Schulstart 2026: 68 % der Eltern fordern bezahlte Freistellung
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 21:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Beginn des neuen Schuljahres in Kärnten, Oberösterreich, Salzburg, der Steiermark, Tirol und Vorarlberg rückt die strukturellen Hürden für berufstätige Eltern erneut in das Zentrum der öffentlichen Debatte.
Während Gewerkschaften und Interessenvertretungen neue Freistellungsmodelle fordern, diskutieren Wirtschaft und Politik über die Gestaltung der Ferienzeiten und den Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur. Aktuelle Erhebungen verdeutlichen dabei eine hohe psychische Belastung bei Eltern und pflegenden Angehörigen.
Forderungen nach bezahlter Freistellung zum Schulbeginn
Angesichts des Schulstarts fordern die Fraktion Christlicher Gewerkschafter (FCG) sowie die Gewerkschaft GPA eine bezahlte Freistellung für Eltern, deren Kinder eingeschult werden.
Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen wird durch eine Umfrage der Arbeiterkammer gestützt, wonach sich 68 % der Eltern eine entsprechende Regelung für den ersten Schultag wünschen. In Branchen, in denen ein solcher freier Tag bereits gewährt wird, berichten 85 % der Eltern von einer verbesserten Work-Life-Balance.
Parallel dazu hat die Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), Martha Schultz, eine Verkürzung der Sommerferien von neun auf sechs Wochen ins Gespräch gebracht. Als Hauptmotiv nannte sie im Ö1-Format „Journal zu Gast“ die Entlastung von Müttern bei der Care-Arbeit.
Kontroversen um Ferienzeiten und Betreuungsausbau
Die Vorschläge zur Ferienverkürzung stoßen auf geteiltes Echo. Bildungsminister Christoph Wiederkehr erteilte einer generellen Kürzung eine Absage und verwies stattdessen auf das bestehende Angebot der Sommerschule sowie den Ausbau von Sommercamps.
Auch die Lehrergewerkschaft der Pflichtschullehrer unter der Führung von Kimberger sieht derzeit keine Veranlassung für eine Debatte über die Dauer der Sommerferien. Das Bildungsministerium betonte zudem, dass das Regierungsprogramm primär den weiteren Ausbau der Sommerschule vorsehe.
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Die Familiensprecherin der Grünen, Barbara Neßler, plädierte für eine verlässliche und leistbare Sommerbetreuung anstelle kürzerer Ferien. Eine parlamentarische Anfragebeantwortung an das Bildungsressort ergab in diesem Zusammenhang, dass allein im Bereich Ausbau und Sprachförderung rund 68 Mio. Euro an Bundesmitteln nicht abgerufen wurden.
Die Kindertagesheimstatistik 2024/25 verdeutlicht regionale Unterschiede bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Während im Osten Österreichs der Großteil der Einrichtungen Jahresöffnungszeiten bietet, die mit Vollzeitarbeit vereinbar sind, liegen die Quoten in Tirol bei 70 %, in Salzburg bei rund 60 % und in Kärnten bei 58 %.
Tirol nimmt hierbei eine Vorreiterrolle ein und startete mit dem aktuellen Schulbeginn einen Rechtsanspruch auf Vermittlung eines Betreuungsplatzes ab dem zweiten Lebensjahr. Über die Online-Plattform „Frida“ wurden bereits 11.600 Kinder angemeldet.
Betriebliche Realität und psychische Belastungsfaktoren
Die Bedeutung der Familienfreundlichkeit nimmt in der Unternehmenslandschaft zu. Laut dem Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2026 bewerten 88 % der befragten Unternehmen dieses Thema als wichtig.
Selbst in wirtschaftlich schwierigen Lagen liegt die Zustimmung bei rund 85 %. Besonders im Bereich der Schichtarbeit zeigen sich flexible Lösungsansätze: 77 % der Betriebe erlauben einen Schichttausch, was von drei Vierteln der dort Beschäftigten positiv bewertet wird.
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Dennoch bleibt die Belastung für Einzelne hoch. Eine Umfrage der KKH Kaufmännischen Krankenkasse zeigt, dass sich 61 % der Alleinerziehenden psychisch stark belastet fühlen, verglichen mit 31 % bei Paarfamilien. Knapp zwei Drittel der Alleinerziehenden leiden unter häufigem Stress durch die Doppelbelastung von Beruf und Familie.
Im Bereich der Arbeitszeitgestaltung zeigt eine Umfrage des Instituts Appinio im Auftrag von Indeed, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten bereit wäre, Überstunden zu leisten, knapp 20 % sogar dauerhaft. Gleichzeitig arbeitet fast drei Viertel der Befragten bereits mehr, als vertraglich vereinbart ist. Die Expertin Virginia Sondergeld sieht attraktivere Grundgehälter und flexiblere Arbeitszeiten als wesentliche Anreize für Mehrarbeit.
Vereinbarkeit im Kontext der Angehörigenpflege
Neben der Kinderbetreuung stellt die Pflege von Angehörigen eine wachsende Herausforderung dar. In Österreich pflegen rund 950.000 Menschen Angehörige, wobei sich etwa 70 % der Pflegenden überlastet fühlen. Sozialministerin Korinna Schumann kündigte an, jährlich 100 Mio. Euro zusätzlich für die mobile Pflege bereitzustellen. Der ÖGB fordert zudem Entlastungsangebote für Randzeiten und Wochenenden.
In Deutschland setzt der Kreis Mettmann auf das Landesprogramm zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Durch geschulte Pflege-Guides in Verwaltungsgebäuden und flexible Arbeitszeitmodelle soll die Belastung für Beschäftigte mit Pflegeverantwortung reduziert werden.
Gleichzeitig empfiehlt die Rentenkommission strukturelle Änderungen bei der Altersteilzeit, darunter die Abschaffung des Blockmodells und eine Anhebung der Altersgrenze von 55 auf 58 Jahre.
