Semaglutid, SELECT-Studie

Semaglutid: SELECT-Studie zeigt 20 Prozent weniger schwere Herzereignisse

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 06:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien und Leitlinien stützen Semaglutids Einsatz bei Herz-Kreislauf-Risiken; Langzeittherapie, Kosten und Versorgung bleiben wichtige Themen.
Ein minimalistischer, heller Behandlungsraum in einer medizinischen Einrichtung mit sanftem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

In der medizinischen Fachwelt und der öffentlichen Berichterstattung gewinnt der Einsatz gewichtsreduzierender Medikamente zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmend an Bedeutung.

Während Inkretin-Mimetika ursprünglich vor allem zur Blutzuckerkontrolle oder reinen Gewichtsreduktion wahrgenommen wurden, rücken nun fachübergreifend die langfristigen kardiovaskulären und metabolischen Schutzwirkungen in den Mittelpunkt der klinischen Praxis.

Klinische Evidenz für kardiovaskuläre Risikoreduktion

Als wesentlicher Treiber dieser Entwicklung gilt die SELECT-Studie mit 17.604 Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas sowie bestehender kardiovaskulärer Erkrankung ohne Diabetes. Die Verabreichung von wöchentlich 2,4 mg Semaglutid senkte das Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse gegenüber Placebo um 20 %.

Diese Ergebnisse wurden unter anderem auf Fachtagungen wie dem ICDM in Korea diskutiert, wo Donna Ryan von der Louisiana State University hervorhob, dass GLP-1-Präparate das Potenzial hätten, die öffentliche Gesundheit in ähnlicher Weise zu verändern wie einst Statine oder Antibiotika.

Auch in klinischen Leitlinien schlägt sich dieser Wandel nieder. Alla Shepelkevich und Tatyana Statkevich von der BGMU wiesen darauf hin, dass Semaglutid als Erstlinientherapie bei Typ-2-Diabetes mit atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder hohem Zehnjahresrisiko unabhängig vom HbA1c-Wert gilt.

Die Leitlinie der European Society of Cardiology aus dem Jahr 2026 empfiehlt den Wirkstoff zudem bei symptomatischer Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (LVEF ?45 % und BMI ?30 kg/m²).

Kardiologin Dr. Biljana Šiškova betonte ergänzend, dass Semaglutid neben der Senkung des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos auch Blutdruck und Blutfettwerte verbessere, die Anwendung jedoch stets unter ärztlicher Aufsicht erfolgen müsse.

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Erweiterte Indikationen von Lebererkrankungen bis Dermatologie

Über die reine Gefäßprävention hinaus weisen gemeinsame Leitlinien von EASL, EASD und EASO darauf hin, dass Semaglutid oder Resmetirom bei metabolischer steatotischer Hepatitis mit den Fibrose-Stadien 2 oder 3 zusammen mit Lebensstiländerungen erwogen werden sollten.

In der ESSENCE-Studie zeigte Semaglutid dabei eine mediane Gewichtsreduktion von 10,5 % gegenüber 2 % unter Placebo. Zudem hebt Lilly Deutschland hervor, dass Adipositas als aktiver Treiber chronisch-entzündlicher Dermatosen gilt und ein Gewichtsverlust dermatologische Therapien unterstützen kann.

Gleichzeitig erweitert sich die pharmazeutische Pipeline rasch. Für den oralen GLP-1-Rezeptoragonisten Orforglipron erging am 15. Oktober 2026 ein positives Votum des europäischen Ausschusses für Humanarzneimittel für Typ-2-Diabetes und Gewichtsmanagement.

In Studien zu dualen und dreifachen Agonisten wie Tirzepatid und dem experimentellen Retatrutide werden teils noch stärkere Gewichtsreduktionen und Rückgänge des Leber- und viszeralen Fetts beobachtet.

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Herausforderungen bei Versorgung, Dauertherapie und Recht

Trotz des belegten Nutzens betonen Fachleute die Grenzen und Risiken der Therapie. Das American College of Sports Medicine warnt davor, dass Krafttraining den Verlust an Magermasse bei raschem Gewichtsverlust nicht vollständig verhindern kann, und verweist darauf, dass es keine Evidenz für ein erfolgreiches Absetzen der Medikation bei alleinigem Bewegungstraining gibt.

Auch Fachmediziner der Helios Klinik Attendorn stellten klar, dass Adipositas eine chronische Erkrankung sei und nach dem Absetzen von Semaglutid oder Tirzepatid eine erneute Gewichtszunahme drohe.

Zudem stehen gesundheitsökonomische Fragen im Fokus: Während südkoreanische Fachgesellschaften die Aufnahme in die Krankenversicherung zur Prävention diskutieren, stuft ein Experte der University of Chicago die WHO-Empfehlungen zur GLP-1-Langzeittherapie als vorläufig bedingt ein, da weitere Daten zu Sicherheit, Kosten und Chancengleichheit erforderlich seien.

Auch rechtlich verschärft sich das Umfeld: Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main entschied im September 2026 (Az. 6 U 60/26), dass das Bewerben einer vollständig kostenlosen ärztlichen Beratung im Rahmen von Adipositasbehandlungen eine unzulässige Zuwendung nach dem Heilmittelwerbegesetz darstellt. Die strukturierte Einbindung in interdisziplinäre Versorgungskonzepte bleibt somit eine zentrale medizinische und regulatorische Aufgabe.

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