Selbststigma: HOP-Programm halbiert Scham bei psychischen Erkrankungen
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 21:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen und Behinderungen treiben Menschen zunehmend in die soziale Isolation. Aktuelle Studien zeigen jedoch: Gezielte Programme können diesen Kreislauf durchbrechen.
Selbststigma halbiert sich durch Peer-Programme
Besonders tückisch ist das sogenannte Selbststigma: Betroffene übertragen gesellschaftliche Vorurteile auf sich selbst und ziehen sich zurück. Eine im Fachjournal Lancet eBioMedicine veröffentlichte Studie liefert nun Hoffnung. Das Programm HOP (Honest, Open, Proud) reduzierte das Selbststigma bei Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen um rund 50 Prozent – die Standardbehandlung schaffte gerade einmal 10 Prozent. Über 500 Teilnehmer waren an der randomisierten kontrollierten Studie beteiligt. Die Einbindung von Betroffenen in klinischen und gemeindenahen Settings scheint die psychische Widerstandsfähigkeit messbar zu stärken.
Strukturelle Ausgrenzung: Wer sich abgehängt fühlt
Die Betroffenengruppen sind vielfältig – und die Zahlen alarmierend. Vier von fünf Menschen mit Behinderungen fühlen sich stark ausgeschlossen, zeigt der Inklusionsindex 2026. Die Organisation Pro Infirmis startete deshalb am 3. August die Kampagne „Umdenken. Für uns Menschen“, die gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen hinterfragt.
Auch in der LGBTQ-Gemeinschaft ist Einsamkeit weit verbreitet. Laut Einsamkeitsbarometer der letzten Bundesregierung fühlen sich 16,1 Prozent der queeren Menschen einsam – in der Gesamtbevölkerung sind es nur 10 Prozent. Autor Lennart Herberhold sieht Gründe in spezifischen Herausforderungen beim Coming-out und im Alter. Psychotherapeutin Katie Gillis verweist auf den sogenannten Minderheitenstress, der besonders in gewaltgeprägten Beziehungen die Suche nach Unterstützung erschwert.
Junge Erwachsene: Digital vernetzt, aber einsam
Besonders betroffen sind junge Menschen. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ermittelte: 21 Prozent der 21- bis 30-Jährigen fühlen sich stark einsam, weitere 42 Prozent zumindest zeitweise. Die JIMplus-Studie des mpfs liefert einen möglichen Erklärungsansatz: 82 Prozent der Jugendlichen nutzen soziale Medien für den Wissenszugang, doch 72 Prozent fühlen sich davon abgelenkt.
Selbststigma kann uns isolieren – doch die Lancet-Studie zeigt: Mit dem HOP-Programm lässt es sich um rund 50 Prozent reduzieren. Dieser Leitfaden begleitet Sie Schritt für Schritt zu mehr Selbstakzeptanz und Verbundenheit. Jetzt kostenlosen Leitfaden anfordern
Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass ihnen Zeit für Erholung fehle. Fast jeder zweite Jugendliche empfindet Neid gegenüber Generationen, die ohne soziale Medien aufgewachsen sind.
Cannabis gegen Alpträume: Charité-Studie überrascht
Medizinische Fortschritte könnten ebenfalls helfen, soziale Rückzüge zu verhindern. Eine Studie der Berliner Charité, veröffentlicht in Nature Medicine, untersuchte den Cannabis-Wirkstoff Dronabinol (THC) bei 171 Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung. Die Albtraumlast sank auf einer achtstufigen Skala um 3,7 Punkte – die Placebogruppe verbesserte sich nur um 2,2 Punkte.
Bei über einem Drittel der Probanden verschwanden die Alpträume unter zehnwöchiger Dosierung vollständig. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf.
Debatte um Jugendbetreuung in Wien
Doch nicht alle Diskussionen verlaufen harmonisch. Fachleute betonen die Notwendigkeit, psychische Erkrankungen strikt von Gefährlichkeit abzugrenzen, um weitere Stigmatisierung zu verhindern. In Wien streiten Behörden und Experten über die Betreuung straffällig gewordener Jugendlicher. Die zuständige Behörde MA 11 hält an Konzepten wie der „Auszeit-WG“ fest – der Kinder- und Jugendpsychiater Patrick Frottier kritisiert hingegen strukturelle Mängel bei der Umsetzung.
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Kleine Gesten, große Wirkung
Zur Prävention emotionaler Erschöpfung setzen Experten zunehmend auf niederschwellige Maßnahmen. Ihr Rat: Flüchtige Bekanntschaften durch regelmäßige, stressfreie Kommunikation und kleine Gesten in verlässliche Unterstützungsstrukturen verwandeln. In urbanen Räumen, in denen inzwischen 77 Prozent der deutschen Bevölkerung leben, gilt es, das schwindende Wir-Gefühl wieder zu stärken.
