Schmerzversorgung: 23 Millionen Betroffene, doch nur jeder Elfte erreicht Spezialisten
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 08:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Chronische Schmerzen ohne klar erkennbare Ursache stellen Ärzte und Physiotherapeuten vor eine besondere Herausforderung. Weder medikamentöse Dauertherapie noch Schonung führen zuverlässig zur Besserung. Aktuelle Ansätze aus Medizin und Physiotherapie setzen deshalb zunehmend auf die Wiedererlangung der Bewegungskontrolle und auf multimodale, ganzheitliche Konzepte statt auf reine Schmerzunterdrückung.
Bewegungskontrolle statt Schonung
Die Physiotherapeutin Aline Grandjean, Leiterin eines Gesundheitszentrums in Châtel und Pilates-Trainerin, beschreibt das Ziel der Physiotherapie bei chronischen Schmerzen als Wiedererlangung automatischer, fliessender Bewegung ohne ständige kognitive Kontrolle.
Viele Betroffene entwickeln laut Grandjean eine Angst vor Bewegung, die sogenannte Kinesiophobie, die die Rehabilitation bremst. Zum Vergleich verweist sie darauf, dass bei Sportlern die motorische Kontrolle deutlich stärker ausgeprägt ist. Der Ansatz zielt damit weniger auf das Vermeiden von Belastung als auf das schrittweise Zurückgewinnen von Vertrauen in den eigenen Körper.
Medikamentöse Therapie: Umstieg weg von hochpotenten Opioiden
Parallel zu bewegungsorientierten Konzepten verändert sich auch die medikamentöse Schmerztherapie. Das Klinikum Oldenburg stellt seine Schmerztherapie von Oxycodon auf Hydromorphon um, wie im September 2026 berichtet wurde.
Grund ist das rasche Abhängigkeitspotenzial von Oxycodon: Laut Dr. Dr. Carsten Bantel, Leiter der Schmerztherapie am Klinikum Oldenburg, entfaltet sich dieses bereits innerhalb weniger Wochen. Hydromorphon wirke weniger abrupt, könne aber ebenfalls abhängig machen.
Patienten, die bereits auf Oxycodon eingestellt sind, erhalten das Medikament weiterhin. Die Problematik hat auch eine internationale Dimension: Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC sterben jährlich über 100.000 Menschen im Zusammenhang mit Opioid-Missbrauch.
Versorgungslücke bei spezialisierter Schmerztherapie
Wie dringend alternative und ganzheitliche Ansätze gebraucht werden, zeigt die Versorgungssituation in Deutschland. Claudia Pirch, Leitende Ärztin am Fachzentrum Schmerzmedizin der Schön-Klinik Eckernförde, schätzt die Zahl der Schmerzpatienten in Deutschland auf rund 23 Millionen, davon etwa 5 Millionen mit schweren, dringend behandlungsbedürftigen Schmerzen.
Als chronisch gilt ein Schmerz ab einer Dauer von drei Monaten. Die Wartezeit bis zum Erstkontakt in einer Schmerzambulanz kann laut Pirch 5 bis 7 Jahre betragen. Mit weniger als 1.500 niedergelassenen Schmerztherapeuten in Deutschland – mindestens fünfmal so viele wären nötig – erreicht nach ihren Angaben nur jeder elfte Betroffene überhaupt einen Spezialisten.
Die Schön-Klinik Eckernförde selbst behandelt jährlich 200 bis 300 Patienten, 2026 waren es über 300. Drei von vier Patienten geht es laut Klinik danach besser, bei einem stationären Aufenthalt von in der Regel 14 Tagen und zwei Stunden Erstdiagnostik. Zur Aufklärung bietet die Klinik am 6. Oktober um 18 Uhr im Technik- und Ökologiezentrum Eckernförde einen kostenfreien Infoabend an.
Wenn die Wartezeit auf Fachtermine zu lang ist, können gezielte Akupressur-Techniken eine erste eigenständige Hilfe bieten. Dieser bebilderte PDF-Guide zeigt Schritt für Schritt, wie Sie Arthrose-Beschwerden und Gelenkschmerzen selbst aktiv lindern können – ohne Arztbesuch und ohne Hilfsmittel. 101 Druckpunkte gegen Arthrose jetzt kostenlos herunterladen
Neurowissenschaftliche Perspektive: Das Gehirn als Schmerzgenerator
Einen neurologischen Erklärungsansatz liefert Dr. Eric Anderson, Neurologe und Chief Medical Officer bei Lin Health in Denver. Anlässlich des Pain Awareness Month im September 2026 betonte er, dass Schmerzen grundsätzlich vom Gehirn und Nervensystem erzeugt werden – ein Mechanismus, der als zentrale Sensibilisierung bezeichnet wird.
Dieses Verständnis liegt auch dem Programm von Lin Health zugrunde, das auf einen virtuellen Schmerz-Recovery-Coach sowie Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie, emotionsfokussierte Expositionstherapie und Acceptance-and-Commitment-Therapie setzt.
Nach Angaben des Unternehmens erfahren 92 Prozent der Teilnehmenden eine signifikante Verbesserung, die Schmerzintensität sinkt im Schnitt um 45 Prozent, und 59 Prozent der Patienten mit mittleren bis starken Schmerzen reduzieren diese nach sechs Monaten auf ein geringes oder gar kein Niveau.
Konservative Ansätze vor operativen Eingriffen
Auch bei strukturellen Gelenkproblemen rückt die konservative Therapie stärker in den Vordergrund. Prof. Arasch Wafaisade, Leiter der Schulterchirurgie am Krankenhaus Köln-Merheim, betont, dass eine Schulterprothese erst nach Ausschöpfung konservativer Maßnahmen wie Physiotherapie und Medikamenten infrage kommen sollte.
