Social Media und Kinder: Lancet-Forschende fordern mehr als Verbote
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 08:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Einfache Verbote reichen nicht aus, um die psychischen Gesundheitsrisiken sozialer Plattformen für Kinder und Jugendliche wirksam zu minimieren. Zu diesem Schluss kommen Forschende einer dreiteiligen Artikelserie der Fachzeitschrift The Lancet, an der 13 Experten mitgewirkt haben.
Die Autoren plädieren für eine koordinierte Regulierung digitaler Systeme und verlangen, den Schutz junger Nutzer zu einer globalen Priorität zu machen. Dabei müsse die Verantwortung weg von den Jugendlichen und Familien hin zu Tech-Konzernen und staatlichen Regulierungsbehörden verlagert werden.
Belastungen und differenzierte Effekte der Mediennutzung
Ein im Rahmen der Lancet-Serie veröffentlichter Umbrella Review analysierte 121 systematische Übersichtsarbeiten mit Daten von rund neun Millionen Menschen unter 25 Jahren. Die Auswertung zeigt, dass problematische und suchtähnliche Nutzungsmuster mit psychischen Problemen, Angstzuständen, Depressionen, Schlafstörungen sowie Bewegungsmangel einhergehen.
Einer illustrativen und mit Unsicherheiten behafteten Schätzung der Studienreihe zufolge könnte eine tägliche Bildschirmzeit von mehr als zwei Stunden weltweit jährlich rund 2,8 Millionen gesunde Lebensjahre durch Depressionen und etwa 240.000 gesunde Lebensjahre durch Adipositas kosten.
Gleichzeitig verweist die Untersuchung auf differenzierte Effekte. Eine moderate Nutzung ist mit einem höheren Wohlbefinden verbunden, während aktives Videospielen mit Wohlbefinden und einem gesünderen Lebensstil assoziiert wird. Allerdings stufen die Autoren die Evidenzsicherheit als niedrig ein; ein kausaler Zusammenhang gilt bislang nicht als belegt.
Systemische Ansätze und internationale Schutzstandards
Vor diesem Hintergrund fordert die Autorenschaft der Lancet-Serie umfassende Maßnahmen. Dazu gehören verpflichtende Prüfungen möglicher Schäden vor der Markteinführung neuer Angebote, der offene Datenzugang für geprüfte Wissenschaftler, ein Rahmenvertrag der Weltgesundheitsorganisation sowie eine internationale Stelle zur Erfassung von KI-Schäden bei Kindern.
Barbara Prainsack von der Universität Wien, Mitautorin der Reihe, bezeichnet Altersgrenzen als wichtiges Puzzlestück, das allein jedoch nicht genüge. Sie fordert eine vorsorgliche und adaptive Regulierung, das Verbot suchterzeugender Funktionen sowie strenge Beschränkungen bei der Erfassung und Verarbeitung der Daten von Kindern und Jugendlichen.
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Zudem müsse jede Altersprüfung zwingend datenschutzfreundlich ausgestaltet sein. Als Vorbild für globale Vereinbarungen nennt sie internationale Rahmenverträge wie jene zur WHO-Tabakkontrolle und verweist auf den Brüssel-Effekt als Hebel für weltweite Standards.
Gesetzgeberische Vorstöße im internationalen Vergleich
Verschiedene Staaten suchen bereits nach gesetzlichen Instrumenten. In Österreich wurde im Juli ein entsprechender Gesetzesentwurf beschlossen, während auch die deutsche Bundesregierung an einem Vorhaben zur Altersbeschränkung für soziale Medien arbeitet.
Frankreich erlebte bei einem Vorstoß von Präsident Emmanuel Macron für ein Nutzungsverbot unter 15 Jahren Rückschläge: Ein erster Entwurf wurde von der Europäischen Kommission zurückgewiesen, und der französische Verfassungsrat hob das Gesetz letztlich auf.
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Auf europäischer Ebene sieht der sogenannte EU Kids Act vor, Minderjährigen im Alter von 3 bis 13 Jahren den Zugang grundsätzlich zu verwehren und elternverwaltete Konten für kinderfreundliche Videos einzurichten. Designmuster wie Endlos-Scrollen, Fremdnachrichten und nächtliche Benachrichtigungen sollen demnach auch für unter 18-Jährige untersagt werden.
In Kanada zielen zwei Gesetzentwürfe, der Safe Social Media Act (Bill C-34) sowie der Protecting Privacy and Consumer Data Act (Bill C-36), auf die Schaffung einer Kommission für digitale Sicherheit und eine Nutzungseinschränkung für Jugendliche unter 16 Jahren ab, sofern keine ausreichenden Schutzmaßnahmen vorliegen.
Plattformbetreiber wie Meta setzen derweil auf eigene Vorgaben: Bei Instagram gilt eine Altersgrenze von 13 Jahren, ergänzt durch Voreinstellungen und elterliche Bildschirmzeit-Limits für Nutzer unter 16 Jahren.
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