Selbstmedikation: 95% greifen zu rezeptfreien Mitteln vor Arztbesuch
Veröffentlicht am: 08.07.2026 um 08:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
95 Prozent der Schweizer greifen bei gesundheitlichen Problemen zunächst zu rezeptfreien Mitteln, bevor sie einen Arzt aufsuchen. Das zeigt der aktuelle Stada Health Report 2026. Befragt wurden zwischen Februar und März rund 19.500 Menschen in 20 Ländern.
Hohe Bereitschaft zur Eigenbehandlung
Die Schweizer Patienten legen Wert auf Autonomie. 28 Prozent regeln ihre Beschwerden lieber in Eigenregie – deutlich mehr als der europäische Durchschnitt von 19 Prozent. Rund 62 Prozent der Befragten wissen genau, welche Mittel bei ihren Symptomen helfen.
Klassische Hausmittel sind dabei besonders beliebt: 32 Prozent greifen lieber zu diesen als zu industriell hergestellten Präparaten. Lange Wartezeiten in Arztpraxen nennen 31 Prozent als Grund, den Arztbesuch hinauszuzögern.
Die Forschung liefert übrigens Hinweise, dass dieser Ansatz durchaus wirken kann. Eine Metaanalyse von 23 Studien mit über 2.000 Teilnehmenden zeigt: Melatonin kann bei chronischen muskuloskelettalen Schmerzen eine ähnliche Linderung bringen wie Paracetamol.
Vertrauen in das System trotz steigender Kosten
Trotz der Tendenz zur Selbstbehandlung schätzen die Schweizer ihr Gesundheitssystem. 90 Prozent bewerten es grundsätzlich positiv, die allgemeine Zufriedenheit liegt bei 77 Prozent. Zum Vergleich: Der europäische Mittelwert beträgt nur 56 Prozent.
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Regional gibt es Unterschiede. In der Deutschschweiz sind 81 Prozent zufrieden, in der Westschweiz nur 67 Prozent.
Die positive Wahrnehmung spiegelt sich auch in objektiven Kennzahlen wider. Im Zurich Chronic Care Index belegt die Schweiz mit 80 von 100 Punkten den ersten Platz unter 38 OECD-Ländern. Besonders bei der Versorgungsqualität (Rang 2) und der Senkung von Risikofaktoren wie Rauchen punktet das Land.
Doch das System steht unter Druck. Die durchschnittliche Krankenkassenprämie stieg bis 2024 auf 423 Franken pro Monat. Prognosen der ETH Zürich erwarten ein jährliches Kostenwachstum von 3,9 Prozent bis 2027.
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Psychische Gesundheit als größte Herausforderung
Die größte gesundheitliche Herausforderung sehen 58 Prozent der Befragten im Frühjahr 2026 in der psychischen Gesundheit. Zwar geben 71 Prozent an, sich psychisch gut zu fühlen – das sind aber drei Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.
Bei technologischen Innovationen ist die Schweizer Bevölkerung gespalten. 51 Prozent können sich eine Gesundheitsberatung durch Künstliche Intelligenz vorstellen, 48 Prozent lehnen das ab. Thomas Rosemann von der Universität Zürich führt die Skepsis auf die traditionell starke Bindung zwischen Patienten und Hausärzten zurück.
Vorsicht bei nicht-professionellen Eingriffen
Eine Untersuchung von Swissmedic aus dem Jahr 2024 zeigt, wo die Grenzen der Eigenverantwortung liegen: In über der Hälfte der kontrollierten Einrichtungen – besonders in Kosmetikstudios – führten Unqualifizierte Behandlungen wie Filler-Injektionen durch. Die Botschaft der Aufsichtsbehörden ist klar: Selbstmedikation bei leichten Beschwerden ist okay, invasive Eingriffe gehören in Profi-Hände.
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