Rückenschmerzen: Bei 90 Prozent hilft Rehabilitation oft ohne Operation
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 09:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deRückenschmerzen gehören weltweit zu den häufigsten gesundheitlichen Beschwerden, doch viele Annahmen über deren Ursachen und Behandlung gelten mittlerweile als überholt.
Der Berufsverband Physio Deutschland tritt verbreiteten Fehleinschätzungen entgegen und betont, dass starke Schmerzen nicht automatisch auf einen schweren körperlichen Schaden hinweisen. Während früher häufig strenge Schonung verordnet wurde, gilt Bettruhe heute als kontraproduktiv; moderate Aktivität fördert den Heilungsprozess weitaus wirksamer.
Bewegung statt Schonhaltung im Alltag
Nach Angaben von Physio Deutschland sind alltägliche Bewegungen wie Bücken und Heben keineswegs gefährlich, da die menschliche Wirbelsäule von Natur aus belastbar ist. Langfristig zeigen gezielte Bewegung, kontinuierliches Training sowie eine physiotherapeutische Begleitung die besten Resultate bei der Genesung.
Auch der Traumatologe Carlos Martín vom Hospital Universitario Sanitas La Moraleja in Madrid spricht sich gegen absolute Bettruhe bei Rückenschmerzen aus. Betroffene sollten Aktivität und Ruhephasen abwechseln und ihre Beweglichkeit schrittweise wieder aufbauen.
Schmerz bei Bewegung bedeute nicht zwingend einen größeren Gewebeschaden. Allerdings warnt Martín, dass bei Begleitsymptomen wie Kraftverlust, Gefühlsstörungen, Problemen bei Blasen- oder Darmfunktion, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder nach einem Unfall eine sofortige ärztliche Abklärung nötig ist.
Besonders bei älteren Menschen könne schon eine kurze Phase der Inaktivität zu einem raschen Funktionsverlust führen, weshalb eine angepasste Bewegung beibehalten werden sollte, sofern keine gegenteilige ärztliche Anweisung vorliegt.
Auch die Segeberger Kliniken weisen darauf hin, dass regelmäßige Bewegung statt langem Sitzen Beschwerden vorbeugt. Sitzphasen sollten stündlich unterbrochen werden, flankiert durch Treppensteigen, kurze Wege zu Fuß und eine gezielte Kräftigung der Rumpfmuskulatur.
Christian Zahn, Leiter der Bewegungstherapie an den Segeberger Kliniken, unterstreicht, dass es im Grunde keine verbotenen Bewegungen gebe, sondern kleine, regelmäßige Einheiten den Ausschlag geben.
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Bildgebung und operative Eingriffe kritisch abwägen
Ein weiterer von Physio Deutschland hervorgehobener Punkt betrifft diagnostische Verfahren: Befunde aus Magnetresonanztomografien (MRT) und Röntgenaufnahmen zeigen häufig strukturelle Veränderungen, die in gleicher Weise bei völlig beschwerdefreien Menschen vorkommen.
Daten aus The Lancet Rheumatology verdeutlichen die Tragweite des Thema. Weltweit sind demnach 619 Millionen Menschen von Rückenschmerzen betroffen, wobei ein Anstieg auf 843 Millionen bis zum Jahr 2050 prognostiziert wird. Zwischen 4 und 25 Prozent der akuten Episoden nehmen einen chronischen Verlauf von über drei Monaten an.
Eine US-Studie aus dem Jahr 2020 mit rund 400.000 Primärversorgungspatienten zeigte zudem, dass Personen, die frühzeitig ein MRT erhielten, in der Folge häufiger Opioide verschrieben bekamen, sich mehr Rückenoperationen unterzogen und nach einem Jahr über stärkere Schmerzen klagten.
Die jährlichen Kosten belaufen sich auf etwa 6 Milliarden Euro (5 Milliarden Pfund) im Vereinigten Königreich und rund 585 Milliarden Euro (635 Milliarden Dollar) in den USA.
Experten raten daher zur Zurückhaltung bei voreiligen operativen Eingriffen. Neurochirurg Karol Wi?niewski hob auf einer Fachkonferenz in Warschau hervor, dass sich die Beschwerden bei 90 Prozent der Patientinnen und Patienten durch eine korrekte Rehabilitation bessern und Operationen meist unnötig seien.
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Lediglich bei akuten neurologischen Ausfällen bleibe für eine operative Dekompression ein Zeitfenster von 24 bis 48 Stunden. Halten reine Schmerzen nach rund sechs Wochen Rehabilitation unverändert an, könne ein Eingriff erwogen werden; dauern Schmerzen länger als drei Wochen, sei eine vollständige Diagnostik angezeigt.
Bei sehr starken Schmerzen empfahl er vorübergehend fünf bis sieben Tage Ruhe und entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR), gefolgt von zielgerichteter Rehabilitation. Auch Professor Robert Gasik betonte, dass der Bewegungsapparat individuell variiere und die Wirbelsäule für Bewegung statt für statische Belastungen ausgelegt sei.
Trainingsanpassung und ganzheitliche Ansätze
Für die Praxis empfehlen Fachleute spezifische Übungen zur Mobilisation der Brustwirbelsäule, da Bewegungsmangel und sitzende Tätigkeiten oft zu Ausweichbewegungen über die Hals- und Lendenwirbelsäule führen.
Zu den geeigneten Übungen zählen unter anderem Rotationen im Vierfüßlerstand mit fünf bis zehn Wiederholungen pro Seite, Überstreckungen über einer Schaumstoffrolle für 20 bis 30 Sekunden sowie das Zusammenziehen der Schulterblätter für fünf Sekunden mit zehn bis 15 Wiederholungen. Vor Beginn eines neuen Programms sollte jedoch fachlicher Rat eingeholt werden.
Gleichzeitig raten Trainerinnen wie Brittany Noelle von klassischen Übungen wie Sit-ups oder Russian Twists ab, da sie durch Fehlhaltungen Wirbelsäule und Nacken belasten können. Stattdessen seien funktionelle Übungen wie der Dead Bug oder kurze Unterarmstütz-Intervalle sinnvoller, da Planks nach einer Minute an Effektivität verlieren.
Ergänzend betont auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihren Leitlinien von 2023 einen multimodalen Ansatz bei chronischen, unspezifischen Rückenschmerzen: Neben Bewegung und Patientenschulung werden kognitive Verhaltenstherapie sowie bedingt auch Massagen und manuelle Therapien empfohlen.
Wie psychologische Mechanismen wirken können, belegt zudem eine Studie aus dem Fachjournal JAMA Psychiatry von 2022 mit 151 Probanden: Nach vier Wochen einer Schmerzneubewertungstherapie (PRT) waren 66 Prozent der Teilnehmenden (33 von 50) schmerzfrei oder nahezu schmerzfrei, verglichen mit 20 Prozent in der Placebogruppe (10 von 51) und 10 Prozent bei Standardversorgung (5 von 50) – ein Effekt, der über ein Jahr hinweg weitgehend stabil blieb.
