Schulkinder-Studie, Gesundheits-

Schulkinder-Studie: 69% fühlen sich wöchentlich erschöpft

Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 15:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neue Gesundheits- und Bildungsdaten zeigen mehr psychische Belastungen, Defizite bei Kompetenzen und wachsenden Bedarf an Unterstützung für Kinder.

Psychische Gesundheit junger Menschen: Studien zeigen wachsende Belastungen
Ein sonniger, leerer Schulhof mit Spielgeräten und Holzbänken an einem Herbsttag. Illustration mit AI erstellt.

Anlässlich des bevorstehenden Weltkindertags 2026 rückt die mentale Verfassung von Heranwachsenden verstärkt in den Fokus. Unter dem Leitgedanken „Starke Kinder, starke Zukunft!“ mahnt der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) die dringende Notwendigkeit an, die psychische Gesundheit junger Menschen nachhaltig zu stärken.

Eine Reihe aktueller Erhebungen und Fachberichte zeichnet ein deutliches Bild der wachsenden Herausforderungen, denen Kinder und Jugendliche im Alltag und Bildungssystem gegenüberstehen.

Steigende Belastungsmuster und Bildungsdefizite

Nach Einschätzung des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen verdeutlicht die seit 2020 durchgeführte COPSY-Studie, dass krisenhafte Entwicklungen die psychischen Belastungen junger Menschen in Deutschland kontinuierlich verstärken.

Dieser Trend spiegelt sich auch im Deutschen Schulbarometer 2025/26 wider, demzufolge die erfassten Belastungen erstmals seit den Einschränkungen der Pandemiejahre wieder ansteigen. Parallel dazu verweist der BDP auf die Ergebnisse der PISA-Studie, bei der deutsche Schülerinnen und Schüler die historisch schwächsten Resultate seit Beginn der Messungen verzeichneten.

Auch das Deutsche Kinderhilfswerk und UNICEF Deutschland mahnen unter dem gemeinsamen Motto mehr Engagement für Kinderrechte und seelische Stabilität an. Regional greifen Kommunen den Appell auf: In Iserlohn richtet die Stadtverwaltung am Samstag, 26. September, von 10 bis 16 Uhr auf dem Alten Rathausplatz ein Kinder- und Familienfest aus, das Bürgermeister Michael Joithe gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendrat eröffnet.

Empirische Befunde aus dem Gesundheitssektor

Umfangreiche Auswertungen gesetzlicher Krankenkassen unterstreichen die Zunahme spezifischer Störungsbilder und Versorgungsbedarfe. Der DAK-Kinder- und Jugendreport für Nordrhein-Westfalen weist für das Jahr 2024 bei rund 44.100 Heranwachsenden eine Neudiagnose von ADHS aus, was einer Inzidenz von 17 je 1.000 entspricht.

Gegenüber 2023 bedeutet dies einen Zuwachs von 19 Prozent. Dabei verzeichneten Mädchen ein Plus von 29 Prozent und Jungen von 14 Prozent. Insgesamt waren im Jahr 2024 5,3 Prozent der 3- bis 17-Jährigen im Bundesland mit einer ADHS-Diagnose erfasst – das entspricht rund 136.200 Betroffenen.

Anzeige

Wer sich täglich mit hoher psychischer Belastung konfrontiert sieht, braucht wirksame Strategien zur Stressbewältigung. Dieser kostenlose Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie mit praktischen Achtsamkeitsübungen und 5 Sofortmaßnahmen wieder zu mehr innerer Ruhe finden. Gratis E-Book für mehr Ausgeglichenheit herunterladen

Bei Grundschulkindern lag der Wert bei 25,3 Neuerkrankungen je 1.000. Die Auswertung basiert auf 149.600 Versicherten und 7,9 Millionen Versorgungskontakten von 2019 bis 2024.

Ergänzend befragte das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) für den DAK-Präventionsradar über 30.000 Schulkinder der Jahrgangsstufen 5 bis 10 aus 15 Bundesländern. Demnach verfügen knapp 90 Prozent über eine unzureichende Gesundheitskompetenz.

Fast die Hälfte klagt über Schlafprobleme, was einem Anstieg von 36 Prozent im Schuljahr 2019/20 auf nunmehr 46 Prozent entspricht. 69 Prozent der Befragten fühlen sich mindestens einmal wöchentlich erschöpft – vor drei Jahren lag dieser Wert noch bei 52 Prozent. Fast drei Viertel der Teilnehmenden sprechen sich für die Einführung eines Schulfachs Gesundheit aus.

Der AOK-Kindergesundheitsatlas 2026, für den 5.000 Eltern im Rheinland und in Hamburg befragt wurden, bestätigt erhebliche Präventionsdefizite: 86 Prozent der Kinder erreichen die Bewegungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation von 60 Minuten täglich nicht.

Bei 55 Prozent liegt mindestens eine diagnostizierte oder vermutete chronische Erkrankung vor, während 24 Prozent unter multiplen psychosomatischen Beschwerden leiden. Lediglich 53 Prozent der Eltern verfügen über eine ausreichende Gesundheitskompetenz.

Laut Body-Mass-Index gelten 11 Prozent der Heranwachsenden als adipös. Zudem überschreiten 23 Prozent der 7- bis 10-Jährigen die empfohlenen Bildschirmzeiten durch die Nutzung Sozialer Medien.

Auf internationaler Ebene liefert eine Übersichtsarbeit der University of Southampton über zwölf Studien mit mehr als 23.000 Teilnehmenden weitere Erklärungsansätze. Die Autorinnen Hannah Ravenhall und Sarah Chellappa stellten fest, dass Ängste bei Jugendlichen eng mit sozialem Jetlag verknüpft sind.

