Schimpansen: Mütter lehren gezielt Werkzeugnutzung und Fertigkeiten
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 07:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Weitergabe von Werkzeugen und Wissen unter wilden Primaten gilt als zentraler Baustein für das Verständnis evolutionärer Lernprozesse. Eine im Fachjournal „Frontiers in Psychology“ veröffentlichte Untersuchung der Universität Barcelona und des Jane-Goodall-Instituts liefert neue Einblicke in das Verhalten wilder westafrikanischer Schimpansen (Pan troglodytes verus).
In Dindefelo im Südosten Senegals dokumentierten die Wissenschaftler, dass ältere und erfahrenere Tiere gezielt Werkzeuge an jüngere Artgenossen überlassen. Die beobachteten Interaktionen deuten nach Ansicht des Forschungsteams auf frühe Formen des gezielten Lehrens hin.
Langzeitbeobachtung per Kamerafalle im Südosten Senegals
Die Datenbasis der Untersuchung umfasst rund 15 Stunden an Videomaterial, das über einen längeren Zeitraum zusammengetragen wurde. Die Wissenschaftler installierten dafür zwischen 2017 und 2025 an 14 verschiedenen Standorten automatisierte Kamerafallen. Durch die unauffällige Aufzeichnung im natürlichen Lebensraum der Schimpansen gelang es, Verhaltensweisen festzuhalten, die bei direkter menschlicher Anwesenheit selten zu beobachten sind.
Insgesamt registrierten die Forscher der Universität Barcelona und des Jane-Goodall-Instituts 33 Fälle, in denen Werkzeuge von einem Tier an ein anderes weitergegeben wurden. Zudem erfasste das Videomaterial vier Fälle, in denen Früchte direkt übergeben wurden.
Die ursprünglichen Besitzer der genutzten Werkzeuge waren dabei überwiegend erwachsene Tiere, allen voran Weibchen. Auf der Empfängerseite handelte es sich zu 42 Prozent um sehr junge Schimpansen.
Rolle der Mütter und Hinweise auf aktive Wissensvermittlung
Ein bedeutender Teil der dokumentierten Interaktionen spielte sich innerhalb enger Verwandtschaftsverhältnisse ab. In etwa 30 Prozent der Fälle erfolgte die Übergabe von der Mutter an den eigenen Nachwuchs. Der Großteil aller registrierten Übertragungen fand generell zwischen erfahrenen und unerfahrenen Individuen statt, darunter Mutter-Kind-Paare sowie weitere Verwandte.
Die Langzeitaufnahmen aus dem Senegal zeigen: Schimpansen-Mütter lassen ihren Nachwuchs nicht einfach zusehen – sie führen ihn zu vorbereiteten Werkzeugen und machen Fertigkeiten damit greifbar. Genau dieses Muster aus Vorbild und aktiver Begleitung lässt sich auf den Familienalltag übertragen. Kostenlosen Eltern-Ratgeber anfordern
Das Forscherteam um Andreu Sánchez-Megías hebt hervor, dass Mütter die wichtigsten Vorbilder und Lehrerinnen innerhalb der Gemeinschaft darstellen. Das Lernen der Jungtiere vollziehe sich häufig nebenbei durch aufmerksames Beobachten der Älteren.
Einzelne dokumentierte Szenen weisen den Forschern zufolge jedoch über ein rein passives Nachahmen hinaus: So führten Mütter ihre Töchter mitunter direkt zu bereits vorbereiteten Werkzeugen.
Zudem zeigten ältere Jungtiere spezifische Schlagbewegungen vor, die zum Öffnen von Baobab-Früchten erforderlich sind. In derartigen Verhaltensweisen sehen die Forscher der Universität Barcelona und des Jane-Goodall-Instituts deutliche Hinweise auf eine rudimentäre Form des Lehrens.
Einordnung in die Primatenforschung seit Jane Goodall
Die Entdeckung ergänzt ein Forschungsfeld, dessen Grundstein bereits im Jahr 1960 gelegt wurde. Damals beobachtete die Primatologin Jane Goodall erstmals, dass Schimpansen Werkzeuge nicht nur gebrauchen, sondern diese auch gezielt zur Nahrungssuche herstellen – konkret durch das Modifizieren von Zweigen zum Fischen von Termiten.
Viele Eltern fördern ihr Kind, indem sie es beobachten lassen – und wundern sich, wenn Fertigkeiten nicht hängen bleiben. Die Primatenforschung liefert ein anderes Bild: Entscheidend ist der Moment, in dem ein erfahrenes Vorbild gezielt anleitet statt nur vorzumachen. Wie Sie diese Rolle im Alltag einnehmen, zeigt unser Ratgeber in fünf konkreten Schritten. 5 Schritte zum aktiven Lehren entdecken
Die aktuellen Aufzeichnungen aus dem Senegal erweitern dieses Bild nun um den Aspekt des aktiven Transfers: Schimpansen nutzen Werkzeuge demnach nicht ausschließlich für den individuellen Vorteil, sondern stellen funktionsfähige Hilfsmittel auch jüngeren Gruppenmitgliedern zur Verfügung. Dieser soziale Transfer unterstützt den Erwerb komplexer Fertigkeiten und untermauert, wie stark kulturelle und kognitive Traditionen im Alltag von Menschenaffen verankert sind.
