Schulleitungsstudie: 94 Prozent berichten von mehr Aufgaben ohne Entlastung
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 04:03 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Daten aus internationalen Erhebungen und nationalen Schulleitungsbefragungen zeichnen ein differenziertes Bild der Belastung im deutschen Bildungswesen. Laut Ergebnissen der OECD-Befragung PIAAC arbeiten in Deutschland 19 % der Lehrkräfte mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit unter engen Fristen oder mit sehr hohem Tempo. Im Vergleich dazu liegt dieser Anteil bei anderen hochqualifizierten Berufstätigen bei 37 %.
Diese Gegenüberstellung greift aus Sicht der Praxis jedoch zu kurz. Eine Wiesbadener Grundschul-Personalrätin merkte an, dass der Indikator der OECD emotionale Anforderungen, das gleichzeitige Bewältigen mehrerer Aufgaben sowie Tätigkeiten außerhalb des Unterrichts nur unzureichend erfasse. Zeitdruck und die tatsächliche Gesamtbelastung seien zwei grundlegend verschiedene Faktoren im Schulalltag.
Schulleitungsstudie belegt wachsende Aufgaben und Bürokratie
Einen vertieften Einblick in den Arbeitsalltag liefert die Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026, für die das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) im Frühjahr 2026 insgesamt 2.066 Schulleitungen befragte.
Der Untersuchung zufolge berichten 94 % der Leitungen von wachsenden Anforderungen ohne ausreichende Entlastung. Als größte Belastungsfaktoren identifizieren 83 % bürokratische Hürden und 82 % einen Mangel an Personal. Zudem beklagen 77 % eine unzureichende Finanzierung und 72 % fehlende Wertschätzung.
Nur 12,5 % der Befragten geben an, genügend Zeit für zentrale Kernaufgaben zu haben. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beziffert die Studie auf 48,5 Stunden an allgemeinbildenden Schulen sowie 47,6 Stunden an beruflichen Schulen. Allein an allgemeinbildenden Einrichtungen entfallen wöchentlich im Schnitt 11,1 Stunden auf Verwaltungsaufgaben.
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Die Beilegung von Konflikten nimmt rund 5 Wochenstunden ein, nachdem dieser Wert im Jahr 2023 noch bei 3,6 Stunden gelegen hatte. Als weitere Herausforderungen nennen 86 % psychische Probleme bei Schülern, während 51 % den Lehrkräftemangel anführen. Insgesamt 92 % der Schulleitungen sind der Auffassung, dass die Bildungspolitik zu weit von der schulischen Praxis entfernt sei.
Verbände fordern Entlastung und Arbeitszeiterfassung
Anlässlich des Weltlehrkräftetags und des 60. Jahrestags der UNESCO/ILO-Empfehlung von 1966 formulieren Verbände wie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) weitreichende Forderungen. Sie verlangen unter anderem mehr Demokratie-, Politik- und Medienbildung, Schutz vor Bedrohungen und digitaler Gewalt, zusätzliche Fortbildungen gegen Desinformation sowie den Ausbau multiprofessioneller Teams.
Lehrkräftemangel und Arbeitsdruck gefährdeten zunehmend den staatlichen Bildungsauftrag. Der vrb Hessen drängt zudem auf praxistaugliche Vorlagen für Schutzkonzepte, damit Schulen diese nicht isoliert selbst erarbeiten müssen.
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Gleichzeitig verschärft sich die debaTte um die Arbeitszeiterfassung nach dem entsprechenden Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Während die GEW Thüringen eine vollständige Dokumentation fordert, verweist das dortige Bildungsministerium auf den bürokratischen Aufwand.
Während in Bremen im Schuljahr 2026/27 ein Pilotprojekt angelaufen ist, befindet sich ein entsprechendes Vorhaben in Sachsen in Arbeit, wo Lehrkräfte im Schuljahr 2026/27 freiwillig Arbeitszeitkonten nutzen können. Im Nachbarland Sachsen-Anhalt berichtet der Lehrerverband unterdessen von Dutzenden unbeantworteten Überlastungsanzeigen.
In Mecklenburg-Vorpommern fordert der VBE rund 5.000 neue Pädagogen binnen fünf Jahren und kündigte für den 27. Oktober eine Protestaktion an. Die dortige Landesregierung hatte zuletzt 690 Einstellungen im laufenden Jahr und 3.600 Nachbesetzungen für die kommenden Jahre avisiert.
Zudem fordert die GEW vor Ort eine schrittweise Absenkung der Pflichtstundenzahl von derzeit 27 beziehungsweise 27,5 an Grundschulen auf 25 Wochenstunden, was das Land schätzungsweise 50 Millionen Euro pro Stunde und Jahr kosten würde.
