Schweiz, Medikament

Schweiz und Österreich: Jedes dritte Medikament fehlt in der Versorgung

Veröffentlicht am: 22.08.2026 um 19:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

US-Referenzpreise und Zölle setzen Europas Pharmamärkte unter Druck. Verbände warnen vor Versorgungslücken und schrumpfender Industrie bis 2040.

US-Preispolitik gefährdet Europas Pharmaversorgung: Schweiz und Österreich betroffen
Leere Regalplätze in einem modernen pharmazeutischen Lagerhaus, die die Lücken in der Medikamentenversorgung symbolisieren. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die pharmazeutische Versorgungssicherheit in Europa gerät zunehmend unter Druck. Aktuelle Entwicklungen und Marktanalysen aus dem August 2026 deuten darauf hin, dass die aggressive Preispolitik der Vereinigten Staaten weitreichende Konsequenzen für die Verfügbarkeit innovativer Therapien in anderen Industrienationen hat. Branchenvertreter warnen vor einer Erosion der Versorgungssysteme, die langfristig den Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten einschränken könnte.

Versorgungslücken und wirtschaftliche Risiken in der Schweiz

Der Branchenverband Interpharma weist auf eine besorgniserregende Entwicklung am Schweizer Markt hin. Laut Interpharma-Chef René Buholzer wird bereits ein Drittel der von der Zulassungsbehörde Swissmedic freigegebenen Medikamente gar nicht erst zur Vergütung eingereicht.

Als Hauptgrund nennt der Verband den zunehmenden Preisdruck, der maßgeblich durch das US-Referenzpreissystem befeuert werde. Dieses System senke die Schweizer Preise in einem Maße, das die wirtschaftliche Attraktivität des Standorts und damit die therapeutische Versorgungssicherheit gefährde.

Die Prognosen für den Pharmastandort Schweiz sind gedämpft: Ohne politische Gegenmaßnahmen könnte die Branche bis zum Jahr 2040 schrumpfen. Buholzer betont, dass der internationale Wettbewerb um Innovationen härter werde und die Schweiz riskierte, bei der Einführung neuer Wirkstoffe den Anschluss zu verlieren.

Preiskampf in der Europäischen Union am Beispiel Österreichs

Ähnliche Signale kommen aus Österreich. Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog beschreibt die aktuelle Situation als Vorbote einer Krise, die strukturell mit der Krise der Automobilindustrie vergleichbar sei. Da das Preisniveau in Österreich bereits zu den niedrigsten innerhalb der Europäischen Union gehöre, verschärfe sich die Lage durch die US-Preispolitik massiv.

In Österreich verlassen laut Angaben der Pharmig monatlich etwa 20 Präparate den Erstattungskodex. Die Auswirkungen der US-Politik führten dazu, dass Produkte in Europa entweder gar nicht mehr angeboten oder deutlich teurer würden. Dies setze die nationalen Gesundheitssysteme unter erheblichen Stress.

Strategische Verschiebungen und der „Fall Kanada“

Auch auf globaler Ebene warnen Top-Manager vor den Folgen der US-Handels- und Preispolitik. Novartis-CEO Vas Narasimhan sieht durch die sogenannte „Most Favored Nation“-Politik (MFN) eine sehr schwierige Situation für den europäischen Markt entstehen. Europa riskiere einen deutlich verzögerten Zugang zu medizinischen Innovationen. Narasimhan bezeichnete die kommenden 18 Monate als entscheidend für die künftige Ausrichtung der Branche.

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Wie drastisch die Unterschiede in der Verfügbarkeit bereits sind, zeigt ein Vergleich mit Kanada. Während Patienten in den USA Zugang zu über 90 Prozent der innovativen Medikamente haben, liegt dieser Wert in Kanada bei lediglich 18 Prozent.

Ein konkretes Beispiel für diese Diskrepanz ist das Medikament Vanrafia: Novartis verzichtete auf eine Markteinführung in Kanada mit der Begründung, dass die Wahrscheinlichkeit einer angemessenen Erstattung zu gering sei.

US-Zollpolitik und Marktentwicklung im Jahr 2026

In den USA selbst haben staatliche Maßnahmen zu einem Rückgang der Medikamentenpreise geführt. Daten des Bureau of Labor Statistics (BLS) vom August 2026 zeigen, dass die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente im Jahresvergleich um 3,1 Prozent fielen – der stärkste Rückgang seit 1963. Seit dem Amtsantritt von Präsident Trump sanken die Rezeptpreise insgesamt um 3,9 Prozent.

Flankiert wird diese Entwicklung durch eine restriktive Zollpolitik. Für patentierte Medikamente gilt seit April 2026 ein Zoll von 100 Prozent, wobei Ausnahmen für Unternehmen bestehen, die MFN-Abkommen unterzeichnen.

Die US-Zollbehörde CBP hat Richtlinien erlassen, nach denen für Länder wie die Schweiz, Liechtenstein, Japan, Südkorea und die EU-Mitgliedstaaten reduzierte Zollsätze von 15 Prozent gelten können.

Bei Generika sind die Hürden noch höher: Während die Zölle bis August 2028 bei 0 Prozent liegen, sollen sie 2029 auf 200 Prozent steigen. Dies trifft insbesondere Indien, das aktuell rund 50 Prozent der US-Generika liefert.

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Studien wie die der CPPI unterstreichen den finanziellen Druck auf das System: US-Verbraucher sparen bei zehn ausgewählten Markenmedikamenten durchschnittlich 65 Prozent, wenn sie diese aus Kanada beziehen. Beim Medikament Rybelsus liegt die Ersparnis gegenüber dem US-Preis von 3.042 US-Dollar bei 74 Prozent.

Angesichts der Tatsache, dass sich 59 Prozent der erwachsenen US-Bürger um ihre Medikamentenkosten sorgen, bleibt der politische Druck zur Preissenkung in den USA hoch – zulasten der globalen Margen und der Verfügbarkeit in Drittmärkten.

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