Sepsis: KI erkennt Erkrankung bis zu 24 Stunden früher
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 14:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die frühzeitige Identifikation einer Sepsis bleibt eine der dringlichsten Herausforderungen der modernen Intensivmedizin. Angesichts hoher Sterblichkeitsraten in Deutschland und der Schweiz rücken technologische Lösungen, insbesondere Verfahren der Künstlichen Intelligenz (KI), verstärkt in den Fokus der klinischen Forschung und Anwendung.
Analysen zeigen, dass eine präzisere Diagnose und eine beschleunigte Einleitung therapeutischer Maßnahmen maßgeblich zur Senkung der Mortalität beitragen können.
Statistische Einordnung und die Bedeutung der Früherkennung
In Deutschland wird die Zahl der jährlichen Sepsis-Erkrankungen auf rund 230.000 Fälle geschätzt. Nach Angaben der Kampagne »Deutschland erkennt Sepsis« und Informationen des UKGM Gießen versterben hierzulande jährlich etwa 85.000 Menschen an den Folgen der Erkrankung. Dies entspricht statistisch gesehen einem Todesfall alle sechs Minuten.
Die Sepsis-Stiftung verweist in einem Dossier von Anfang September 2026 auf potenziell noch höhere Zahlen und geht von mindestens 140.000 sepsisbedingten Todesfällen pro Jahr in Deutschland aus.
Im internationalen Vergleich weist die Sepsis-Mortalität in Deutschland eine besorgniserregende Entwicklung auf. Während Länder wie Norwegen und Finnland zwischen 1990 und 2019 Rückgänge der Mortalitätsraten um 26,7 % beziehungsweise 21,1 % verzeichneten, stieg dieser Wert in Deutschland im gleichen Zeitraum um 10,1 % an.
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Laut Daten der Sepsis-Stiftung kamen im Jahr 2021 in Deutschland 247 Todesfälle auf 100.000 Einwohner, während dieser Wert in Australien bei 109 lag. Fachleute der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) mahnen in diesem Zusammenhang ein fehlendes Bewusstsein für die Erkrankung an und sehen in der KI ein Instrument zur Verbesserung der Früherkennung.
Innovative Forschungsansätze und technologische Lösungen
Die technologische Unterstützung bei der Diagnose basiert zunehmend auf der Analyse großer Datenmengen. Ein Beispiel hierfür ist das an der Universität Leipzig angesiedelte Ampel-Projekt. Dieses System berechnet das individuelle Sepsis-Risiko auf Basis eines kleinen Blutbildes. Während die Qualitätssicherung Sepsis (QS Sepsis) bereits als verpflichtend gilt, werden erste umfassende Ergebnisse dieses Projekts für den Herbst 2027 erwartet.
Internationale Studien belegen bereits das Potenzial spezialisierter KI-Tools. Eine Untersuchung am Hospital Son Llàtzer, die im Fachjournal PLOS Global Public Health veröffentlicht wurde und Daten von 8.039 Sepsis-Patienten aus dem Zeitraum von Januar 2011 bis Juni 2024 berücksichtigte, untersuchte den Einsatz des Werkzeugs BIAlert Sepsis.
Dieses System analysiert über 70 Variablen und erstellt alle 30 Minuten ein aktualisiertes Risikoprofil. Laut der Studie konnte das Sepsisrisiko durch den KI-Einsatz bis zu 24 Stunden früher erkannt werden. In der Folge sank der Anteil der Einweisungen auf Intensivstationen von 34,4 % auf 30,4 %, zudem verkürzte sich der Klinikaufenthalt der Betroffenen um durchschnittlich fast einen Tag.
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Strukturierte Programme und neue Versorgungsmodelle in der Schweiz
Auch in der Schweiz werden die klinischen Abläufe zur Sepsis-Bekämpfung intensiviert. Jährlich werden dort rund 20.000 Behandlungen registriert, von denen etwa 4.000 tödlich verlaufen.
Zur besseren Erfassung und Koordinierung wurde bereits im Jahr 2023 das Swiss Sepsis Program lanciert, das unter anderem den Aufbau eines nationalen Registers verfolgt. Ergänzend dazu wurde in Bern der Verein Sepsis Schweiz gegründet. Dessen Präsident Anton Löffel hob hervor, dass eine Sepsis stets als medizinischer Notfall zu betrachten sei.
Praktische Anwendungen finden sich bereits in verschiedenen Schweizer Kliniken. Das Luzerner Kantonsspital sieht für Anfang Oktober 2026 die Einführung eines digitalen Frühwarnscores vor. Parallel dazu befindet sich am Kinderspital Zentralschweiz das Modell „Martha's Rule“ in einer Pilotphase.
Dieses System, das eine stärkere Einbindung von Angehörigen bei der Eskalation von Notfällen vorsieht, wurde dort bereits in rund 40 Fällen genutzt. Experten betonen jedoch, dass trotz des technologischen Fortschritts durch KI die allgemeine Aufklärung über die Symptome und Risiken der Sepsis weiterhin eine zentrale Säule der Prävention bleibt.
