Schaltsekunde: 27-mal angepasst, jetzt steht das Ende bevor
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Versailles entscheidet über die Weltzeit
- Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht will die Schaltsekunde abschaffen.
- Seit 1972 wurde die zusätzliche Sekunde 27 Mal eingesetzt, zuletzt Ende 2016.
- Nach dem Vorschlag soll die neue Regelung am 20. Mai 2027 beginnen.
Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht will die Schaltsekunde abschaffen, die bislang Unterschiede zwischen Erdrotation und Atomzeit ausgleicht.
Zwei Zeitmaßstäbe laufen auseinander
Die Koordinierte Weltzeit UTC beruht auf Atomuhren und läuft gleichmäßig. Die astronomische Zeit UT1 richtet sich dagegen nach der Erdrotation, deren Geschwindigkeit geringfügig von Tag zu Tag, über Jahreszeiten und über längere Zeiträume schwankt.
Damit beide Skalen höchstens 0,9 Sekunden auseinanderliegen, entscheidet der Internationale Erdrotations- und Referenzsystemdienst über zusätzliche oder abzuziehende Sekunden. Seit Einführung des Verfahrens 1972 geschah dies 27 Mal.
Letzte Korrektur kam 2016
Die Schaltsekunde wurde bislang am Ende des 30. Juni oder 31. Dezember eingefügt. Dadurch hatte die betreffende Minute 61 statt 60 Sekunden. Zuletzt wurde Ende 2016 eine Schaltsekunde ergänzt.
Für Menschen bleibt die Anpassung meist unbemerkt. Computersysteme können durch das Sonderereignis jedoch gestört werden; betroffen sein könnten auch Energieversorgung, Telekommunikation und Verkehr.
Beschleunigte Erdrotation erhöht den Druck
Über lange Zeiträume bremsen Gezeitenkräfte von Mond und Sonne die Erdrotation. In den vergangenen Jahren beschleunigte sie sich jedoch leicht. Dadurch könnte erstmals eine Minus-Schaltsekunde nötig werden, bei der eine Sekunde entfällt.
Eine solche Korrektur wurde noch nie umgesetzt. Die Industrie rechnet nach Angaben der Generalkonferenz mit erheblichen technischen Vorbereitungen und zusätzlichen Kosten. Die Wahrscheinlichkeit einer notwendigen Minus-Schaltsekunde steigt demnach in den kommenden Jahren.
UTC soll langfristig kontinuierlich laufen
Die Generalkonferenz schlägt deshalb eine kontinuierliche UTC ohne sprunghafte Ein-Sekunden-Korrekturen vor. Die Differenz zur astronomischen Zeit dürfte künftig bis zu 3.600 Sekunden, also eine Stunde, betragen.
Die finale Bestätigung soll am 15. Oktober im französischen Versailles erfolgen. Nach dem bisherigen Vorschlag würde die neue Regelung am 20. Mai 2027 in Kraft treten.
Folgen vor allem für Fachanwendungen
Mit dem Ende der Schaltsekunde würden sich UTC und UT1 schrittweise weiter voneinander entfernen. Die offizielle Uhrzeit würde dadurch stärker vom Sonnenstand abweichen, was im Alltag für lange Zeit ohne Bedeutung bliebe.
Größere Bedeutung hätte die Änderung für Fachleute, die mit astronomischer Zeit arbeiten. Dazu zählen insbesondere Astronomen sowie Experten für Geodäsie und Vermessung.
Warum die Sekunde technisch zählt
Die Schaltsekunde verbindet zwei unterschiedlich laufende Zeitmaßstäbe: Atomuhren liefern eine gleichmäßige Referenz, während die Erdrotation schwankt. Für den Alltag ist dieser Unterschied kaum wahrnehmbar, für digitale Systeme mit synchronisierten Zeitstempeln kann eine eingefügte Sekunde jedoch ein Sonderereignis darstellen.
Die geplante Abschaffung folgt damit vor allem einem technischen Ziel. Energieversorgung, Telekommunikation, Verkehr, Finanzsysteme und globale Datennetze arbeiten zunehmend automatisiert und grenzüberschreitend. Ein kontinuierlicher Zeitmaßstab lässt sich in solchen Umgebungen leichter planen und verarbeiten als eine kurzfristige Korrektur, die nicht jedes System gleich behandelt.
Eine langfristige Verschiebung
Die Änderung würde die astronomische Zeit nicht abschaffen, sondern ihre Abweichung von der offiziellen Weltzeit langsam anwachsen lassen. Für die meisten Menschen hätte das über lange Zeit keine praktische Folge. Relevant bliebe die Differenz vor allem für Astronomie, Geodäsie und Anwendungen, die sich unmittelbar an der Erdrotation orientieren.
Die geplante Grenze von bis zu 3.600 Sekunden schafft einen großen zeitlichen Puffer. Zugleich verlagert sie die Aufgabe von regelmäßigen Korrekturen auf eine langfristige Abstimmung zwischen Zeitmessung, Wissenschaft und technischen Standards. Die Entscheidung in Versailles soll deshalb weniger den Alltag verändern als die Grundlage moderner digitaler Infrastruktur stabilisieren.
