Sepsis: 85.000 Todesfälle jährlich – dritthäufigste Todesursache
Veröffentlicht am: 11.09.2026 um 03:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wissenschaftliche Spitzenorganisationen und medizinische Fachgesellschaften dringen auf einen grundlegenden Kurswechsel in der deutschen Gesundheitspolitik.
In einer gemeinsamen Stellungnahme, die Anfang September 2026 im Rahmen eines parlamentarischen Abends in Berlin vorgelegt wurde, forderten die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Wissenschaftsrat, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und die Deutsche Krebshilfe die Etablierung einer ressortübergreifenden Präventionsstrategie.
Hohe Kostenbelastung und vermeidbare Krankheitslast
Nach Einschätzung der beteiligten Organisationen belaufen sich die Kosten für das deutsche Gesundheitssystem derzeit auf jährlich 500 Milliarden Euro. Ein erheblicher Teil dieser Ausgaben könnte durch gezielte Vorsorgemaßnahmen reduziert werden. Wie der Vorstand des DKFZ ausführte, wären rund 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen durch präventive Maßnahmen vermeidbar.
Die Experten betonten, dass Gesundheitsprävention nicht allein im Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsministeriums liegen dürfe, sondern als Querschnittsaufgabe alle Ministerien betreffe. Ziel müsse es sein, gesundheitsfördernde Strukturen in sämtlichen Lebensbereichen zu verankern, um die langfristige Finanzierbarkeit des Systems zu sichern.
Herausforderung Sepsis und Infektionsschutz
Ein Schwerpunkt der aktuellen Präventionsdebatte liegt auf der Bekämpfung der Sepsis. Mit Blick auf den Welt-Sepsis-Tag am 13. September weisen Fachleute auf die hohe Mortalität in Deutschland hin: Jährlich versterben rund 85.000 Menschen an den Folgen einer Sepsis, was sie zur dritthäufigsten Todesursache macht.
Statistisch gesehen ereignet sich alle sechs Minuten ein Todesfall. Die Sterblichkeitsrate liegt hierzulande bis zu 20 Prozent höher als in vergleichbaren Industrienationen.
Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) mahnte an, die Infektionsprävention in künftigen Reformen strukturell zu verankern, statt Einsparungen vorzunehmen. Schätzungen zufolge ließen sich durch konsequente Hygiene bis zu ein Drittel der nosokomialen Infektionen vermeiden.
Insgesamt gelten 15.000 bis 20.000 Sepsis-Todesfälle pro Jahr als vermeidbar. Seit dem 1. Januar 2026 kommt zudem ein neues Qualitätssicherungsverfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zum Einsatz, um die Versorgungssituation zu verbessern.
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Regionale Unterschiede und Früherkennung
Auch die Impfprävention spielt eine wesentliche Rolle, etwa zur Vorbeugung von Sekundärinfektionen. Daten des Robert Koch-Instituts für die Grippesaison 2024/2025 zeigen jedoch erhebliche regionale Unterschiede. In Thüringen lag die Impfquote bei Personen ab 60 Jahren bei 41 Prozent.
Während Städte wie Jena und Weimar Quoten von 50 Prozent erreichten, verzeichnete der Landkreis Hildburghausen mit 28 Prozent den niedrigsten Wert. Eine Grippeschutzimpfung, die von der STIKO vorzugsweise zwischen Oktober und Mitte Dezember empfohlen wird, kann auch das Risiko schwerer Sepsis-Verläufe senken.
Im Bereich der Krebsfrüherkennung fordert die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) eine stärkere Berücksichtigung familiärer Risiken.
Hintergrund ist eine Entscheidung des G-BA von Ende August 2026, das organisierte Darmkrebs-Screening mangels ausreichender Evidenz nicht auf unter 50-Jährige mit familiärer Vorbelastung auszuweiten. Die DGVS spricht sich hingegen dafür aus, die Vorsorge bereits zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter des jüngsten betroffenen Familienmitglieds zu beginnen.
Mikronährstoffe und Stärkung der Abwehrkräfte
Neben strukturellen Maßnahmen rückt die individuelle Gesundheitsvorsorge durch Ernährung in den Fokus. Ein Ernährungswissenschaftler wies darauf hin, dass Multinährstoff-Präparate durch aktuelle Studien derzeit ein gesteigertes Interesse erfahren. Besonders bei älteren Menschen ist die Versorgung mit Vitamin B12 kritisch, da die Produktion von Magensäure im Alter sinkt, was die Aufnahme erschwert.
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Die Bedeutung einer ausgewogenen Supplementierung bei speziellen Ernährungsformen unterstreicht die EPIC-Oxford-Studie. Die Untersuchung von fast 55.000 Teilnehmenden über einen Zeitraum von durchschnittlich 17,6 Jahren ergab bei Veganern ein um 43 Prozent höheres Risiko für Knochenbrüche im Vergleich zu Fleischessern. Bei Hüftfrakturen lag das Risiko sogar deutlich höher.
Zur allgemeinen Virenabwehr in der Erkältungszeit empfehlen Fachleute eine tägliche Vitamin-C-Dosis von 100 mg, da rund 70 Prozent der Immunzellen im Darm angesiedelt sind. Während Antibiotika bei den über 200 bekannten Erkältungsviren wirkungslos bleiben, können Hausmittel wie Ingwer, Meerrettich oder Honig Symptome lindern und Krankheitsverläufe verkürzen.
Die strategische Bedeutung der Prävention ist zudem Gegenstand einer Diskussionsrunde des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) Mitte September 2026 auf der Fachmesse expopharm. Dabei soll unter anderem der von Bayern vorgelegte "Masterplan Prävention" als mögliches Modell für andere Bundesländer erörtert werden.