Nach 15 Jahren funktionieren laut Wafaisade noch rund 90 Prozent der eingesetzten Prothesen zuverlässig. Eine Infoveranstaltung zur Schulterarthrose findet am 10. November 2026 von 17 bis 19 Uhr im VHS Forum am Neumarkt in Köln statt.
Ähnlich äußert sich Dr. Simeon Geronikolakis, Sportmediziner und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in Ludwigsburg, zu Verletzungen des hinteren Kreuzbands: Ein isolierter Riss sei nicht automatisch operationspflichtig, eine konservative Behandlung mit Orthese, Physiotherapie und Reha sei möglich.
Nach einer Operation sei dagegen eine mehrmonatige Rehabilitation zum Remodelling des Sehnentransplantats notwendig. Präventionstraining könne das Risiko einer solchen Verletzung senken.
Wer auf konservative Methoden setzt, kann mit minimalem Zeitaufwand viel für die Stabilität seiner Gelenke tun. Ein renommierter Orthopäde verrät 17 Übungen, die in nur 3 Minuten täglich sofortige Linderung bringen und den Muskelaufbau unterstützen – jetzt kostenlos als PDF anfordern. 17 Wunderübungen für zuhause gratis sichern
Bewegungstherapie bei Arthrose und rheumatoider Arthritis
Bei Arthrose, einer degenerativen, nicht heilbaren Gelenkerkrankung, setzen Behandlungsansätze auf Bewegung im kompletten Bewegungsradius, Traktion, isometrischen Muskelaufbau, das Ausrollen von Faszien sowie physikalische Therapien. Der Gelenkknorpel wird über die Gelenkflüssigkeit durch wechselnden Druck versorgt, weshalb Bewegung statt Schonung im Vordergrund steht.
Zu den Risikofaktoren zählen Alter, Geschlecht, Veranlagung, Belastung, Übergewicht, Verletzungen und Diabetes. In den Wechseljahren entfällt der schützende Effekt des Östrogens, weshalb Frauen nach dem 50. Lebensjahr häufiger und schwerer erkranken.
Nach Daten des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2024 sind mehr als jede fÜnfte Frau und gut 12 Prozent der Männer ab 18 Jahren betroffen, bei über 65-Jährigen liegt der Anteil deutlich höher. Am häufigsten betroffen sind Knie-, Hüft- und Fingergelenke sowie die Wirbelsäule; beim Laufen lastet das Drei- bis Vierfache des Körpergewichts auf dem Kniegelenk.
Bei der rheumatoiden Arthritis, von der laut Deutschem Rheuma-Forschungszentrum etwa 700.000 Menschen in Deutschland betroffen sind, empfehlen Fachleute neben medikamentöser Therapie mit Methotrexat und gegebenenfalls Biologika wie Adalimumab, Etanercept oder Infliximab auch eine antientzündliche Ernährung und gelenkschonende Bewegung – etwa Aquafitness, Schwimmen, Nordic Walking, Radfahren, Tai-Chi, Qigong oder Yoga.
Kortison soll laut Leitlinie auf eine Dauer von drei Monaten beschränkt bleiben. Nach Angaben des WIdO-Gesundheitsatlas sind in Deutschland etwa eine Million Menschen betroffen, Frauen häufiger als Männer, mit Diagnose meist nach dem 50. Lebensjahr.
Dehnen als eigenständige Trainingsform
Auch die Forschung zum therapeutischen Dehnen liefert neue Impulse für ganzheitliche Behandlungskonzepte. Konstantin Warneke von der Leuphana-Universität Lüneburg weist darauf hin, dass langes, intensives Dehnen eine hohe Spannung auf der Muskelfaser erzeugt, vergleichbar mit Krafttraining.
Die optimale Dehnzeit ist laut Warneke noch unklar, vermutet wird ein Zeitraum von täglich 15 bis 30 Minuten über mehrere Wochen, wobei die Dehnung regelmäßig nachjustiert werden muss.
Studien zeigen, dass 15 Minuten Dehnen an vier Tagen pro Woche bei der Brustmuskulatur ähnliche Kraftzuwächse erzielen können wie übliches Krafttraining an drei Tagen pro Woche – ein Befund, der für Gesunde allerdings als weniger praxisrelevant gilt.
Weitere Angebote und Forschung
Ergänzend zu diesen Ansätzen bietet die Klinik am Steigerwald in Gerolzhofen am 18. Oktober 2026 von 11 bis 14 Uhr einen Infotag zu Rückenschmerzen an, bei dem Chefärztin Dr. Silke Gerland einen integrativen Behandlungsansatz aus Schulmedizin, traditioneller chinesischer Medizin und Naturheilverfahren vorstellt. Die Anmeldung kostet 30 Euro.
Auch bei jungen Patienten rückt Bewegungstherapie stärker in den Fokus: Die Universitätskliniken Essen und Köln untersuchen im Projekt BEPPO, gefördert mit rund 7,3 Millionen Euro über 3,5 Jahre durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses, die Wirkung von Sport- und Bewegungstherapie bei krebskranken Kindern und Jugendlichen.
An 13 kinderonkologischen Zentren nehmen 346 Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren teil, die Interventionsgruppe erhält ein sechsmonatiges Bewegungsprogramm sowie vier familienorientierte Bewegungsberatungen.
Bewegungstherapie ist derzeit kein fester Bestandteil der Regelversorgung in der Kinderonkologie. Projektpartner sind die AOK Rheinland/Hamburg, die Barmer, die DAK-Gesundheit und die Techniker Krankenkasse, die Konsortialführung liegt beim Uniklinikum Essen.
