dem Baden nicht erneut genutzt wird.

Differenzierung der Lichtschutzfaktoren und Darreichungsformen

Ein wesentlicher Aspekt der wissenschaftlichen Debatte ist die Wirksamkeit unterschiedlicher Lichtschutzfaktoren. Während in den USA Produkte mit LSF 100 erhältlich sind, ist in der Europäischen Union die Kennzeichnung auf maximal 50+ begrenzt. Ein Facharzt für Dermatologie erläuterte die physikalischen Unterschiede: Ein Lichtschutzfaktor 30 filtert etwa 97 Prozent der UVB-Strahlen, ein LSF 50 rund 98 Prozent und ein LSF 100 etwa 99 Prozent.

Trotz der geringen prozentualen Steigerung bietet ein höherer LSF laut Experten einen Sicherheitsvorteil, wenn – wie in der Praxis üblich – zu wenig Creme aufgetragen wird. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2018 zeigte bereits, dass die Verwendung von LSF 100 im Vergleich zu LSF 50 seltener zu Sonnenbrand führte.

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Neben dem Lichtschutzfaktor spielt die Konsistenz des Produkts eine Rolle. Ein Dermatologe bewertete klassische Sonnencremes oder -milchen als zuverlässiger im Vergleich zu Sprays. Bei Sprays bestehe das Risiko einer ungleichmäßigen Verteilung. Zudem führen äußere Faktoren wie Wind zu erheblichen Verlusten: Bei leichtem Wind wehen über 50 Prozent des Produkts am Körper vorbei, bei moderatem Wind sind es mehr als 70 Prozent. Auch das Risiko einer Inhalation der feinen Partikel wird kritisch gesehen.

Epidemiologische Daten und Präventionspotenzial

Die Relevanz eines effektiven UV-Schutzes wird durch Daten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) unterstrichen. Demnach wurden im Jahr 2022 mehr als 80 Prozent der Melanom-Erkrankungen durch UV-Strahlung verursacht. Die American Cancer Society schätzt zudem, dass etwa 45 Prozent der Todesfälle durch Melanome vermeidbar wären.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Schutz von Kindern. Das Gesundheitsamt Mettmann sowie Mediziner der Fimmg Rom wiesen darauf hin, dass ein Sonnenbrand im Kindesalter das Risiko, später an einem Melanom zu erkranken, verdoppelt. Gleichzeitig warnten Behörden vor Mythen: Es gebe keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Sonnencreme selbst das Krebsrisiko erhöhe.

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Um die Zuverlässigkeit der Produkte sicherzustellen, wurden im Rahmen der EU-Kampagne JACOP 2025 insgesamt 74 Sonnenschutzprodukte getestet. Dabei kam die In-vitro-Methode EN ISO 23675:2024 zum Einsatz. Dieses Verfahren zeigte eine hohe Übereinstimmung mit herkömmlichen In-vivo-Tests, bietet jedoch den Vorteil, dass Menschen keiner unnötigen UV-Belastung ausgesetzt werden müssen. Eine Einschränkung des aktuellen Prüfverfahrens besteht jedoch darin, dass Sonnenschutzstifte und Puder damit noch nicht zuverlässig getestet werden können.

Für die allgemeine Bevölkerung wird weiterhin ein Lichtschutzfaktor von mindestens 30 empfohlen. In speziellen Fällen, etwa bei der Abdeckung von Narben, raten Fachleute zu Produkten mit einem LSF zwischen 80 und 100.

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