Schmerzmittelsucht: Eine Million Menschen betroffen – Experte fordert Kontrolle
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 19:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Suche nach schonenden Ansätzen zur Schmerzlinderung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Um die Abhängigkeit von klassischen Schmerzmitteln zu verringern, rücken neben Verfahren wie der Akupressur bei Migräne auch pflanzliche Wirkstoffe, Bewegungskonzepte und multimodale Therapien in den Fokus von Medizin und Forschung.
Der Bedarf an risikoärmeren Behandlungsformen erklärt sich vor allem aus den gravierenden Nebenwirkungen und Suchtrisiken, die mit dem dauerhaften Gebrauch etablierter Präparate einhergehen.
Risikos und Grenzen synthetischer Schmerzmittel
In Deutschland sind nach Angaben von Michael Fritz, dem Leiter der Schmerztherapie am SRH-Klinikum Karlsbad-Langensteinbach, etwa eine Million Menschen von einer Schmerzmittelsucht betroffen. Fritz fordert vor diesem Hintergrund eine verbindliche Bestandsaufnahme nach spätestens drei Monaten Opiat-Einnahme.
Schwere Abhängigkeitsverläufe verdeutlichen die Problematik: Betroffene griffen über Jahrzehnte hinweg auf hohe Dosen des Opioids Tilidin oder auf den Schwarzmarkt zurück, ehe der Ausstieg über einen Klinikaufenthalt und monatelanges Ausschleichen gelang.
Auch rezeptfreie Medikamente bergen bei unsachgemäßer Anwendung Gefahren. Während Ibuprofen in der Dosierung 400 mg frei verkäuflich ist, unterliegt die Dosis von 600 mg der Verschreibungspflicht.
Nach Einschätzung des spanischen Apothekers Mariano Giménez unterscheidet sich die schmerzstillende Wirkung von 400 mg und 600 mg kaum, doch die höhere Dosierung steigert das Risiko für Magenprobleme und Magenblutungen. Eine langfristige Einnahme erhöht das Risiko gastrointestinaler Blutungen um das Vierfache.
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Zudem treten Beschwerden wie Sodbrennen, Übelkeit und Durchfall bei 1 bis über 10 Prozent der Anwender auf. Neben den gesundheitlichen Aspekten belastet die Medikation auch Gewässer: Jährlich gelangen rund 1800 Tonnen Arzneimittelrückstände, darunter Ibuprofen und Paracetamol, in die Ostsee.
Ätherische Öle und pflanzliche Wirkstoffe
Als lokale Alternativen oder Ergänzungen bieten sich verschiedene Naturstoffe an. Nelkenöl enthält den Hauptwirkstoff Eugenol, der topisch Schmerzrezeptoren betäubt und entzündungshemmend wirkt; Caryophyllen unterstützt diesen lindernden Effekt.
Bei Kopfschmerzen kann die äußerliche Anwendung von Menthol, einem Bestandteil von Pfefferminzöl, die Schmerzintensität deutlich reduzieren. Klinische Prüfungen und Meta-Analysen belegen zudem, dass Pfefferminzöl über die Entspannung der glatten Muskulatur Beschwerden wie Schmerzen, Blähungen und Durchfall beim Reizdarmsyndrom signifikant mindert.
Weitere Pflanzenextrakte besitzen spezifische Eigenschaften: Zimtöl zeigt beruhigende Effekte in der Aromatherapie und wirkt antibakteriell. Das auf der griechischen Insel Chios gewonnene Mastixharz bekämpft das Bakterium Helicobacter pylori, hilft bei Magengeschwüren sowie Gastritis und besitzt entzündungshemmende Eigenschaften.
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Physische Verfahren und multimodale Schmerztherapie
Neben pflanzlichen Ansätzen spielen physikalische Maßnahmen und Bewegung eine tragende Rolle bei chronischen Beschwerden. Faszienrollen und Selbstmassagen können Verspannungen abbauen, die Durchblutung anregen sowie Blutdruck und Herzfrequenz senken.
Bei Nackenproblemen helfen kurzfristig Wärme und Bewegung, während Schmerzmittel nur über wenige Tage eingenommen werden sollten. Warnzeichen wie Taubheit, Lähmungserscheinungen oder Fieber erfordern jedoch unverzügliche ärztliche Abklärung.
Bei Gelenkbeschwerden wie Knie- und Hüftarthrose besteht eine starke wissenschaftliche Evidenz für gezielte Bewegungstherapie und Gewichtsreduktion. Ein kontrolliertes, langsames Gehtraining auf ebenem Untergrund kann Schmerzen bei Alltagsbelastungen nachhaltig senken, während zu starke Entlastung durch Schwimmen oder Pilates mitunter verhindert, dass das Knie alltäglichen Kräften wieder standhält.
Reichen Einzelmaßnahmen nicht aus, greift die multimodale Schmerztherapie. Stationäre Programme kombinieren die gezielte Reduktion hoch dosierter Medikamente mit Bewegungstherapie und psychologischer Begleitung, um Patientinnen und Patienten nach jahrelangen chronischen Schmerzen neue Handlungsspielräume zu eröffnen.
