Schaltsekunde, Koordinierte Weltzeit

Schaltsekunde vor dem Aus: Internationale Entscheidung soll am 15. Oktober fallen

Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die internationale Generalkonferenz für Maß und Gewicht will die Schaltsekunde abschaffen. Die finale Bestätigung soll am 15. Oktober in Versailles erfolgen, weil die Ein-Sekunden-Korrekturen zunehmend technische Risiken bergen.

Die Schaltsekunde könnte bald Geschichte sein. (Archivbild) - Bild: picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa
Die Schaltsekunde könnte bald Geschichte sein. (Archivbild) - Bild: picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa

Die Schaltsekunde steht vor dem Aus: Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) will die zusätzliche oder abzuziehende Sekunde abschaffen und die Entscheidung am 15. Oktober im französischen Versailles endgültig bestätigen.

Ausgleich zwischen Atomzeit und Erdrotation

Die Koordinierte Weltzeit (UTC) basiert auf Atomuhren und läuft äußerst konstant. Die astronomische Zeit (UT1) richtet sich dagegen nach der Erdrotation, deren Geschwindigkeit von Tag zu Tag, im Jahresverlauf und über längere Zeiträume leicht schwankt.

Damit beide Zeitskalen höchstens 0,9 Sekunden auseinanderliegen, wird bislang bei Bedarf eine Schaltsekunde eingefügt. Seit Einführung des Verfahrens 1972 geschah dies 27 Mal, zuletzt Ende 2016. Die zusätzliche Sekunde wurde am Ende des 30. Juni oder 31. Dezember eingeschoben, sodass eine Minute 61 Sekunden dauerte.

Technische Systeme sind besonders betroffen

Für Menschen bleibt eine Schaltsekunde meist unbemerkt. In Computersystemen kann die Anpassung jedoch Störungen verursachen. Auch Energieversorgung, Telekommunikation und Verkehr benötigen nach Einschätzung der CGPM eine möglichst konstante Zeit ohne sprunghafte Korrekturen.

Beschleunigte Erdrotation erhöht den Druck

Langfristig bremsen Gezeitenkräfte von Mond und Sonne die Erdrotation. In den vergangenen Jahren hat sie sich allerdings leicht beschleunigt. Dadurch besteht erstmals die Möglichkeit, dass künftig eine Sekunde abgezogen werden müsste, um UTC und UT1 wieder anzugleichen.

Eine solche Minus-Schaltsekunde hat es bisher nicht gegeben. Die Industrie befürchtet erhebliche technische Vorbereitungen und zusätzliche Kosten. Nach dem bisherigen Vorschlag soll die Schaltsekunde deshalb zum 20. Mai 2027 abgeschafft werden.

UTC darf sich stärker von Sonnenzeit entfernen

Geplant ist eine kontinuierliche UTC ohne sprunghafte Ein-Sekunden-Korrekturen. Die koordinierte Weltzeit dürfte künftig bis zu 3.600 Sekunden, also eine Stunde, von der astronomischen Zeit abweichen. Eine konkrete Obergrenze ist vorgesehen, weil manche Software einen solchen Maximalwert benötigt.

Für den Alltag wäre die zunehmende Abweichung von der Sonnenzeit zunächst ohne Bedeutung. Auswirkungen wären vor allem für Astronomen sowie Fachleute der Geodäsie und der Vermessung der Erdoberfläche zu erwarten.

Einheitliche Zeit für vernetzte Systeme

Die geplante Abkehr von der Schaltsekunde betrifft vor allem technische Systeme, die weltweit dieselbe Zeitreferenz benötigen. Finanzmärkte, Telekommunikationsnetze, Satellitennavigation, Rechenzentren und Energieversorgung arbeiten mit hochgenauen Zeitstempeln. Eine sprunghafte Korrektur um eine Sekunde kann dabei zu Fehlinterpretationen führen, wenn Software sie nicht einheitlich verarbeitet.

Die bisherige Regel verbindet zwei unterschiedliche Anforderungen: Atomuhren liefern eine gleichmäßige Skala, während die Erdrotation die astronomische Orientierung bestimmt. Mit der vorgesehenen größeren zulässigen Abweichung würde UTC stärker zu einer stabilen technischen Zeit werden. Die Verbindung zur Sonnenzeit bliebe erhalten, würde aber nicht mehr in kurzen Ein-Sekunden-Schritten nachgeführt.

Folgen für Alltag und Forschung

Für die meisten Menschen hätte die Änderung zunächst keine spürbare Wirkung. Die gesetzliche Uhrzeit weicht schon heute wegen Zeitzonen, Sommerzeit und geografischer Lage von der lokalen Sonnenzeit ab. Anders ist die Situation für Astronomie, Geodäsie und Raumfahrt, die den Bezug zwischen Uhrzeit und Erdrotation präzise berücksichtigen müssen.

Die Entscheidung wäre daher weniger eine Änderung des Alltags als eine technische Weichenstellung. Sie soll das Risiko einer erstmals nötigen Minus-Schaltsekunde vermeiden und langfristig planbarere Zeitstempel schaffen. Zugleich müsste die Fachwelt Verfahren entwickeln, um die wachsende Differenz zwischen UTC und UT1 zuverlässig auszugleichen.

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