Schmerzunterschiede: Frauen melden in elf Körperregionen bis zu 83 Prozent mehr Schmerz
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 07:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deChronische Schmerzerkrankungen wie Migräne, das Reizdarmsyndrom, Endometriose und Fibromyalgie treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern. Warum Schmerzen zwischen den Geschlechtern derart unterschiedlich verlaufen und wahrgenommen werden, rückt zunehmend in den Fokus medizinischer Fachmedien und wissenschaftlicher Veröffentlichungen.
Aktuelle Analysen und Expertenbeiträge beleuchten die komplexen biologischen, immunologischen und pharmakologischen Ursachen hinter diesen Unterschieden.
Hormonelle Einflüsse und immunologische Pfade
Dass geschlechtsspezifische Schmerzunterschiede tief in der Biologie verankert sind, verdeutlichte Prof. Dr. Esther Pogatzki-Zahn mit Verweis auf eine Übersichtsarbeit in einem Frauengesundheits-Special der Fachzeitschrift Science (DOI: 10.1126/science.aeh4468). Demnach beeinflussen Sexualhormone, das Immunsystem und das Darmmikrobiom maßgeblich die Entstehung sowie die zeitliche Dauer von Schmerzen.
Der Anästhesist Juan Martínez von der Schmerzklinik der Policlínica Gipuzkoa führt Schmerzunterschiede zwischen den Geschlechtern auf hormonelle und neurobiologische Faktoren zurück, nicht etwa auf Mutterschaft.
Hohe Östrogenspiegel wirken demnach schützend, während niedrige Werte, wie sie etwa prämenstruell vorkommen, schmerzverstärkend wirken können. Progesteron senke bei niedrigen Spiegeln die Schmerzschwelle, wohingegen Testosteron die Schwelle anhebe und entzündungshemmend wirke.
Auch auf immunologischer Ebene unterscheiden sich die Reaktionen: Laut Martínez verläuft die Schmerzverarbeitung bei Männern primär über Mikroglia und Makrophagen, während bei Frauen T-Zellen und B-Zell-Autoimmunantworten dominieren.
Bei der Therapie führe dies dazu, dass Frauen teils höhere Opioid-Dosen benötigen und mehr Nebenwirkungen erleiden, gleichzeitig jedoch besser auf Kappa-Rezeptor-Agonisten ansprechen. Martínez mahnt zugleich vor einer Übergeneralisierung, da individuelle Resilienz von zahlreichen Faktoren abhänge.
Globale Daten belegen systematische Diskrepanzen
Das Ausmaß der geschlechtsspezifischen Unterschiede wird durch eine umfassende Untersuchung in Nature Medicine unterstrichen. Für die Studie analysierten fast 100 Forschende Daten von 6.125.459 Personen aus 118 Ländern.
Das Ergebnis: Frauen gaben in elf untersuchten Körperregionen systematisch 10 % bis 83 % stärkere Schmerzen an als Männer. Gesichtsschmerzen wurden von Frauen um 83 % häufiger berichtet, Kopfschmerzen um 74 % häufiger.
Unabhängig vom Geschlecht war der Rücken mit einer Prävalenz von 40 % die am häufigsten betroffene Körperregion, während Gesichtsschmerzen mit 2 % am seltensten vorkamen. Insgesamt steigt die Schmerzprävalenz vor dem 55. Lebensjahr am schnellsten an; Beschwerden an Rücken, Hüfte und Knien nehmen bis ins hohe Alter weiter zu.
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Studienleiter Matt Fillingim von der McGill-Universität betonte, dass es keine einzelne Erklärung für diese Diskrepanz gebe, sondern ein Zusammenspiel biologischer und sozialer Faktoren vorliege. Er empfahl, gezielte Prävention bereits bei Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren anzusetzen.
Die Auswertung zeigte zudem eine Schmerzprävalenz von 30 % im Alter von 5 Jahren und 70 % im Alter von 100 Jahren. Rund 18 % der Schmerzfälle werden auf Risikofaktoren wie Rauchen, Adipositas und geringes Einkommen zurückgeführt. In ärmeren Ländern leiden ältere Menschen doppelt so häufig unter Rückenschmerzen wie in reicheren Staaten.
Relevanz für Medikation und klinische Praxis
Die geschlechtsspezifischen Mechanismen wirken sich direkt auf die Pharmakokinetik aus. Prof. Marion Kiechle vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München wies darauf hin, dass Zyklusschwankungen die Aktivität von Leberenzymen und folglich den Abbau bestimmter Arzneistoffe beeinflussen können. Dies gelte insbesondere für Substanzen mit enger therapeutischer Breite, etwa bei Migräne-, Epilepsie- oder Psychopharmaka.
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Eine Arbeit von Hanjun Zhang aus dem Jahr 2024 zeigte beispielhaft, dass Wirkstoffe wie Diazepam und Theophyllin in der Follikelphase bei niedrigem Östrogenspiegel schneller, in der Lutealphase hingegen langsamer abgebaut werden, was zu höheren Wirkstoffspiegeln im Blut führen kann.
Trotz dieser biologischen Realitäten bestehen im Versorgungsalltag Ungleichheiten. Eine 2024 im Fachjournal PNAS veröffentlichte Untersuchung von Notaufnahmedaten von über 21.000 Schmerzpatienten in den USA und Israel belegt, dass Frauen seltener Schmerzmittel verabreicht bekamen, ihre Schmerzwerte seltener dokumentiert wurden und ihre Aufenthalte rund 30 Minuten länger dauerten als jene von Männern. Fachgesellschaften fordern daher eine stärkere Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Parameter in Diagnostik und Therapie.