Vor dem Hintergrund von WHO-Angaben, nach denen je nach Altersgruppe vier bis fünf Prozent der Teenager unter Angststörungen leiden, empfehlen die Forscherinnen einen späteren Schulbeginn.

Strukturelle Defizite und Präventionsansätze im Bildungswesen

Im schulischen Kontext wächst der Handlungsdruck. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) fordert angesichts der höchsten Schülerzahlen in Bayern seit 15 Jahren ein Sondervermögen Bildung. Mit Verweis auf PISA hält der Verband fest, dass ein Drittel der Kinder die Mindeststandards im Lesen und Rechnen verfehlt und ein Viertel in den Naturwissenschaften.

An bayerischen Grund- und Mittelschulen gibt es 5.500 zusätzliche Schüler, wofür mindestens 500 Vollzeitkräfte fehlen. Bundesweit beträgt der Investitionsrückstand bei Schulgebäuden laut KfW-Kommunalpanel 2025 insgesamt 67,8 Milliarden Euro.

Für den Raum München plant der BLLV München bis 2027 zwar 21.000 neue Ganztags-, Hort- und Mittagsbetreuungsplätze sowie 1.900 zusätzliche Stellen. Dennoch fehlen auch hier mindestens 500 Vollzeitkräfte für die 5.500 zusätzlichen Grund- und Mittelschüler.

Laut dem Bayerischen Bildungsmonitor 2026 belegt der Freistaat Platz zwei bei Bildungsarmut und Schulqualität, während der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss mit 5,9 Prozent bundesweit am niedrigsten liegt. In der Wirtschaft sorgt die Lage für Besorgnis: Die IHK Reutlingen mahnt nach den PISA-Ergebnissen eine Konzentration auf Basiskompetenzen an.

Laut einer regionalen Ausbildungsumfrage erkennen 92 Prozent der 232 befragten Betriebe Defizite bei der Ausbildungsreife. Die Kammer setzt auf rund 200 Bildungspartnerschaften und 250 Ausbildungsbotschafter aus 50 Berufen.

Zugleich fühlen sich Lehrkräfte auf psychosoziale Herausforderungen unzureichend vorbereitet. Eine Befragung von 44 Lehrkräften im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ergab, dass sich 90 Prozent im Studium schlecht (57 Prozent) oder relativ schlecht (33 Prozent) auf Lernschwierigkeiten vorbereitet fühlten. 88 Prozent gaben an, den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern nicht erlernt zu haben.

Anzeige

Eine gute Kommunikation und die Fähigkeit, in schwierigen Situationen Vertrauen aufzubauen, sind für die Begleitung junger Menschen essenziell. Dieser kostenlose Leitfaden vermittelt psychologische Grundlagen, um Teams sicher zu führen und die psychologische Sicherheit nachhaltig zu stärken. Kostenloses E-Book zu Führungspsychologie sichern

Gewünscht wurden Schwerpunkte in Elternberatung (70 Prozent), Schulpsychologie (63 Prozent) und Pädagogik (52 Prozent), wohingegen das Bayerische Kultusministerium die Ausbildung als ausreichend bewertet.

Niedrigschwellige Hilfsangebote und Forschung

Zur Abfederung der Krisenfolgen etablieren sich unterschiedliche Unterstützungsformate. In Österreich verzeichnet das Rote Kreuz Oberösterreich eine Verdreifachung der Nachfrage nach Psychischer Erster Hilfe seit deren Einführung im Jahr 2023. Im Schuljahr 2025/26 nahmen 2.194 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren an 106 Workshops des Jugendrotkreuzes teil.

Zudem bildete die Organisation im letzten Schuljahr 948 Lehrkräfte in 38 Kursen nach dem Ansatz des Hinschauens, Zuhörens und Weitervermittelns aus (Vorjahr: 222 Personen in elf Kursen).

In der Schweiz erprobten die Stiftung G'Art, Hotel & Gastro Union und Gastro Luzern in der Thermoplan-Arena das erste Luzerner Lernendenforum zu mentaler Gesundheit mit rund 200 Teilnehmenden in vier Fachworkshops.

In Basel starteten die UPK Basel, die FHNW, die Psychiatriekommission und das Gesundheitsdepartement das zweijährige Pilotprojekt „Ansprechbar“, bei dem geschulte Gleichaltrige dreimal wöchentlich im Café Finkmüller ohne Voranmeldung als Ansprechpartner fungieren; laut UPK-Psychologin Christina Stadler empfindet fast jede dritte Person in der Schweiz häufig Einsamkeit.

In Bremen beginnt nach den Herbstferien an allen 25 Startchancen-Grundschulen das dreizehn- bis vierjährige Förderprogramm „Mitsprache“ der Stiftung Fairchance.

Geplant sind Kleingruppen mit maximal sieben Kindern bei fünf Wochenstunden, ergänzt durch eine App-basierte Sprachstandserfassung innerhalb von 8 bis 12 Minuten. Ab dem Schuljahr 2026/27 sind täglich vier Stunden Sprachförderung sowie eine Stunde zu sozial-emotionalen Kompetenzen vorgesehen.

Ergänzende Erkenntnisse zu den Ursachen liefert die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Verbundstudie COMO (2023–2026) unter Leitung des Karlsruher Instituts für Technologie zusammen mit der PH Karlsruhe, dem UKE Hamburg sowie den Universitäten Konstanz und Bochum, deren zentrale Ergebnisse im Rahmen einer digitalen Abschlusskonferenz am Mittwoch, 23. September, vorgestellt werden.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70111048 |