Rückenleiden, Wirbelsäulenbehandlungen

Rückenleiden: 83 Prozent der Wirbelsäulenbehandlungen kommen ohne OP aus

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 12:08 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Klinik behandelte 83 Prozent der Wirbelsäulenfälle ohne Operation; Eingriffe bleiben vor allem deutlichen neurologischen Ausfällen vorbehalten.
Ein minimalistisch gestalteter, heller Behandlungsraum in einer Klinik mit natürlichem Lichteinfall und ruhiger Atmosphäre. Illustration mit AI erstellt.

Weltweit stellen Rückenschmerzen die führende Ursache für körperliche Beeinträchtigungen dar. Nach Schätzungen litten im Jahr 2020 rund 619 Millionen Menschen an entsprechenden Beschwerden; bis zum Jahr 2050 wird ein Anstieg auf 843 Millionen Betroffene prognostiziert.

Auch Nackenbeschwerden treten in der Bevölkerung häufig auf: In einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2020 gaben 47,5 Prozent der Befragten an, im vorangegangenen Jahr unter Nackenschmerzen gelitten zu haben, oft begleitet von Kopfschmerzen oder Schwindel.

Fachleute betonen anlässlich des Welttags der Wirbelsäule, dass operative Maßnahmen bei Rücken- und Nackenleiden keineswegs immer erforderlich sind. Im Mittelpunkt einer zeitgemäßen Versorgung steht eine differenzierte Diagnostik, die konservativen Therapiemethoden den Vorzug gibt.

Konservative Verfahren dominieren die klinische Praxis

Dass operative Eingriffe bei Wirbelsäulenerkrankungen zunehmend in den Hintergrund treten, belegen klinische Verlaufsdaten. Eine Auswertung des Mokdong Himchan Hospital über 96.200 Wirbelsäulenbehandlungen im Zeitraum von 2006 bis 2025 verdeutlicht diesen Wandel: Insgesamt 79.831 Behandlungen (83 Prozent) erfolgten auf nicht-chirurgischem Weg.

Darunter machten Injektionen mit 61.923 Fällen (64,4 Prozent) den größten Anteil aus, während 17.908 Interventionen (18,6 Prozent) als Eingriffe eingestuft wurden. Lediglich 16.369 Fälle (17 Prozent) erforderten eine Operation.

Über die Dekaden hinweg verschob sich das Verhältnis weiter: Der Anteil nicht-chirurgischer Therapien stieg am Hospital von 76,7 Prozent im Zeitraum von 2006 bis 2015 auf 87,4 Prozent zwischen 2016 und 2025. Entsprechend ging der chirurgische Anteil von 23,3 Prozent auf 12,6 Prozent zurück.

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Versteifungen und der Einsatz künstlicher Bandscheiben machten über 20 Jahre hinweg mit 3.746 Fällen lediglich 3,9 Prozent aus. Gleichzeitig gewann die minimalinvasive Technik an Bedeutung: Der Anteil endoskopischer Verfahren an den durchgeführten Wirbelsäulenoperationen wuchs von 2,5 Prozent im Jahr 2015 (22 von 889 Operationen) auf 59 Prozent im Jahr 2025 (405 von 687 Operationen).

Bildgebende Befunde allein rechtfertigen keinen Schnitt

Experten warnen vor einer Überinterpretation apparativer Diagnostik. Dr. Francisco Villarejo, Leiter der Neurochirurgie am Hospital Universitario La Luz, unterstrich, dass ein auffälliger Bildbefund allein keine Indikation für eine Operation darstellt.

Entscheidend sei vielmehr das Vorliegen neurologischer Ausfälle wie Kraftverlust sowie Sensibilitäts- oder Reflexstörungen. Die konservative Therapie habe Vorrang; chirurgische Optionen wie mikrochirurgische Eingriffe, Flavektomien, Foraminotomien oder Stabilisierungen seien signifikanten oder fortschreitenden Defiziten vorbehalten.

Dass sichtbare Veränderungen an der Wirbelsäule oft ohne Krankheitswert sind, bestätigte bereits eine Studie aus dem Jahr 2015 an über 3.000 beschwerdefreien Personen: Degenerative Bandscheibenveränderungen ließen sich auch bei völlig symptomlosen Teilnehmern regelmäßig nachweisen. Internationale Leitlinien sehen eine MRT-Untersuchung bei unkomplizierten Rückenschmerzen daher nicht zwingend vor.

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Zudem wies der Physiotherapeut Daniel Sanjuán Sánchez darauf hin, dass Schmerzintensität nicht automatisch mit dem Ausmaß einer Gewebeschädigung korreliere. Sowohl das vollständige Ignorieren von Beschwerden als auch strikte Schonung seien problematisch, da Bewegungsmangel den Genesungsprozess meist verlangsame.

Wann chirurgische Optionen und Abklärungen notwendig sind

Schlagen nicht-chirurgische Ansätze wie Physiotherapie, Gewichtsmanagement, Haltungskorrekturen und medikamentöse Therapien fehl oder liegt eine erhebliche Kompression von Nerven oder Rückenmark vor, kommen chirurgische Verfahren in Betracht.

Die minimalinvasive Wirbelsäulenchirurgie (MISS) nutzt verkleinerte Zugänge, Tubusretraktoren und mikroskopische Visualisierung, was Gewebetraumata sowie Blutverluste reduziert und teils eine Mobilisation am Tag des Eingriffs ermöglicht.

Dringender Handlungsbedarf besteht hingegen bei bestimmten Warnzeichen. Chefarzt Xiong Hui vom Zweiten Provinzkrankenhaus Shandong wies darauf hin, dass Symptome wie Taubheitsgefühle, Gangunsicherheit oder Kontrollverluste über Blase und Darm auf eine ernste Beteiligung von Nervenbahnen oder Rückenmark hinweisen und einer sofortigen ärztlichen Abklärung bedürfen.

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