Schulleitungen unter Druck: 94 Prozent klagen über fehlende Entlastung
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 08:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die mentale Belastung in Führungspositionen rückt zunehmend in den Fokus der Arbeitswelt. In einem Gespräch mit dem Magazin Der Spiegel thematisierte der Psychiater Bert te Wildt die Erschöpfung bei Führungskräften sowie Ansätze zur eigenen Prävention. Zwar nannte der Teaser des Beitrags keine konkreten Maßnahmen, doch unterstreicht die Debatte ein strukturelles Phänomen, das sich quer durch Betriebe und Institutionen zieht.
Zunehmende Fehlzeiten und Krankheitsursachen
Die statistischen Auswirkungen psychischer Überlastung spiegeln sich deutlich in aktuellen Gesundheitsdaten wider. Nach einer Auswertung der DAK unter rund 111.000 berufstätigen Versicherten in Schleswig-Holstein stiegen psychisch bedingte Krankschreibungen im ersten Halbjahr 2026 um 15 Prozent.
Die Fehltage je 100 Beschäftigte kletterten dabei von 187 im ersten Halbjahr 2025 auf 214 im ersten Halbjahr 2026, womit sie die häufigste Ursache für Ausfälle darstellten.
Psychische Erkrankungen sind nach Angaben von Andreas Meyer-Lindenberg die Hauptursache für Frühberentungen und stellen einen wesentlichen Grund für langwierige Arbeitsunfähigkeiten dar. Professorin Claudia Buengeler von der Universität Kiel hält fest, dass psychische Erkrankungen im Schnitt zu einem Ausfall von rund einem Monat führen.
Dauerhafte Anforderungen ohne ausreichende Ressourcen sowie destruktive Führung beeinträchtigen das Wohlbefinden. Im Gegensatz dazu fördern unterstützendes Leitungsverhalten, machbare Aufgaben und adäquate Erholung die Gesundheit. Bemerkenswert ist zudem, dass die Freizeit an Werktagen Berechnungen zufolge seit rund 40 Jahren nahezu unverändert bei vier Stunden verharrt.
Auch breitere Erhebungen verdeutlichen das Problem. Repräsentative Umfragen des Robert Koch-Instituts belegen, dass depressive und Angstsymptome in Deutschland seit dem Jahr 2020 steigen.
In einer Befragung aus dem Jahr 2024 gaben rund 22 Prozent der Erwachsenen depressive Symptome an; 28 Prozent beurteilten ihr psychisches Wohlbefinden als eher schlecht, während nur rund 11 Prozent es als eher gut einstuften. Die ambulanten Diagnosen depressiver Störungen erreichten im Jahr 2023 rund 17 Prozent, während die Zahlen für 2025 noch nicht abschließend ausgewertet waren.
Jüngere Erwachsene und insbesondere Frauen sind überdurchschnittlich oft betroffen. In Österreich ergab eine Sendungsbeschreibung des ORF zur Serie „Unter Druck“, dass sich 70 Prozent der Menschen dort häufig gestresst fühlen, wobei chronische Überlastung ernsthafte Folgen haben kann und die individuelle Bewertung sowie persönliche Ressourcen den Ausschlag geben.
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Belastungsfaktoren in Leitungs- und Fachpositionen
Besonders deutlich wird die Verdichtung der Aufgaben an der Schnittstelle von Verantwortung und Ressourcenmangel. Die Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026, für die das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (FiBS) im Frühjahr 2026 die Angaben von 2.066 Schulleitungen auswertete, zeigt das Ausmaß der Beanspruchung: 94 Prozent klagten über wachsende Anforderungen ohne ausreichende Entlastung, 83 Prozent sahen bürokratische Hürden und 82 Prozent Personalnot.
Nur 12,5 Prozent verfügten über genügend Zeit für Kernaufgaben. Schulleitungen an allgemeinbildenden Schulen kamen im Schnitt auf 48,5 Wochenstunden (davon rund 11,1 Stunden für Verwaltung), an beruflichen Schulen auf 47,6 Stunden. Konfliktlösungen beanspruchten rund fünf Stunden pro Woche – nach 3,6 Stunden im Jahr 2023. Insgesamt meldeten 55 Prozent einen Rückgang der Zufriedenheit binnen zwölf Monaten.
Technologische Veränderungen führen derweil zu ungleichen Effekten zwischen den Hierarchieebenen. Eine Umfrage des Unternehmens Snowflake unter 200 Daten- und IT-Beschäftigten zeigte, dass 68 Prozent der Führungskräfte, jedoch nur 55 Prozent der Angestellten eine Entlastung durch künstliche Intelligenz verspüren.
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Während 89 Prozent der deutschen IT-Abteilungen von Produktivitätszuwächsen und 87 Prozent von Zeitersparnis berichten, verzeichneten 20 Prozent der Fachkräfte – aber nur 11 Prozent der Führungskräfte – eine gestiegene tägliche Belastung.
Präventive Ansätze zur Stressregulation
Fachleute betonen, dass erfolgreiches Stressmanagement nicht auf der Vermeidung von Aufgaben beruht, sondern auf wirksamen Bewältigungsstrategien. Überlastung entsteht vor allem dort, wo hohe Anforderungen auf fehlende Ressourcen treffen. Ein vom Arbeitsergebnis entkoppelter Selbstwert, klare Zielsetzungen, ausreichender Schlaf, Pausen und Bewegung gelten als zentrale Hebel gegen Erschöpfung.
Zudem wird vor den Risiken von Workaholismus gewarnt, der mit erhöhtem Ruhepuls, schlechterem Schlaf und einer Schwächung des Immunsystems einhergeht. Forschende der Universität Oslo wiesen nach, dass ritualisierte Abkoppelungsprozesse nach Arbeitsende den subjektiven Stress spürbar senken.
Feste Erholungsfenster – etwa definierte Sporteinheiten und bildschirmfreie Pausen direkt im Anschluss – bieten Beschäftigten und Leitungsverantwortlichen verlässliche Strukturen, um eine dauerhafte Überlastung abzuwenden.
